Lizenzvertrag mit absolutem Gebietsschutz für Österreich verstösst gegen Kartellgesetz: Vertikale Wettbewerbsabrede nach Art. 5 Abs. 4 KG ist unzulässig (Art. 5 Abs. 4 KG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 II 297 · ATF 143 II 297 · DTF 143 II 297
- Datum
- 28.06.2016
- Geschäftsnummer
- 2C_180/2014
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 1 BALDI/SCHRANER Art. 106 BGG Art. 15 EMRK Art. 2 KG Art. 5 KG Art. 49a KG
Zusammenfassung
Ein Schweizer Unternehmen (Gaba) und ein österreichisches Unternehmen (Gebro) schlossen einen Lizenzvertrag, der Gebro das exklusive Recht einräumte, bestimmte Zahnpflegeprodukte in Österreich herzustellen und zu vertreiben, und gleichzeitig verbot, diese Produkte in andere Länder, insbesondere in die Schweiz, zu exportieren. Die Wettbewerbskommission (WEKO) stellte fest, dass dieser Vertrag eine unzulässige Gebietsabrede darstelle und sanktionierte beide Unternehmen. Gaba erhob Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, das die Sanktionierung teilweise korrigierte, aber im Kern bestätigte. Gaba legte daraufhin Beschwerde beim Bundesgericht ein.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Colgate-Palmolive Europe Sàrl (Rechtsnachfolgerin von Gaba) ab und bestätigte die Sanktionierung durch die Wettbewerbskommission.
Der entscheidende Grund war, dass der Lizenzvertrag vom 1. Februar 1982 zwischen Gaba und Gebro eine unzulässige vertikale Wettbewerbsabrede nach Art. 5 Abs. 4 Kartellgesetz (KG) darstellte. Konkret verpflichtete Ziffer 3.2 des Vertrags Gebro, die Vertragsprodukte ausschliesslich in Österreich zu vertreiben und weder direkt noch indirekt Exporte in andere Länder vorzunehmen. Dieser Passus stellte einen absoluten Gebietsschutz für die Schweiz dar, da sowohl aktive als auch passive Verkäufe in das Schweizer Gebiet ausdrücklich untersagt waren. Eine solche Abrede fällt unter den Tatbestand von Art. 5 Abs. 4 KG, der Abreden in Vertriebsverträgen über die Zuweisung von Gebieten, soweit Verkäufe in diese durch gebietsfremde Vertriebspartner ausgeschlossen werden, regelt. Der Vertrag war somit als Vertriebsvertrag im Sinne des KG zu qualifizieren, obwohl er formal ein Lizenzvertrag war, da die Klausel eine klare Vertriebsregelung enthielt.
Die Abrede fiel zudem in den räumlichen Geltungsbereich des KG, weil sie sich auf den schweizerischen Markt auswirkte. Gemäss Art. 2 Abs. 2 KG ist das Gesetz auf Sachverhalte anwendbar, die sich in der Schweiz auswirken, auch wenn sie im Ausland veranlasst werden. Durch das Verbot des Exports nach Österreich wurde möglicher Wettbewerb für Elmex-Produkte auf dem schweizerischen Markt unterbunden. Eine Rechtfertigung der Abrede durch Gründe der wirtschaftlichen Effizienz nach Art. 5 Abs. 2 KG lag nicht vor, da die Beschwerdeführerin hierzu keine Argumente vorbrachte. Somit war die Abrede nach Art. 5 Abs. 1 KG unzulässig.
Die Sanktionierung nach Art. 49a Abs. 1 KG war zulässig, da die Abrede den Tatbestand der unzulässigen Abrede nach Art. 5 Abs. 4 KG erfüllte und die Norm hinreichend bestimmt war, um das Verbot klar zu umreißen. Das Bundesgericht stellte fest, dass die Beschwerdeführerin als erfahrener Marktteilnehmerin bewusst sein musste, dass die Klausel problematisch war, insbesondere angesichts der parlamentarischen Debatten und der Bekanntmachung der WEKO vom 19. Februar 2002. Die Sanktionierung war daher auch subjektiv zurechenbar.
Die Gerichtskosten von 50'000 Franken wurden der Beschwerdeführerin auferlegt. Eine Parteientschädigung wurde nicht zugesprochen.
Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die Anwendung des Auswirkungsprinzips im Kartellrecht bestätigt und klärt, dass auch rein ausländische Verträge, die den Schweizer Markt beeinträchtigen, unter das Schweizer Kartellrecht fallen. Sie bekräftigt zudem die strenge Handhabung von absoluten Gebietsschutzklauseln als besonders schädliche Wettbewerbsbeschränkungen.
