Eltern werden in Dublin-Haft genommen, während ihre drei älteren Kinder in ein Heim eingewiesen werden: Verletzung des Rechts auf Achtung des Familienlebens wegen fehlender Prüfung milderer Massnahmen (Art. 8 EMRK)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 I 437 · ATF 143 I 437 · DTF 143 I 437
- Datum
- 26.04.2017
- Geschäftsnummer
- BGE 143 I 437
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 76a AuG Art. 80a AuG Art. 10 BV Art. 13 BV Art. 25 BV Art. 36 BV Art. 3 EMRK Art. 5 EMRK Art. 8 EMRK Art. 76a LEtr Art. 80a LEtr
Zusammenfassung
Eine afghanische Familie mit vier Kindern – darunter ein vier Monate altes Baby und drei ältere Kinder – wurde nach Ablehnung ihres Asylgesuchs in der Schweiz und Wegweisung nach Norwegen inhaftiert. Die Eltern wurden getrennt voneinander und von ihren drei älteren Kindern untergebracht, die von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde in ein Kinderheim eingewiesen wurden. Die Eltern erhoben Beschwerde gegen die Haftanordnung und rügten Verstösse gegen mehrere Grundrechte, insbesondere gegen das Folterverbot, das Recht auf Freiheit und Sicherheit sowie das Recht auf Achtung des Familienlebens.
Das Bundesgericht hob die Haftanordnungen auf und erklärte die Beschwerde für begründet. Es stellte fest, dass die Behörden bei der Anordnung der Dublin-Haft keine weniger einschneidenden Massnahmen geprüft hatten – etwa die Unterbringung der ganzen Familie in einer betreuten Asylunterkunft, in kantonseigenen Liegenschaften oder in einem Durchgangsheim – obwohl solche Alternativen konkret genannt worden waren. Die getrennte Inhaftierung der Eltern und die Fremdplatzierung der drei älteren Kinder in einem Heim ohne jegliche Kontaktmöglichkeit zu den Eltern stellte einen schweren Eingriff in das konventionsrechtlich geschützte Familienleben dar. Dieser Eingriff war nicht als ultima ratio angeordnet und daher unverhältnismässig im Sinne von Art. 8 Ziff. 2 EMRK. Die Verletzung beruhte zudem auf Art. 76a AuG, dessen Voraussetzungen – insbesondere die Erforderlichkeit und Verhältnismässigkeit der Haft sowie die Unwirksamkeit milderer Massnahmen – nicht erfüllt waren. Auch Art. 80a Abs. 5 AuG wurde verletzt, weil die Behörde durch die Inhaftierung der Eltern selbst den Status der Kinder als unbegleitete Minderjährige herbeiführte, obwohl diese nach innerstaatlichem Recht nicht in Dublin-Haft genommen werden durften. Die Entscheidung beruht weiter auf Art. 28 Abs. 1 und 2 Dublin-Verordnung, die dieselben Voraussetzungen wie Art. 76a AuG fordert, sowie auf Art. 10 Abs. 3 BV und Art. 25 Abs. 3 BV als verfassungsrechtliche Fundamente. Das Gericht liess offen, ob die Ausschaffungshaft im Lichte von Art. 5 Ziff. 1 lit. f EMRK und die Heimeinweisung der Kinder als rechtlicher Freiheitsentzug rechtmässig war, da die Verletzung von Art. 8 EMRK bereits ausreichend war, um die Beschwerde gutzuheissen. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klargestellt hat, dass die bloße Tatsache, dass Kinder nicht in Dublin-Haft genommen werden dürfen, nicht automatisch rechtfertigt, sie in Heimen unterzubringen – vielmehr muss die Behörde aktiv alternative, familienfreundliche Lösungen prüfen und umsetzen.
Regeste
Art. 3, Art. 5 Ziff. 1 lit. f, Art. 8 EMRK; Art. 10 Abs. 3, Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 76a, Art. 80a Abs. 5 AuG; Art. 1 Abs. 3, Art. 4 Dublin-Assoziierungsabkommen; Art. 28 Abs. 1 und 2 Dublin-Verordnung. Ein durch das Folterverbot bzw. das Verbot unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung (Art. 3 EMRK) untersagtes Verhalten kann auch in einer Inhaftierung von Kindern in einer nicht kindergerecht ausgestalteten Umgebung liegen, wodurch sowohl die Rechtsstellung der Kinder wie auch diejenige naher Familienangehöriger tangiert sein kann (E. 2.2 und 2.3). Die getrennte Inhaftierung der Eltern unter Platzierung ihrer älteren drei Kinder in einem Heim ohne Möglichkeit eines telefonischen Kontakts erreicht die Schwelle von Art. 3 EMRK knapp noch nicht (E. 2.4). Frage offengelassen, ob die Ausschaffungshaft der Eltern im Lichte von Art. 5 Ziff. 1 lit. f EMRK und die als rechtlicher Freiheitsentzug zu qualifizierende Heimeinweisung der Kinder rechtmässig war (E. 3). Werden Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren, die nach innerstaatlichem Recht nicht in ausländerrechtliche Dublin-Haft genommen werden können, im Zusammenhang der Inhaftierung ihrer Eltern in ein Heim eingewiesen, führt die Behörde deren Status als unbegleitete Minderjährige herbei und vereitelt eine Zusammenführung mit nahen Familienangehörigen, wozu sie unter Art. 8 EMRK geradezu verpflichtet wäre. Ein solcher Eingriff in das Familienleben erweist sich unter Berücksichtigung des Kindeswohls nur als verhältnismässig