Fahrzeugführerin überschreitet bezahlte Parkzeit auf staatlichem Parkplatz: Strafbarkeit nach kantonalem Übertretungsrecht verneint, da Areal öffentliche Strasse i.S.v. SVG (Art. 1 SVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 IV 30 · ATF 148 IV 30 · DTF 148 IV 30
- Datum
- 23.08.2021
- Geschäftsnummer
- 6B_384/2020
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 1 OBV Art. 30 SSV Art. 48 SSV Art. 104 SSV Art. 113 SSV Art. 1 SVG Art. 3 SVG Art. 5 SVG Art. 90 SVG Art. 1 StGB Art. 20 UeStG/LU Art. 1 VRV Art. 258 ZPO Art. 229 aZPO/LU
Zusammenfassung
Eine Fahrzeugführerin parkte auf einem staatlichen Parkareal in Luzern und überschritt die bezahlte Parkzeit. Sie wurde vom Kantonsgericht Luzern wegen Widerhandlung gegen ein gerichtliches Verbot nach dem kantonalen Übertretungsstrafgesetz verurteilt. Die Privatklägerin hatte zivilrechtlich Schadensersatz gefordert. Die Beschwerdeführerin rügte vor dem Bundesgericht, ihr Verhalten sei nach dem Bundesstrassenverkehrsgesetz zu beurteilen und nicht nach kantonalem Übertretungsrecht, weil das Areal eine öffentliche Strasse sei. Es war streitig, ob das Parkareal während der Randzeiten als öffentliche Strasse im Sinne des Strassenverkehrsgesetzes anzusehen sei und ob ein gerichtliches Verbot nach der Zivilprozessordnung dort zulässig sei.
Das Bundesgericht hebt das Urteil des Kantonsgerichts Luzern auf und spricht die Beschwerdeführerin vom Vorwurf der Widerhandlung gegen ein gerichtliches Verbot frei. Es stellt fest, dass das Parkareal C.________ in Luzern zu den Randzeiten – also auch zum Zeitpunkt der Tat am 13. April 2018 zwischen 19.51 Uhr und 20.19 Uhr – einer unbestimmten Personengruppe zur Benutzung offensteht und daher eine öffentliche Strasse im Sinne von Art. 1 SVG i.V.m. Art. 1 Abs. 2 VRV darstellt. Weil das Areal als öffentliche Strasse gilt, ist das Verhalten der Beschwerdeführerin als Motorfahrzeugführerin ausschliesslich nach dem Bundesstrassenverkehrsgesetz und seinen Ausführungsbestimmungen zu beurteilen; eine Bestrafung nach dem kantonalen Übertretungsstrafgesetz ist deshalb unzulässig. Der Grundsatz der Legalität gemäss Art. 1 StGB und Art. 7 EMRK verbietet eine strafrechtliche Verfolgung ohne klare gesetzliche Grundlage, was hier fehlt. Ein gerichtliches Verbot nach Art. 258 ZPO ist für öffentliche Strassen nicht zulässig, da der Gemeingebrauch nur auf öffentlich-rechtlichem Weg eingeschränkt werden darf. Die Signalisation mit SSV-Signalen rechtfertigt kein Vertrauen darauf, dass die Regelung nach der Ordnungsbussenverordnung gelte, weil die Schilder ausdrücklich auf das gerichtliche Verbot und die Anwendung des kantonalen Übertretungsrechts hinweisen. Das Bundesgericht verweist die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück. Der Kanton Luzern und die Privatklägerin tragen jeweils Fr. 1'500.-- Parteientschädigung an die Beschwerdeführerin. Die Entscheidung klärt endgültig, dass ein staatliches Parkareal, das faktisch dem allgemeinen Verkehr dient, als öffentliche Strasse gilt – unabhängig vom Eigentum – und damit ausschliesslich bundesrechtlich geregelt wird.
