Vorsorgliche offene Unterbringung eines volljährigen Jugendlichen im Massnahmenänderungsverfahren: Zulässig bei Scheitern der Betreuung (Art. 5, 18 JStG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 IV 172 · ATF 141 IV 172 · DTF 141 IV 172
- Datum
- 22.04.2015
- Geschäftsnummer
- 6B_115/2015
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 42 BGG Art. 106 BGG Art. 10 BV Art. 5 EMRK Art. 2 JStG Art. 5 JStG Art. 14 JStG Art. 15 JStG Art. 18 JStG Art. 19 JStG
Zusammenfassung
Ein zum Zeitpunkt der Anordnung bereits volljähriger Jugendlicher wehrte sich gegen seine vorsorgliche Einweisung in eine offene Erziehungseinrichtung. Die Jugendanwaltschaft hatte im Rahmen eines nachträglichen Massnahmenänderungsverfahrens diese Unterbringung angeordnet, nachdem die zuvor verfügte persönliche Betreuung gescheitert war. Der Beschwerdeführer machte geltend, es fehle an einer gesetzlichen Grundlage für vorsorgliche Massnahmen im Vollzugsverfahren und die Anordnung verletze das Legalitätsprinzip sowie sein Grundrecht auf persönliche Freiheit.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war. Es urteilte, dass die zuständige Behörde im Verfahren zur Änderung einer Schutzmassnahme gemäss Art. 18 JStG gestützt auf Art. 5 JStG auch dann eine vorsorgliche Unterbringung anordnen darf, wenn der Betroffene zwischenzeitlich volljährig geworden ist. Die Volljährigkeit stehe dem Verfahren nicht entgegen, da Massnahmen bis zur Vollendung des 22. Altersjahrs andauern können (Art. 19 Abs. 2 JStG). Eine Verletzung des Legalitätsprinzips oder der persönlichen Freiheit (Art. 10 BV) liege nicht vor, da die gesetzliche Grundlage durch die analoge Anwendung von Art. 5 JStG im Änderungsverfahren gegeben sei.
In materieller Hinsicht bestätigte das Gericht die Vorinstanz darin, dass die Voraussetzungen für die Krisenintervention erfüllt waren. Der Beschwerdeführer hatte trotz angeordneter persönlicher Betreuung weiterhin Cannabis konsumiert, die Schule abgebrochen und keine Tagesstruktur mehr gehabt. Diese akute Entwicklungsgefährdung rechtfertige die Unterbringung als verhältnismässiges Mittel, da ambulante Massnahmen offensichtlich nicht mehr ausreichten. Auch ein Verstoss gegen Art. 5 EMRK wurde verneint. Zwar greife Art. 5 Abs. 1 lit. d EMRK (Erziehungsaufenthalt Minderjähriger) wegen der Volljährigkeit nicht, jedoch sei die Freiheitsentziehung durch Art. 5 Abs. 1 lit. a EMRK gedeckt. Zwischen dem ursprünglichen Strafbefehl, der die persönliche Betreuung anordnete, und der späteren Unterbringung bestehe ein hinreichender kausaler Zusammenhang, da die spätere Anpassung der Massnahme im System des Jugendstrafrechts angelegt ist.
Hinsichtlich des rechtlichen Gehörs und der Willkürrüge (Art. 106 Abs. 2 BGG) stellte das Gericht fest, dass die Vorinstanz den Sachverhalt korrekt gewürdigt habe. Der Beschwerdeführer entferne sich mit seinen bagatellisierenden Darstellungen unzulässig vom festgestellten Sachverhalt. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wurde gutgeheissen.
Regeste
Art. 5, 15 und 18 JStG; vorsorgliche Anordnung von Schutzmassnahmen während des Massnahmenvollzugs im Verfahren betreffend Änderung einer Massnahme. Das Jugendstrafrecht strebt die täterorientierte Sanktionierung minderjähriger Straftäter an. Die Sanktionen verfolgen das Ziel, den zu beurteilenden Jugendlichen von der Begehung weiterer Straftaten abzuhalten und dessen Weiterentwicklung zu fördern und günstig zu beeinflussen. Das Jugendstrafrecht kennt neben Strafen namentlich Schutzmassnahmen (E. 3.1). Schutzmassnahmen sollen den Bedürfnissen des Jugendlichen insbesondere nach Erziehung und Schutz Rechnung tragen. Aufgrund geänderter Verhältnisse kann sich eine bestehende Schutzmassnahme als nicht mehr zweckmässig erweisen und durch eine andere ersetzt werden. Die Änderbarkeit der Massnahmen bildet Wesensmerkmal des Jugendstrafrechts. Bei gegebenen Voraussetzungen ist ein Verfahren betreffend Änderung der Massnahme einzuleiten (E. 3.2). Gegebenenfalls kann die neue Schutzmassnahme während des Massnahmenvollzugs im Verfahren betreffend Änderung einer Massnahme vorsorglich angeordnet werden (E. 3.4). Regeste Art. 5, 15 et 18 DPMin; mesures de protection ordonnées à titre provisionnel pendant l'exécution d'une mesure, dans la procédure concernant la modification d'une mesure. Le droit pénal des mineurs vise à infliger aux mineurs délinquants des sanctions adaptées à leur condition. Les sanctions ont pour but de prévenir la commission de nouveaux actes pénalement répréhensibles par le mineur ainsi que de soutenir et favoriser son évolution ultérieure. Le droit pénal des mineurs comprend, à côté des peines, notamment des mesures de protection (consid. 3.1). Les mesures de protection doivent tenir compte des besoins des mineurs, en particulier en matière d'éducation et de protection. Une mesure de protection en cours peut n'apparaître plus appropriée en raison d'un changement de situation et être remplacée par une autre. L'adaptabilité des mesures est caractéristique du droit pénal des mineurs. Lorsque les conditions en sont réalisées, une procédure relative à la modification d'une mesure doit être ouverte (consid. 3.2). Cas échéant, la nouvelle mesure de protection peut être ordonnée à titre provisionnel pendant l'exécution d'une mesure, dans le cadre de la procédure de modification d'une mesure (consid. 3.4). Regesto Art. 5, 15 e 18 DPMin; misure protettive cautelari ordinate durante l'esecuzione di una misura nell'ambito di una procedura di sostituzione di una misura. Il diritto penale minorile si prefigge di infliggere ai minori, autori di infrazioni, delle sanzioni confacenti alla loro condizione. Le sanzioni perseguono lo scopo di prevenire la commissione di ulteriori reati da parte del minore e di promuovere nonché favorire la sua evoluzione futura. Oltre alle pene, il diritto penale minorile contempla in particolare le misure protettive (consid. 3.1). Le misure protettive devono tener conto dei bisogni del minore, segnatamente in relazione all'educazione e alla protezione. Una misura protettiva in essere può rivelarsi non più adeguata in seguito a un cambiamento della situazione e può essere sostituita da un'altra. La modificabilità delle misure caratterizza il diritto penale minorile. Se i presupposti sono dati, occorre incoare una procedura volta alla sostituzione della misura (consid. 3.2). Se del caso, la nuova misura protettiva può essere ordinata a titolo cautelare durante l'esecuzione della misura nell'ambito della procedura di sostituzione della misura (consid. 3.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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