im Sinne von Art. 8 Ziff. 2 EMRK, wenn die Inhaftierung als ultima ratio und nach gründlicher Prüfung weniger einschneidender Massnahmen sowie akribischer Berücksichtigung des Beschleunigungsgebots angeordnet wird. Fehlende Prüfung weniger einschneidender Massnahmen als einer Inhaftierung im vorliegenden Fall, weshalb Art. 8 EMRK verletzt worden ist (E. 4). Regeste Art. 3, art. 5 par. 1 let. f, art. 8 CEDH; art. 10 al. 3, art. 25 al. 3 Cst.; art. 76a, art. 80a al. 5 LEtr; art. 1 al. 3, art. 4 de l'Accord d'association à Dublin; art. 28 al. 1 et 2 du Règlement Dublin III. Un comportement contraire à l'interdiction de la torture, des peines et traitements inhumains ou dégradants (art. 3 CEDH) peut aussi résulter de la détention d'enfants dans un environnement inadapté à ces derniers et porter atteinte à leurs droits ainsi qu'aux droits des membres de leur famille proche (consid. 2.2 et 2.3). La détention séparée des parents et le placement de leurs trois enfants plus âgés dans un home sans possibilité de contacts téléphoniques ne dépasse, de peu, pas encore le seuil de l'art. 3 CEDH (consid. 2.4). La question de savoir si la détention en vue de renvoi des parents et le placement des enfants en home équivalant à une privation de liberté est conforme à l'art. 5 par. 1 let. f CEDH a été laissée ouverte (consid. 3). Lorsque des enfants de moins de 15 ans, que le droit interne ne permet pas de mettre en détention en vue de renvoi selon la procédure Dublin, sont placés dans un home tandis que leurs parents sont mis en détention en vue de renvoi, les autorités confèrent elles-mêmes aux premiers le statut de mineurs étrangers non accompagnés et portent atteinte à la réunification familiale qu'elles ont pourtant l'obligation de faciliter en application de l'art. 8 CEDH. Au regard du bien des enfants, une telle ingérence dans la vie de la famille n'est proportionnée au sens de l'art. 8 par. 2 CEDH que si la mise en détention n'est ordonnée que comme ultima ratio, après avoir éliminé, au terme d'un examen approfondi et dans le respect méticuleux du principe de célérité, d'autres mesures moins incisives. En l'espèce, absence d'examen de mesures moins incisives qu'une mise en détention de sorte que l'art. 8 CEDH a été violé (consid. 4). Regesto Art. 3, art. 5 n. 1 lett. f, art. 8 CEDU; art. 10 cpv. 3, art. 25 cpv. 3 Cost.; art. 76a, art. 80a cpv. 5 LStr; art. 1 cpv. 3, art. 4 dell'Accordo di associazione alla normativa di Dublino; art. 28 cpv. 1 e 2 del Regolamento Dublino III. Un comportamento contrario al divieto di tortura rispettivamente di pene e trattamenti inumani o degradanti (art. 3 CEDU) può risultare anche dalla detenzione di bambini in un ambiente inadatto agli stessi; ciò può comportare sia una lesione della loro posizione giuridica sia di quella dei membri più prossimi della famiglia (consid. 2.2 e 2.3). La carcerazione separata dei genitori e la collocazione dei loro tre figli più grandi in un istituto senza la possibilità di un contatto telefonico non raggiunge ancora, anche se di poco, la soglia dell'art. 3 CEDU (consid. 2.4). La questione a sapere se, nell'ottica dell'art. 5 n. 1 lett. f CEDU, la carcerazione in vista di rinvio coatto dei genitori e la collocazione dei figli in un istituto, giuridicamente equivalente a una privazione della libertà, era legale può rimanere indecisa (consid. 3). Quando bambini e giovani di meno di 15 anni, che in base al diritto interno non possono essere posti in carcerazione in vista di rinvio coatto secondo la procedura di Dublino, sono collocati in un istituto nel contesto della carcerazione dei loro genitori, l'autorità conferisce ai primi lo statuto di minori stranieri non accompagnati e impedisce il ricongiungimento con i familiari più prossimi, che avrebbe tuttavia l'obbligo di facilitare in applicazione dell'art. 8 CEDU. Tenuto conto del bene dei figli, una simile ingerenza è proporzionata ai sensi dell'art. 8 n. 2 CEDU solo se la carcerazione è ordinata come ultima ratio, dopo avere scartato, al termine di un esame approfondito e nel rispetto meticoloso del principio di celerità, altre misure meno incisive. Nella fattispecie, assenza di un esame delle misure meno incisive di una carcerazione, di modo che l'art. 8 CEDU è stato violato (consid. 4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
Verwandte Entscheide
- Afghanischer Asylsuchender nach Asylgesuch in Bulgarien inhaftiert: Dublin-Haft unzulässig ohne konkrete Untertauchensgefahr und rechtzeitige richterliche Prüfung (Art. 76a AuG)
- Asylsuchender aus Afghanistan wird in Ausschaffungshaft genommen, um nach Deutschland überstellt zu werden: Haftanordnung mangels konkreter Fluchtgefahr und unzureichender Verhältnismässigkeitsprüfung rechtswidrig (Art. 76a AuG)