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Justizze. Art. 228 ZPO

Bundesgericht

Beschwerdeführerin lehnt Videokonferenz-Hauptverhandlung ab: Keine gesetzliche Grundlage in der ZPO, Beschwerde gutgeheissen (Art. 228 ff. ZPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 146 III 194 · ATF 146 III 194 · DTF 146 III 194
Datum
06.07.2020
Geschäftsnummer
BGE 146 III 194
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 54 ZPO Art. 68 ZPO Art. 124 ZPO Art. 130 ZPO Art. 133 ZPO Art. 134 ZPO Art. 139 ZPO Art. 146 ZPO Art. 147 ZPO Art. 170 ZPO Art. 171 ZPO Art. 174 ZPO Art. 176 ZPO Art. 181 ZPO Art. 228 ZPO Art. 229 ZPO Art. 231 ZPO Art. 232 ZPO Art. 233 ZPO Art. 234 ZPO Art. 235 ZPO Art. 239 ZPO Art. 273 ZPO Art. 278 ZPO

Zusammenfassung

Eine Klägerin erhob Klage gegen eine Aktiengesellschaft auf Aushändigung von Namenaktien. Das Handelsgericht des Kantons Zürich ordnete an, die mündliche Hauptverhandlung am 7. April 2020 per Videokonferenz durchzuführen. Die Beklagte, welche die Durchführung einer mündlichen Hauptverhandlung verlangt hatte, lehnte die Videokonferenz ab und beantragte eine gesetzeskonforme Durchführung. Das Handelsgericht wies das Gesuch ab und führte die Verhandlung trotzdem per Videokonferenz durch, an der die Beklagte nicht teilnahm. Das Handelsgericht sprach daraufhin vollumfänglich zugunsten der Klägerin. Dagegen erhob die Beklagte Beschwerde ans Bundesgericht.

Das Bundesgericht hat die Beschwerde der C. AG gutgeheissen und das Urteil des Handelsgerichts aufgehoben.

Die Vizepräsidentin des Handelsgerichts hatte ohne Einverständnis beider Parteien angeordnet, dass die Hauptverhandlung am 7. April 2020 mittels Videokonferenz stattfinden solle. Die Zivilprozessordnung (ZPO) sieht jedoch keine Möglichkeit vor, eine Hauptverhandlung per Videokonferenz durchzuführen, es sei denn, beide Parteien verzichten gemeinsam darauf oder vereinbaren sie ausdrücklich. Die ZPO setzt vielmehr physische Anwesenheit der Parteien und Gerichtsmitglieder am gleichen Ort voraus – etwa bei der Beweisabnahme nach Art. 231 ZPO, bei der Befragung von Zeugen nach Art. 170 Abs. 2 und 3 ZPO, bei der Übergabe des schriftlichen Dispositivs nach Art. 239 Abs. 1 lit. a ZPO sowie bei säumnisrechtlichen Folgen nach Art. 133–134, Art. 147 Abs. 1 ZPO. Auch die Regelungen zu elektronischer Kommunikation in Art. 130 und Art. 139 ZPO setzen ausdrücklich das Einverständnis der Parteien voraus. Der Bundesrat hatte zwar in einem Entwurf zur Änderung der ZPO (E-ZPO) die Einführung von Videokonferenzen vorgesehen, diese war aber zum Zeitpunkt der Verhandlung noch nicht in Kraft. Die am 16. April 2020 in Kraft getretene COVID-19-Verordnung Justiz und Verfahrensrecht konnte nicht als Rechtsgrundlage herangezogen werden, da sie erst nach der strittigen Hauptverhandlung vom 7. April 2020 wirksam wurde. Damit entbehrte die Anordnung der Videokonferenz jeglicher gesetzlicher Grundlage und verstieß gegen Art. 228 ff. ZPO, Art. 124 Abs. 1 Satz 1 ZPO, Art. 130 Abs. 1 und 2 ZPO, Art. 139 Abs. 1 und 2 ZPO, Art. 170–176 ZPO, Art. 181 Abs. 3 ZPO, Art. 229 Abs. 2 ZPO, Art. 231–235 ZPO, Art. 239 Abs. 1 lit. a ZPO, Art. 273 Abs. 2 ZPO, Art. 278 ZPO und Art. 68 Abs. 4 ZPO.

Die Kostenentscheidung wird nicht im Text erwähnt. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klargestellt hat, dass die ZPO zum Zeitpunkt der Pandemie im Frühjahr 2020 keine Videokonferenz-Hauptverhandlung ohne Einverständnis zuließ – auch nicht unter Berufung auf Notstandsregelungen, die erst nachträglich erlassen wurden.

Regeste

Art. 228 ff. ZPO; Hauptverhandlung; Videokonferenz. Die Parteien haben Anspruch auf rechtskonforme Abhaltung der Hauptverhandlung, soweit sie nicht gemeinsam auf eine solche verzichten. Es fehlt im Anwendungsbereich der ZPO an einer rechtlichen Grundlage, die Hauptverhandlung ohne Einverständnis aller Parteien im Rahmen einer Videokonferenz durchzuführen (E. 3). Hinweis auf die in casu nicht anwendbare Verordnung vom 16. April 2020 über Massnahmen in der Justiz und im Verfahrensrecht im Zusammenhang mit dem Coronavirus (COVID-19-Verordnung Justiz und Verfahrensrecht) (E. 4). Regeste Art. 228 ss CPC; débats principaux; visioconférence. Pour autant qu'elles n'y aient pas renoncé, les parties ont droit à la tenue de débats principaux selon les dispositions légales. Dans le champ d'application du CPC, il n'y a pas de base légale permettant de tenir des débats principaux par visioconférence sans l'accord de toutes les parties (consid. 3). Référence est faite à l'Ordonnance du 16 avril 2020 instaurant des mesures en lien avec le coronavirus dans le domaine de la justice et du droit procédural (Ordonnance COVID-19 justice et droit procédural), inapplicable en l'espèce (consid. 4). Regesto Art. 228 segg. CPC; dibattimento; videoconferenza. A meno che non vi abbiano congiuntamente rinunciato, le parti hanno diritto a uno svolgimento del dibattimento conforme al diritto. Nel campo di applicazione del CPC manca una base legale per effettuare un dibattimento mediante videoconferenza senza il consenso di tutte le parti (consid. 3). Riferimento all'Ordinanza del 16 aprile 2020 sulle misure nella giustizia e nel diritto procedurale in relazione al coronavirus (Ordinanza COVID-19 sulla giustizia e sul diritto procedurale), in concreto non applicabile (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.