Regeste
§ 229 aZPO/LU; § 20 UeStG/LU, Art. 258 ZPO, Art. 1 SVG, Art. 1 Abs. 2 VRV; allgemeines bzw. gerichtliches Verbot; öffentliche Strasse. Im Rahmen des Strafverfahrens wegen kantonaler Übertretung eines allgemeinen bzw. gerichtlichen Verbots kann man sich grundsätzlich darauf berufen, das Verbot sei nicht zulässig (E. 1.3). Der Charakter als öffentliche Strasse im Sinne des Strassenverkehrsrechts hängt von ihrer tatsächlichen Benutzung ab und nicht davon, ob sie in privatem oder öffentlichem Eigentum steht (E. 1.4.2). Der Begriff der öffentlichen Strasse i.S.v. Art. 1 SVG i.V.m. Art. 1 Abs. 2 VRV ist weiter als der Begriff der öffentlichen Sache im Gemeingebrauch nach öffentlich-sachenrechtlicher Terminologie. Ist ein Areal im fraglichen Zeitpunkt eine öffentliche Strasse im Sinne des Strassenverkehrsrechts, beurteilt sich das Verhalten der Motorfahrzeugführerin, wie beispielsweise das Überschreiten der zulässigen Parkzeit, nach dem SVG und dessen Ausführungsbestimmungen, weshalb eine Bestrafung wegen kantonaler Übertretung eines allgemeinen bzw. gerichtlichen Verbots nicht zulässig ist (E. 1.5). Regeste § 229 aCPC/LU; § 20 LContr/LU, art. 258 CPC, art. 1 LCR, art. 1 al. 2 OCR; interdiction générale resp. judiciaire; route publique. Dans le cadre d'une procédure pénale pour contravention cantonale à une interdiction générale ou judiciaire, l'on peut en principe se prévaloir de l'inadmissibilité de l'interdiction (consid. 1.3). Le caractère de route publique au sens du droit de la circulation routière dépend de son utilisation effective et non du fait qu'elle relève de la propriété privée ou publique (consid. 1.4.2). La notion de route publique au sens de l'art. 1 LCR en lien avec l'art. 1 al. 2 OCR est plus large que la notion de domaine public à usage commun selon la terminologie du droit public. Si une aire est une route publique au sens du droit de la circulation routière au moment déterminant, le comportement de la conductrice du véhicule à moteur, consistant par exemple à dépasser le temps de stationnement autorisé, est jugé selon la LCR et ses dispositions d'exécution, raison pour laquelle une condamnation pour contravention cantonale à une interdiction générale ou judiciaire n'est pas admissible (consid. 1.5). Regesto § 229 vCPC/LU; § 20 LContr/LU, art. 258 CPC, art. 1 LCStr, art. 1 cpv. 2 ONC; divieto generale rispettivamente giudiziale; strada pubblica. Nell'ambito di un procedimento penale per contravvenzione di diritto cantonale a un divieto generale rispettivamente giudiziale è in linea di principio possibile avvalersi dell'inammissibilità del divieto (consid. 1.3). Il carattere di strada pubblica secondo il diritto della circolazione stradale dipende dal suo effettivo utilizzo e non dal fatto che la strada sia di proprietà privata o pubblica (consid. 1.4.2). La nozione di strada pubblica giusta l'art. 1 LCStr unitamente all'art. 1 cpv. 2 ONC è più vasta di quella di dominio pubblico di uso comune secondo la terminologia del diritto del demanio pubblico. Se un'area costituisce, al momento determinante, una strada pubblica ai sensi del diritto della circolazione stradale, il comportamento della conducente di un veicolo a motore, come ad esempio il superamento della durata di parcheggio autorizzata, dev'essere giudicato sulla base della LCStr e delle relative disposizioni esecutive, motivo per cui non è ammissibile una condanna per contravvenzione di diritto cantonale a un divieto generale rispettivamente giudiziale (consid. 1.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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