Staatsanwaltschaft klagt gegen kostenlose Rechtspflege für Privatklägerin im polizeilichen Ermittlungsverfahren: Anspruch besteht bereits vor Eröffnung der staatsanwaltschaftlichen Untersuchung (Art. 299 al. 1 CPP)
- BGE / ATF / DTF
- ATF 144 IV 377 · BGE 144 IV 377 · DTF 144 IV 377
- Date
- 10.12.2018
- Numéro de dossier
- BGE 144 IV 377
- Issue
- Rejeté
Normes déterminantes
Art. 78 LTF Art. 81 LTF Art. 93 LTF Art. 101 CPP Art. 136 CPP Art. 299 CPP
Résumé
Die Staatsanwaltschaft des Kantons Waadt legte gegen einen Entscheid der kantonalen Rekurskammer Beschwerde beim Bundesgericht ein, mit dem dieser die kostenlose Rechtspflege für eine Privatklägerin im polizeilichen Ermittlungsverfahren bewilligt hatte. Die Staatsanwaltschaft war der Auffassung, dass ein Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege erst nach Eröffnung einer formalen strafrechtlichen Untersuchung durch sie bestehe. Die Privatklägerin hatte wegen sexueller Nötigung, Wucher und Menschenhandel Strafanzeige bei der Genfer Polizei erstattet und bereits während der polizeilichen Ermittlungen um kostenlose Rechtspflege ersucht.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Staatsanwaltschaft ab. Es stellte fest, dass die Staatsanwaltschaft ein rechtlich geschütztes Interesse am Rekurs hatte und dass ihr durch die kantonale Entscheidung ein irreparabler Nachteil entstand, weil sie an deren Begründung zum Verfahrensstadium gebunden war und daher nicht mehr den fehlenden Beginn der staatsanwaltschaftlichen Untersuchung als Grund für die Ablehnung der kostenlosen Rechtspflege geltend machen konnte. Dennoch entschied das Gericht zugunsten der Privatklägerin: Diese hat gemäss Art. 299 Abs. 1 CPP einen Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege bereits während der polizeilichen Ermittlungen im Vorverfahren. Dies folgt aus der systematischen Auslegung des Gesetzes, insbesondere aus Art. 136 CPP, der den Anspruch auf einen Pflichtverteidiger regelt, sowie aus Art. 127 Abs. 1 CPP, der der Privatklägerin das Recht auf Rechtsbeistand in allen Verfahrensphasen einräumt – beginnend beim Strafanzeigeerstatten bei der Polizei gemäss Art. 304 Abs. 1 CPP. Das Gericht verwies darauf, dass die Zulassung eines Pflichtverteidigers im polizeilichen Stadium die Unabhängigkeit der Polizeiermittlungen nicht beeinträchtigt und dass die Staatsanwaltschaft gemäss Art. 134 Abs. 1 CPP den Mandat jederzeit widerrufen kann, wenn sich die Voraussetzungen ändern. Damit bestätigte das Bundesgericht seine bisherige Rechtsprechung und klärte, dass der Anspruch auf kostenlose Rechtspflege nicht an die Eröffnung einer formalen staatsanwaltschaftlichen Untersuchung geknüpft ist.
Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie erstmals ausdrücklich klärt, dass der Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege für die Privatklägerin bereits im polizeilichen Ermittlungsverfahren besteht – ein Punkt, über den bislang Unsicherheit herrschte und der von der Staatsanwaltschaft mit einem aktuellen Bundesgerichtsurteil (6B_990/2017) bestritten wurde. Das Gericht weist diesen Einwand zurück, weil jenes Urteil lediglich die Frage der obligatorischen Verteidigung für den Beschuldigten regelt, nicht aber den Anspruch der Privatklägerin auf Pflichtverteidiger.
