GmbH beantragt Erlass der Rückzahlung von Corona-Erwerbsersatz: Keine besonderen Umstände wie bei Vorschussleistungen, Covid-Kredit bleibt Fremdkapital bei Überschuldungsprüfung (Art. 25 Abs. 1 ATSG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 V 57 · ATF 150 V 57 · DTF 150 V 57
- Datum
- 17.03.2020
- Geschäftsnummer
- BGE 150 V 57
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 1 ATSG Art. 25 ATSG Art. 4 ATSV Art. 5 ATSV Art. 24 Covid-19-SBüG Art. 725 OR Art. 820 OR
Zusammenfassung
Die GastroSocial Ausgleichskasse forderte von der A. GmbH die Rückzahlung von Fr. 21'981.70 Corona-Erwerbsersatz, den diese für zwei Arbeitnehmende in arbeitgeberähnlicher Stellung unrechtmässig bezogen hatte. Die A. GmbH beantragte den Erlass der Rückzahlung mit der Begründung, dies stelle eine grosse Härte dar. Die Ausgleichskasse lehnte den Antrag ab. Das Verwaltungsgericht des Kantons Bern hob diesen Entscheid auf und wies die Sache zur Prüfung des guten Glaubens zurück. Die Ausgleichskasse erhob Beschwerde ans Bundesgericht.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde der GastroSocial Ausgleichskasse ab und bestätigte damit das kantonale Urteil, das den Erlass der Rückzahlungspflicht wegen grosser Härte bejahte und die Sache zur Prüfung des guten Glaubens zurückwies.
Die Beurteilung der grossen Härte richtet sich nach dem Zeitpunkt der rechtskräftigen Entscheidung über die Rückforderung, also nach der finanziellen Lage der A. GmbH im März 2022 (Art. 4 Abs. 2 ATSV). Für juristische Personen setzt die grosse Härte grundsätzlich eine bestehende oder unmittelbar drohende Überschuldung voraus (Art. 25 Abs. 1 ATSG), wobei die Rechtsprechung einen strengen Massstab anlegt. Im vorliegenden Fall war die A. GmbH am 31. März 2022 überschuldet, weil ihr Eigenkapital nach Abzug des Verlustvortrags und des Jahresverlusts negativ war (Art. 725 OR in Verbindung mit Art. 820 OR). Der von der A. GmbH geltend gemachte Covid-19-Kredit von Fr. 52'000.- ist bei dieser Prüfung als Fremdkapital zu berücksichtigen – trotz der Sonderregelung in Art. 24 Abs. 1 Covid-19-SBüG, die ihn für die Zwecke der Kapitaldeckungs- und Überschuldungsrechnung nicht als Fremdkapital behandelt. Der Gesetzgeber wollte mit dieser Regelung lediglich verhindern, dass Unternehmen durch den Kredit selbst in eine gesetzliche Anzeigepflicht geraten; er hat nicht beabsichtigt, den Kredit generell als Eigenkapital zu qualifizieren. Da der Kredit als Fremdkapital belastet und innerhalb von acht Jahren amortisiert werden muss (Art. 3 Abs. 2 und 3 Covid-19-SBüG), ist seine Behandlung als Fremdkapital bei der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage sachgerecht. Damit war die erste Erlassvoraussetzung der grossen Härte erfüllt. Im Gegensatz zum früheren Urteil I 553/01 lag hier kein besonderer Sachverhalt vor, bei dem ein milderer Massstab gerechtfertigt gewesen wäre: Die A. GmbH hatte die Corona-Leistungen für ihre Inhaber und Arbeitnehmenden in arbeitgeberähnlicher Stellung erhalten und daraus einen offensichtlichen Vorteil gezogen, während im Urteil I 553/01 die Arbeitgeberin dem Versicherten kulanterweise Vorschussleistungen erbracht hatte, ohne sich zu bereichern.
Die Entscheidung klärt, dass Art. 24 Covid-19-SBüG keine allgemeine Umqualifizierung von Covid-Krediten als Eigenkapital bewirkt, sondern nur eine spezifische Ausnahme für die handelsrechtliche Kapitaldeckungs- und Überschuldungsrechnung darstellt. Für alle anderen Zwecke, insbesondere die Beurteilung der grossen Härte im Sozialversicherungsrecht, bleibt der Kredit Fremdkapital.
Regeste
Art. 1 Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall (in Kraft vom 17. März 2020 bis 31. Dezember 2022) in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG; Art. 24 Covid-19-SBüG (in der bis 31. Dezember 2022 in Kraft gewesenen Fassung); Erlass der Rückerstattung von unrechtmässig bezogenem Corona-Erwerbsersatz; Berücksichtigung eines Covid-19-Kredites als Eigen- oder Fremdkapital. Zum Kriterium der grossen Härte bei einer um Erlass der Rückerstattung von unrechtmässig bezogenem Corona-Erwerbsersatz ersuchenden juristischen Person (E. 5.1-5.3.4). Im Rahmen der Prüfung der Frage, ob eine Überschuldung besteht oder unmittelbar droht, sind Covid-19-Kredite - ungeachtet der Bestimmung von Art. 24 Covid-19-SBüG - als Fremdkapital zu berücksichtigen (E. 5.4.1-5.4.3). Regeste Art. 1 de l'ordonnance sur les pertes de gain COVID-19 (en vigueur du 17 mars 2020 au 31 décembre 2022) en lien avec l'art. 25 al. 1, 2 e phrase, LPGA; art. 24 LCaS-COVID-19 (dans sa version en vigueur jusqu'au 31 décembre 2022); remise de l'obligation de restituer des allocations perte de gain COVID indûment touchées; prise en compte d'un crédit COVID-19 en tant que capitaux propres ou étrangers. Examen du critère de la situation difficile pour une personne morale requérant la remise de l'obligation de restituer des allocations perte de gain COVID indûment touchées (consid. 5.1-5.3.4). Dans le cadre de l'examen de la question de savoir s'il existe un surendettement ou la menace d'un surendettement imminent, les crédits COVID-19 doivent être pris en compte - en dépit de la teneur de l'art. 24 LCaS-COVID-19 - en tant que capitaux étrangers (consid. 5.4.1-5.4.3). Regesto Art. 1 dell'ordinanza COVID-19 perdita di guadagno (in vigore dal 17 marzo 2020 al 31 dicembre 2022) in relazione con l'art. 25 cpv. 1, seconda frase, LPGA; art. 24 LFiS-COVID-19 (nella versione in vigore fino al 31 dicembre 2022); condono dell'obbligo di restituzione delle indennità di perdita di guadagno COVID indebitamente riscosse; riconoscimento di un credito COVID-19 come capitale proprio o capitale di terzi. Esame del criterio delle gravi difficoltà nel caso in cui una persona giuridica richieda il condono dell'obbligo di restituzione delle indennità di perdita di guadagno COVID indebitamente riscosse (consid. 5.1-5.3.4). Nell'esaminare la questione dell'esistenza di un sovraindebitamento o del suo rischio imminente, i crediti COVID-19 devono essere presi in considerazione - nonostante la norma dell'art. 24 LFiS-COVID-19 - come capitale di terzi (consid. 5.4.1-5.4.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.