Regeste
Art. 2 Abs. 2, Art. 4 Abs. 1, Art. 5 Abs. 1-4, Art. 49a Abs. 1 KG; Art. 5 Abs. 1, Art. 96 BV; Art. 7 EMRK; Art. 23 Abs. 1 und 2 FHA; grundsätzlich erhebliche Wettbewerbsbeeinträchtigung von Abreden nach Art. 5 Abs. 3 und 4 KG; Abreden, die in Art. 5 Abs. 3 und 4 KG aufgeführt und nach Art. 5 Abs. 1 KG unzulässig sind, unterliegen der Sanktion nach Art. 49a Abs. 1 KG. Grundlagen des Auswirkungsprinzips nach Art. 2 Abs. 2 KG und dessen völkerrechtliche Zulässigkeit (E. 3 und 8). Erhebliche Beeinträchtigung des Wettbewerbs auf einem Markt: Auslegung und Inhalt des Begriffs "Erheblichkeit"; Abreden nach Art. 5 Abs. 3 und 4 KG erfüllen danach grundsätzlich das Kriterium der Erheblichkeit nach Art. 5 Abs. 1 KG (E. 5.1-5.3). Auslegung des Begriffs "Beeinträchtigung"; es genügt, dass Abreden den Wettbewerb potentiell beeinträchtigen können (E. 5.4). Auslegung von Art. 5 Abs. 4 KG und dessen Anwendung auf den Sachverhalt. In casu liegt eine vertikale Vertriebs-Wettbewerbsabrede mit einem absoluten Gebietsschutz i.S. von Art. 5 Abs. 4 KG vor (E. 6). Eine Rechtfertigung durch Gründe der wirtschaftlichen Effizienz gelingt nicht (E. 7). Sanktionierung nach Art. 49a KG: Die Passage "unzulässige Abreden nach Artikel 5 Absätze 3 und 4" in Art. 49a Abs. 1 KG verweist auf die in den beiden Absätzen aufgeführten Abreden (Bezugnahme auf den Abredetyp; E. 9.4). Art. 49a Abs. 1 KG verletzt Art. 7 EMRK nicht (E. 9.3 und 9.5). Sanktionierung in casu (E. 9.6 und 9.7). Regeste Art. 2 al. 2, art. 4 al. 1, art. 5 al. 1-4, art. 49a al. 1 LCart; art. 5 al. 1, art. 96 Cst.; art. 7 CEDH; art. 23 al. 1 et 2 ALE; atteinte en principe notable à la concurrence d'accords aux termes de l'art. 5 al. 3 et 4 LCart; les accords, qui sont énumérés à l'art. 5 al. 3 et 4 LCart et qui sont illicites aux termes de l'art. 5 al. 1 LCart, sont soumis à la sanction prévue par l'art. 49a al. 1 LCart. Fondements du principe des effets de l'art. 2 al. 2 LCart et admissibilité de celui-ci sous l'angle du droit international (consid. 3 et 8). Atteinte notable à la concurrence sur un marché: interprétation et contenu de la notion de "notable"; les accords aux termes de l'art. 5 al. 3 et 4 LCart remplissent en principe le critère du caractère notable de l'art. 5 al. 1 LCart (consid. 5.1-5.3). Interprétation de la notion d'"affectation"; il suffit que les accords puissent potentiellement porter atteinte à la concurrence (consid. 5.4). Interprétation de l'art. 5 al. 4 LCart et application au cas d'espèce. En l'occurrence, existence d'un accord vertical de distribution avec une protection territoriale absolue au sens de l'art. 5 al. 4 LCart (consid. 6). Une justification fondée sur des motifs d'efficacité économique n'est pas admissible (consid. 7). Sanction selon l'art. 49a LCart: l'expression "accord illicite aux termes de l'art. 5, al. 3 et 4" dans l'art. 49a al. 1 LCart renvoie aux accords mentionnés dans les deux alinéas cités (référence au type d'accord; consid. 9.4). L'art. 49a al. 1 LCart ne viole pas l'art. 7 CEDH (consid. 9.3 et 9.5). Sanction dans le cas d'espèce (consid. 9.6 et 9.7). Regesto Art. 2 cpv. 2, art. 4 cpv. 1, art. 5 cpv. 1-4, art. 49a cpv. 1 LCart; art. 5 cpv. 1, art. 96 Cost.; art. 7 CEDU; art. 23 cpv. 1 e 2 ALS; intralcio di principio notevole alla concorrenza di accordi giusta l'art. 5 cpv. 3 e 4 LCart; accordi che sono enumerati nell'art. 5 cpv. 3 e 4 LCart e che sono illeciti giusta l'art. 5 cpv. 1 LCart sottostanno alla sanzione prevista dall'art. 49a cpv. 1 LCart. Fondamenti del principio degli effetti di cui all'art. 2 cpv. 2 LCart e ammissibilità dello stesso nell'ottica del diritto internazionale (consid. 3 e 8). Intralcio notevole alla concorrenza su un mercato: interpretazione e contenuto del termine "notevole"; accordi ai sensi dell'art. 5 cpv. 3 e 4 LCart hanno di principio carattere notevole giusta l'art. 5 cpv. 1 LCart (consid. 5.1-5.3). Interpretazione della nozione di "intralcio"; basta che gli accordi possano potenzialmente intralciare la concorrenza (consid. 5.4). Interpretazione dell'art. 5 cpv. 4 LCart e applicazione dello stesso alla fattispecie. Nel caso in esame esiste un accordo verticale di distribuzione con protezione territoriale assoluta ai sensi dell'art. 5 cpv. 4 LCart (consid. 6). Una giustificazione fondata su ragioni d'efficienza economica non è ammissibile (consid. 7). Sanzione secondo l'art. 49a LCart: l'espressione "accordo illecito secondo l'articolo 5 capoversi 3 e 4" contenuta nell'art. 49a cpv. 1 LCart rinvia agli accordi menzionati in entrambi i capoversi citati (riferimento al tipo di accordo; consid. 9.4). L'art. 49a cpv. 1 LCart non viola l'art. 7 CEDU (consid. 9.3 e 9.5). Sanzione nel caso in esame (consid. 9.6 e 9.7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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