Erlass von Grundverbilligungsvorschüssen: Steuerbarer Reinvermögenszugang, aber Zuweisung an Belegenheitskanton statt Wohnsitzkanton (Art. 16 DBG, Art. 127 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 140 II 353 · ATF 140 II 353 · DTF 140 II 353
- Datum
- 19.06.2014
- Geschäftsnummer
- BGE 140 II 353
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 127 BV Art. 16 DBG Art. 20 DBG Art. 23 DBG Art. 33 DBG Art. 33a DBG Art. 7 LHID Art. 9 LHID Art. 19 StG Art. 23 StG Art. 26 StG Art. 35 StG Art. 7 StHG Art. 9 StHG Art. 19 StHG
Zusammenfassung
Ein Liegenschaftseigentümer mit Wohnsitz im Kanton Appenzell Ausserrhoden erwarb 1985 in St. Gallen ein Mietobjekt, das über das Wohnbau- und Eigentumsförderungsgesetz (WEG) mit zinsvergünstigten Darlehen finanziert wurde. Im Jahr 2009 vereinbarte er mit dem Bundesamt für Wohnungswesen die Auflösung des Vertrags gegen eine Schlusszahlung, wobei ihm die verbleibende Restschuld samt aufgelaufener Zinsen in Höhe von rund 1,1 Millionen Franken erlassen wurde. Die Steuerverwaltung des Wohnsitzkantons Appenzell Ausserrhoden versteuerte diesen Erlass als Einkommen. Die Eigentümer fochten dies vor dem Obergericht an und rügten insbesondere eine Verletzung des Verbots der interkantonalen Doppelbesteuerung, da der Erlass wirtschaftlich mit dem unbeweglichen Vermögen in St. Gallen zusammenhänge.
Das Bundesgericht prüft zwei Hauptfragen: die Qualifikation des Schuldenerlasses als steuerbares Einkommen und die kantonale Zuständigkeit für die Besteuerung.
Hinsichtlich der materiellen Steuerbarkeit hält das Gericht fest, dass der nachträgliche Erlass der nicht zurückbezahlten Grundverbilligungsvorschüsse und der darauf aufgelaufenen Schuldzinsen einen steuerbaren Reinvermögenszugang darstellt. Ursprünglich als rückzahlbare Darlehen gewährt, verwandeln sich diese Beträge durch den Forderungsverzicht der Eidgenossenschaft im Zeitpunkt der Auflösungsvereinbarung (2009) in Einkommen. Dies entspricht der Reinvermögenszugangstheorie nach Art. 16 Abs. 1 DBG bzw. Art. 7 Abs. 1 Satz 1 StHG. Das Argument der Beschwerdeführer, sie hätten durch niedrigere Mieten eine "Gegenleistung" erbracht, wird verworfen; die Mietzinseinschränkungen seien lediglich Rahmenbedingungen der WEG-Förderung. Auch die Entwertung des Gebäudes oder kalkulatorische Abschreibungen rechtfertigen keine Steuerbefreiung, da Abschreibungen auf Privatliegenschaften nicht zulässig sind (Art. 28 DBG) und Unterhaltskosten separat geltend gemacht werden können.
Bezüglich der kantonalen Zuständigkeit gibt das Gericht der Beschwerde teilweise statt. Der Einkommenszufluss steht in einem untrennbaren Zusammenhang mit dem unbeweglichen Vermögen in St. Gallen. Er kompensiert die Mietzinsverluste, die der Eigentümer infolge der WEG-Auflagen erlitten hat. Daher ist der Erlass dem Belegenheitskanton (St. Gallen) zuzuweisen und nicht dem Wohnsitzkanton (Appenzell Ausserrhoden). Eine Besteuerung im Wohnsitzkanton würde gegen das Verbot der interkantonalen Doppelbesteuerung (Art. 127 Abs. 3 BV) verstossen. Es handelt sich weder um Finanzertrag (da kein bewegliches Vermögen zugrunde liegt) noch um übriges Einkommen (da der Bezug zum Immobilienvermögen besteht).
Die Vorinstanz hatte den Erlass zwar zu Recht als Einkommen qualifiziert, aber die falsche kantonale Zuständigkeit angenommen. Das Bundesgericht hebt das Urteil insoweit auf, als es die Besteuerung im Kanton Appenzell Ausserrhoden ausschliesst.
