Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 29 BV

Bundesgericht

Luftfahrtunternehmen beteiligen sich an kartellrechtswidrigen Preisabreden über Treibstoffzuschläge und Nicht-Kommissionierung von Zuschlägen: Sanktion teilweise aufgehoben wegen Verletzung des Beschleunigungsgebots (Art. 29 Abs. 1 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 151 II 475 · ATF 151 II 475 · DTF 151 II 475
Datum
26.11.2024
Geschäftsnummer
2C_64/2023
Abteilung
II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 83 BGG Art. 29 BV Art. 164 BV Art. 6 EMRK Art. 7 EMRK Art. 4 KG Art. 5 KG Art. 30 KG Art. 49a KG Art. 101 KG Art. 4 KG. Art. 1 LVA Art. 8 LVA Art. 9 LVA Art. 10 LVA Art. 11 LVA Art. 17 LVA Art. 31 VRK

Zusammenfassung

Zwei Luftfahrtunternehmen erhoben Beschwerde gegen ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das sie wegen Beteiligung an zwei unzulässigen Preisabreden im Bereich Luftfracht sanktioniert hatte. Sie bestritten ihre Beteiligung an den Abreden, rügten eine fehlende gesetzliche Grundlage für die Sanktionierung und beanstandeten die übermässige Dauer des vorinstanzlichen Verfahrens. Streitig war insbesondere, ob das Schweizer Kartellgesetz parallel zum Luftverkehrsabkommen angewendet werden darf und ob die Vorinstanz das Beschleunigungsgebot verletzt habe.

Das Bundesgericht stellte fest, dass die Beschwerdeführerinnen ab Mitte Januar 2001 Mitglieder des K1.________ waren und sich an einem institutionalisierten Informationsaustausch zu Treibstoffzuschlägen und zur Nicht-Kommissionierung von Zuschlägen beteiligt hatten. Sie unterliessen eine nach aussen hin klar kommunizierte Distanzierung vom wettbewerbswidrigen Austausch, weshalb ihnen die Abreden zuzurechnen sind. Das Luftverkehrsabkommen schliesst die parallele Anwendung des Schweizer Kartellgesetzes nicht aus, solange es dem europäischen Kartellrecht nicht widerspricht; daher ist die Sanktionierung nach Art. 49a KG zulässig. Allerdings verletzte die Vorinstanz das Beschleunigungsgebot gemäss Art. 29 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 1 EMRK, da das Beschwerdeverfahren über acht Jahre dauerte, ohne dass objektive Gründe dafür ersichtlich wären. Unter Berücksichtigung der kartellrechtlichen Rechtsprechung, nach der eine Beschwerdeverfahrensdauer von sechs Jahren am obersten Limit liegt, wurde die Sanktion um 25 Prozent reduziert. Die Gerichtskosten von Fr. 10'500.-- tragen die Beschwerdeführerinnen zu gleichen Teilen und unter solidarischer Haftung. Die WEKO hat die Beschwerdeführerinnen für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr. 3'500.-- zu entschädigen. Diese Entscheidung ist bemerkenswert, weil das Bundesgericht erstmals klärt, dass das Luftverkehrsabkommen keine Ausschlusswirkung für das nationale Kartellrecht hat, und zugleich eine signifikante Sanktionskürzung wegen Verfahrensverzögerung vornimmt.

Regeste

Art. 1 und 8 Abs. 1, Art. 10 und 11 Abs. 2, Art. 17 und 32 LVA; Art. 4 Abs. 1, Art. 5 Abs. 1 und 3 lit. a sowie Art. 49a Abs. 1 KG; Art. 29 Abs. 1 BV; Art. 6 Ziff. 1 EMRK; Preisabreden im Bereich Luftfracht; anwendbares Recht und Kompetenzen der schweizerischen Behörden nach dem Luftverkehrsabkommen; Verletzung des Beschleunigungsgebots. Nach Massgabe des Luftverkehrsabkommens gilt in der Schweiz grundsätzlich europäisches Kartellrecht (E. 4). Soweit das innerstaatliche Recht der Durchsetzung des Luftverkehrsabkommens dient, belässt das Abkommen Raum für die Anwendung von schweizerischem Kartellrecht - namentlich von Art. 49a Abs. 1 KG (E. 5). Die bundesverwaltungsgerichtliche Verfahrensdauer von über acht Jahren ist mit dem Beschleunigungsgebot vorliegend nicht vereinbar (E. 12). Regeste Art. 1 et 8 al. 1, art. 10 et 11 al. 2, art. 17 et 32 de l'Accord conclu le 21 juin 1999 entre la Confédération suisse et la Communauté européenne sur le transport aérien; art. 4 al. 1, art. 5 al. 1 et 3 let. a, ainsi que l'art. 49a al. 1 LCart; art. 29 al. 1 Cst.; art. 6 par. 1 CEDH; accord sur les prix dans le secteur du fret aérien; droit applicable et compétence des autorités fédérales en vertu de l'Accord sur le transport aérien; violation du principe de célérité. Selon l'Accord sur le transport aérien, le droit de la concurrence européen s'applique en principe en Suisse (consid. 4). Tant que le droit interne sert la mise en oeuvre de l'Accord sur le transport aérien, l'accord laisse la possibilité d'appliquer le droit suisse de la concurrence, en particulier l'art. 49a al. 1 LCart (consid. 5). La durée de la procédure devant le Tribunal administratif fédéral de plus de huit ans n'est pas compatible avec le principe de célérité (consid. 12). Regesto Artt. 1 e 8 cpv. 1, artt. 10 e 11 cpv. 2, artt. 17 e 32 dell'Accordo concluso il 21 giugno 1999 tra la Confederazione Svizzera e la Comunità europea sul trasporto aereo; art. 4 cpv. 1, art. 5 cpv. 1 e 3 lett. a e art. 49a cpv. 1 LCart; art. 29 cpv. 1 Cost.; art. 6 n. 1 CEDU; accordi sui prezzi nel settore del trasporto aereo; diritto applicabile e competenze delle autorità svizzere secondo l'Accordo sul trasporto aereo; violazione del principio di celerità. Secondo l'Accordo sul trasporto aereo, il diritto della concorrenza europeo si applica in principio in Svizzera (consid. 4). Finché il diritto interno serve all'attuazione dell'Accordo sul trasporto aereo, questo non preclude la possibilità di applicare il diritto svizzero dei cartelli, in particolare l'art. 49a cpv. 1 LCart (consid. 5). La durata della procedura dinanzi il Tribunale amministrativo federale di più di otto anni non è, nel caso concreto, compatibile con il principio di celerità (consid. 12).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.