Familienzulagen: Kaskadenregelung greift ab Lohnanspruch, nicht erst ab Gesuchseingang; Rückforderung gerechtfertigt (Art. 7 Abs. 1 FamZG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 139 V 429 · ATF 139 V 429 · DTF 139 V 429
- Datum
- 05.07.2013
- Geschäftsnummer
- BGE 139 V 429
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 24 ATSG Art. 25 ATSG Art. 62 ATSG Art. 1 FamZG Art. 4 FamZG Art. 7 FamZG Art. 13 FamZG Art. 19 FamZV
Zusammenfassung
In einem Streit um Familienzulagen für drei Kinder nach einer Scheidung forderte die Eidgenössische Ausgleichskasse (EAK) von dem geschiedenen Vater R. zu viel ausgerichtete Zulagen zurück. Die Mutter U. hatte rückwirkend ab 2009 Zulagen beantragt. Das kantonale Gericht reduzierte die Rückforderungssumme erheblich, da es den Vorrang der Mutter erst ab ihrem Gesuchseingang annahm. Dagegen erhoben sowohl die EAK als auch das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) Beschwerde beim Bundesgericht.
Das Bundesgericht prüfte zunächst die Legitimation des BSV zur Beschwerde. Es bejahte diese gestützt auf Art. 89 Abs. 2 lit. a BGG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 FamZV und Art. 62 Abs. 1bis ATSG, womit das BSV als Aufsichtsbehörde im Bereich der Familienzulagen beschwerdeberechtigt ist.
In der Sache selbst entschied das Gericht, dass die Kaskadenregelung des Art. 7 Abs. 1 FamZG nicht erst mit der Einreichung des Gesuchs der nachrangig berechtigten Person greift, sondern bereits ab dem Zeitpunkt des Entstehens des Lohnanspruchs der primär berechtigten Person. Diese Auslegung stützt sich auf Art. 13 Abs. 1 FamZG, wonach der Anspruch auf Familienzulagen mit dem Lohnanspruch entsteht und erlischt, sowie auf Art. 1 FamZG in Verbindung mit Art. 24 Abs. 1 ATSG, die eine rückwirkende Ausrichtung ermöglichen. Der Gesetzgeber wollte kein Wahlrecht zwischen mehreren anspruchsberechtigten Personen einführen.
Da die Mutter U. bereits ab 1. Januar 2009 als erwerbstätige Person im Sinne von Art. 7 Abs. 1 lit. a FamZG qualifiziert war, stand ihr der Anspruch auf die Zulagen ab diesem Datum zu. Folglich war der Leistungsbezug des Vaters R. ab 1. Januar 2009 unrechtmässig im Sinne von Art. 25 ATSG. Die Vorinstanz hatte die Rückforderung fälschlicherweise nur auf die Zeit ab dem Gesuchseingang der Mutter (Oktober 2010) beschränkt. Das Bundesgericht hob diesen Entscheid auf und bestätigte grundsätzlich die Rückforderungspflicht für den gesamten Zeitraum ab 2009, wobei die genaue Höhe der Rückzahlung unter Beachtung der Verjährungsfristen nach Art. 25 Abs. 2 ATSG zu prüfen ist.
Regeste
a Art. 89 Abs. 2 lit. a BGG; Art. 19 Abs. 1 FamZV. Das Bundesamt für Sozialversicherungen ist legitimiert, gegen einen Entscheid des kantonalen Gerichts im Bereich der Familienzulagen Beschwerde beim Bundesgericht zu führen (E. 1.3). Regeste b Art. 7 Abs. 1 FamZG; Anspruchskonkurrenz. Die Kaskadenregelung von Art. 7 Abs. 1 FamZG gilt nicht erst ab Einreichung des Gesuchs der zweiten Person, welche für dasselbe Kind eine Zulage beansprucht, sondern bereits ab dem Zeitpunkt des Entstehens des Lohnanspruches. Dies hat zur Folge, dass Nachzahlungen an die Personen, welche gemäss Art. 7 Abs. 1 FamZG Anspruch haben, erbracht werden müssen, während die Person, welche die Leistung zu Unrecht bezogen hat, zur Rückerstattung zu verpflichten ist (E. 3 und 4). Regeste a Art. 89 al. 2 let. a LTF; art. 19 al. 1 OAFam. L'Office fédéral des assurances sociales a qualité pour recourir devant le Tribunal fédéral contre un prononcé d'une juridiction cantonale dans le domaine des allocations familiales (consid. 1.3). Regeste b Art. 7 al. 1 LAFam; concours de droits. Le régime en cascade prévu à l'art. 7 al. 1 LAFam n'est pas valable seulement dès le dépôt de la demande de la deuxième personne qui fait valoir un droit aux allocations familiales pour le même enfant, mais déjà à partir du moment de la naissance du droit au salaire. C'est pourquoi des arriérés doivent être payés aux personnes qui ont droit aux prestations en vertu de l'art. 7 al. 1 LAFam, tandis que la personne qui a perçu indûment la prestation doit être appelée à la restituer (consid. 3 et 4). Regesto a Art. 89 cpv. 2 lett. a LTF; art. 19 cpv. 1 OAFami. L'Ufficio federale delle assicurazioni sociali è legittimato a ricorrere davanti al Tribunale federale contro un giudizio del tribunale cantonale in materia di assegni familiari (consid. 1.3). Regesto b Art. 7 cpv. 1 LAFam; concorso di diritti. La regolamentazione a cascata dell'art. 7 cpv. 1 LAFam non vale soltanto dall'introduzione della richiesta della seconda persona che fa valere un diritto all'assegno per lo stesso figlio, ma già dal momento della nascita del diritto al salario. Ne consegue che gli arretrati devono essere versati alle persone aventi diritto ai sensi dell'art. 7 cpv. 1 LAFam, mentre la persona che ha indebitamente percepito la prestazione è tenuta a restituirla (consid. 3 e 4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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