Regeste
a Art. 16 Abs. 1, Art. 33 und 33a DBG; Art. 7 Abs. 1 und Art. 9 Abs. 2 lit. a StHG; Grundverbilligungsvorschüsse gemäss dem Wohnbau- und Eigentumsförderungsgesetz; nachträglicher Erlass nicht zurückbezahlter Vorschüsse und darauf aufgelaufener Schuldzinsen als Einkommenszufluss. Gewährt die Eidgenossenschaft einem Liegenschafteneigentümer Grundverbilligungsvorschüsse in Form von verzinslichen Darlehen gemäss Art. 36 ff. WEG und erlässt sie dem Empfänger im Nachhinein die noch nicht zurückerstatteten Vorschüsse sowie darauf aufgelaufene Schuldzinsen, so bildet dieser Erlass einen steuerbaren Reinvermögenszugang (E. 4 und 5). Regeste b Art. 127 Abs. 3 BV; Verbot der interkantonalen Doppelbesteuerung; Erlass nicht zurückbezahlter Grundverbilligungsvorschüsse und darauf aufgelaufener Schuldzinsen. Der Erlass nicht zurückerstatteter Grundverbilligungsvorschüsse (samt darauf aufgelaufener Schuldzinsen) stellt weder Finanzertrag noch übriges Einkommen dar, sondern steht als Einkommenszufluss in Zusammenhang mit dem unbeweglichen Vermögen und ist dem Belegenheitskanton zuzuweisen (E. 7). Regeste a Art. 16 al. 1, art. 33 et 33a LIFD; art. 7 al. 1 et art. 9 al. 2 let. a LHID; avances relatives à l'abaissement de base d'après la loi fédérale encourageant la construction et l'accession à la propriété de logements; remise a posteriori d'avances non remboursées et des intérêts débiteurs y afférents en tant qu'accroissement du revenu. Lorsque la Confédération accorde au propriétaire d'un bien immobilier des avances relatives à l'abaissement de base sous la forme de prêts portant intérêt, conformément aux art. 36 ss LCAP, et qu'elle octroie ultérieurement au destinataire la remise des avances non encore remboursées ainsi que des intérêts débiteurs y afférents, cette remise constitue un accroissement imposable de la fortune nette (consid. 4 et 5). Regeste b Art. 127 al. 3 Cst.; interdiction de la double imposition intercantonale; remise d'avances non remboursées relatives à l'abaissement de base et des intérêts débiteurs y afférents. La remise d'avances non remboursées liées à l'abaissement de base (ainsi que des intérêts débiteurs y afférents) ne constitue ni un bénéfice financier, ni une autre forme de revenu; il s'agit d'un accroissement du revenu en rapport avec la fortune immobilisée, qui doit être rattaché au canton du lieu de situation (consid. 7). Regesto a Art. 16 cpv. 1, art. 33 e 33a LIFD; art. 7 cpv. 1 e art. 9 cpv. 2 lett. a LAID; anticipi relativi alla riduzione di base giusta la legge federale che promuove la costruzione d'abitazioni e l'accesso alla loro proprietà; condono a posteriori di anticipi non rimborsati e degli interessi maturati sugli stessi quale incremento del reddito. Quando la Confederazione accorda al proprietario di un bene immobile degli anticipi relativi alla riduzione di base sotto forma di prestito soggetto a interessi, conformemente all'art. 36 segg. LCAP, e concede in seguito al destinatario il condono degli anticipi non ancora rimborsati così come degli interessi maturati sugli stessi, detto condono comporta un incremento imponibile del patrimonio (consid. 4 e 5). Regesto b Art. 127 cpv. 3 Cost.; divieto della doppia imposizione intercantonale; condono di anticipi non rimborsati relativi alla riduzione di base e degli interessi maturati sugli stessi. Il condono di anticipi non rimborsati relativi alla riduzione di base (compresi gli interessi maturati sugli stessi) non costituisce né un beneficio di carattere finanziario, né un'altra forma di reddito; si tratta invece di un incremento del patrimonio in rapporto con la sostanza immobiliare, la cui imposizione compete al Cantone di situazione (consid. 7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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