Regeste
Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG, 136 und 299 Abs. 1 StPO; Zulässigkeit der Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen einen die unentgeltliche Rechtspflege gewährenden Entscheid; Recht der Privatklägerschaft auf unentgeltliche Rechtspflege im Vorverfahren. Hebt eine kantonale Behörde eine Verfügung der Staatsanwaltschaft auf und weist sie die Sache zum neuen Entscheid an die Staatsanwaltschaft zurück, führt das bei dieser im Allgemeinen zu einem nicht wieder gutzumachenden Nachteil, da sie sich gezwungen sieht, einen Entscheid zu treffen, den sie als rechtswidrig erachtet, ohne diesen in der Folge in Frage stellen zu können. So verhält es sich insbesondere, wenn die kantonale Behörde in der Sache gestützt auf eine Begründung - hier: das Verfahrensstadium - entscheidet, welche die Staatsanwaltschaft endgültig bindet (E. 1). Die Privatklägerschaft hat das Recht auf unentgeltliche Rechtspflege im Vorverfahren während der - späteren - staatsanwaltschaftlichen Untersuchung (Art. 299 Abs. 1 in fine StPO; Bestätigung der Rechtsprechung). Dieses Recht hat die Privatklägerschaft auch im - vorherigen - polizeilichen Ermittlungsverfahren (Art. 299 Abs. 1 StPO; E. 2). Regeste Art. 93 al. 1 let. a LTF, 136 et 299 al. 1 CPP; recevabilité du recours déposé par le Ministère public contre une décision octroyant l'assistance judiciaire; droit de la partie plaignante de requérir l'assistance judiciaire au cours de la procédure préliminaire. Lorsqu'une autorité cantonale annule une ordonannce du Ministère public et lui renvoie la cause pour nouvelle décision, cette situation induit généralement pour le second un préjudice irréparable puisque celui-ci se voit contraint de rendre une décision qu'il considère comme contraire au droit, sans pouvoir ensuite la remettre en cause. Tel est en particulier le cas quand l'autorité cantonale statue sur le fond en retenant un motif - en l'espèce, le stade de la procédure - qui lie défintivement le Ministère public (consid. 1). La partie plaignante a le droit de requérir l'assistance judiciaire au cours de la procédure préliminaire dans la phase - ultérieure - de l'instruction conduite par le Ministère public (art. 299 al. 1 in fine CPP; confirmation de la jurisprudence). Un tel droit existe aussi au stade - antérieur - des investigations policières (art. 299 al. 1 CPP; consid. 2). Regesto Art. 93 cpv. 1 lett. a LTF, art. 136 e 299 cpv. 1 CPP; ammissibilità del ricorso presentato dal pubblico ministero contro una decisione che accorda il gratuito patrocinio; diritto dell'accusatore privato di chiedere il gratuito patrocinio nella procedura preliminare. Quando un'autorità cantonale annulla un decreto del pubblico ministero e gli rinvia la causa per una nuova decisione, quest'ultimo subisce generalmente un pregiudizio irreparabile siccome si vede obbligato ad emanare una decisione che considera contraria al diritto, senza poterla in seguito rimettere in discussione. Ciò è in particolare il caso quando l'autorità cantonale statuisce nel merito prendendo in considerazione un motivo - nella fattispecie: lo stadio della procedura - che vincola definitivamente il pubblico ministero (consid. 1). L'accusatore privato ha il diritto di chiedere l'assistenza giudiziaria nel corso della procedura preliminare, nella fase - successiva - dell'istruzione da parte del pubblico ministero (art. 299 cpv. 1 in fine CPP; conferma della giurisprudenza). Questo diritto esiste anche allo stadio - precedente - della procedura investigativa della polizia (art. 299 cpv. 1 CPP; consid. 2).
Décision originale auprès du tribunal ↗
Le résumé, l'issue et les normes déterminantes sont établis automatiquement et peuvent contenir des erreurs. Seule la décision originale fait foi. Pas de conseil juridique.