Justizze.

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Justizze. Art. 97 MWSTG

Bundesgericht

Mehrfache Mehrwertsteuerhinterziehung bei Einfuhr: Bei Realkonkurrenz (verschiedene Zeitpunkte/Orte) gilt Kumulationsprinzip statt Asperationsprinzip (Art. 101 Abs. 4 MWSTG)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 IV 96 · ATF 148 IV 96 · DTF 148 IV 96
Datum
01.01.2021
Geschäftsnummer
BGE 148 IV 96
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 97 MWSTG Art. 101 MWSTG Art. 49 StGB Art. 1 VStrR Art. 2 VStrR Art. 8 VStrR Art. 9 VStrR

Zusammenfassung

Die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) verhängte gegen A. wegen mehrfacher vollendeter und versuchter Mehrwertsteuerhinterziehung eine Busse von vier Millionen Franken. A. verlangte gerichtliche Beurteilung. Das Bezirksgericht Bülach verurteilte ihn zu einer Busse von vier Millionen Franken. Das Obergericht des Kantons Zürich stellte das Verfahren bezüglich einzelner Fall-Dossiers ein, sprach A. in weiteren Fällen frei und bestätigte die Schuldsprüche in den übrigen Fällen, reduzierte aber die Busse auf 2'503'000 Franken. Die EZV erhob Beschwerde mit dem Antrag, das Urteil aufzuheben und die Sache zur neuen Beurteilung zurückzuweisen oder alternativ A. zu einer Busse von vier Millionen Franken zu verurteilen. A. erhob ebenfalls Beschwerde mit dem Antrag auf vollständige Freisprechung oder zumindest Reduktion der Busse. Streitpunkt war die richtige Anwendung des Asperations- oder Kumulationsprinzips bei Tatmehrheit im Mehrwertsteuerstrafrecht.

Das Bundesgericht hebt das Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich auf und verweist die Sache zur neuen Beurteilung zurück. Es stellt fest, dass bei der vorliegenden Tatmehrheit – nämlich mehrfachen Nichtanmeldungen von Waren bei deren Einfuhr in die Schweiz zu unterschiedlichen Zeitpunkten bzw. an unterschiedlichen Orten – Realkonkurrenz vorliegt. Art. 101 Abs. 4 MWSTG regelt jedoch ausschliesslich die Idealkonkurrenz („eine Handlung“) im Zuständigkeitsbereich der EZV, während Art. 101 Abs. 5 MWSTG die Realkonkurrenz nur für den Zuständigkeitsbereich der ESTV vorsieht. Da die Strafverfolgung bei Einfuhrsteuerhinterziehung der EZV obliegt (Art. 103 Abs. 2 MWSTG), kommt Art. 101 Abs. 5 MWSTG nicht zur Anwendung. Der Ausschluss des Asperationsprinzips durch Art. 9 VStrR gilt grundsätzlich auch im MWSTG-Bereich, wobei Art. 101 Abs. 1 MWSTG diesen Ausschluss zwar generell bestätigt, aber Art. 101 Abs. 4 MWSTG das Asperationsprinzip ausdrücklich nur auf Idealkonkurrenz beschränkt. Daher gilt für die vorliegende Realkonkurrenz das Kumulationsprinzip gemäss Art. 9 VStrR. Die Vorinstanz hatte fälschlicherweise das Asperationsprinzip angewandt. Die Beschwerde der EZV ist daher gutzusprechen, die Beschwerde von A. wird abgewiesen. Die Kostenentscheidung bleibt der Vorinstanz vorbehalten. Diese Entscheidung klärt erstmals abschliessend, dass Art. 101 Abs. 4 MWSTG keine Anwendung des Asperationsprinzips bei Realkonkurrenz im Zuständigkeitsbereich der EZV zulässt und damit das Kumulationsprinzip zur Anwendung gelangt.

Regeste

Art. 101 Abs. 1, 4 und 5 MWSTG; Art. 9 VStrR; Art. 49 StGB; Berechnung der Mehrwertsteuerbusse bei Tatmehrheit; Asperations- und Kumulationsprinzip. Der in Art. 9 VStrR verankerte Ausschluss des Asperationsprinzips für Bussen und Umwandlungsstrafen gilt - besondere Bestimmungen in den entsprechenden Verwaltungsgesetzen vorbehalten - auch bei Konkurrenz zwischen Widerhandlungen gegen verschiedene Verwaltungsgesetze sowie bei mehreren Widerhandlungen nach demselben Verwaltungsgesetz (E. 4.5.1). Im Anwendungsbereich des MWSTG ist das Asperationsprinzip - trotz des generellen Ausschlusses von Art. 9 VStrR in Art. 101 Abs. 1 MWSTG - auf die in Art. 101 Abs. 4 und 5 MWSTG geregelten Fälle beschränkt. Art. 101 Abs. 4 MWSTG erfasst im Zuständigkeitsbereich der EZV nur die Idealkonkurrenz ("eine Handlung"), während Art. 101 Abs. 5 MWSTG für den Zuständigkeitsbereich der ESTV auch die Realkonkurrenz regelt ("eine oder mehrere Handlungen"). Für im Zuständigkeitsbereich der EZV in Realkonkurrenz begangene Straftaten, d.h. durch Nichtanmeldung von Waren bei deren Einfuhr in die Schweiz zu unterschiedlichen Zeitpunkten bzw. an unterschiedlichen Orten, gilt daher das Kumulationsprinzip (E. 4.5.2-4.7). Regeste Art. 101 al. 1, 4 et 5 LTVA; art. 9 DPA; art. 49 CP; calcul de l'amende TVA en cas de pluralité d'infractions; principe de l'aggravation et cumul des peines. L'exclusion du principe de l'aggravation pour les amendes et les peines prononcées en conversion d'amendes, ancrée à l'art. 9 DPA, s'applique également - sous réserve de dispositions particulières dans les lois administratives correspondantes - en cas de concours entre des infractions à différentes lois administratives ainsi que s'il y a plusieurs infractions à la même loi administrative (consid. 4.5.1). Dans le champ d'application de la LTVA, le principe de l'aggravation est limité - malgré l'exclusion générale de l'application de l'art. 9 DPA à l'art. 101 al. 1 LTVA - aux cas régis par l'art. 101 al. 4 et 5 LTVA. Dans le domaine de compétence de l'AFD, l'art. 101 al. 4 LTVA ne couvre que le concours idéal ("l'acte punissable"), tandis que l'art. 101 al. 5 LTVA règle également le concours réel ("un ou plusieurs actes") pour les infractions qui ressortissent à l'AFC. Le cumul des peines s'applique donc aux infractions commises en concours réel dans le domaine de compétence de l'AFD, c'est-à-dire par la non-déclaration de marchandises lors de leur importation en Suisse à différents moments ou dans différents lieux (consid. 4.5.2-4.7). Regesto Art. 101 cpv. 1, 4 e 5 LIVA; art. 9 DPA; art. 49 CP; calcolo della multa in materia di imposta sul valore aggiunto in caso di pluralità di reati; principio dell'inasprimento e principio del cumulo delle pene. L'esclusione del principio dell'inasprimento per le multe e le pene da commutazione, prevista dall'art. 9 DPA, vale - riservate le disposizioni speciali contenute nelle relative leggi amministrative - anche in caso di concorso di infrazioni a leggi amministrative diverse, nonché in caso di più infrazioni alla medesima legge amministrativa (consid. 4.5.1). Nell'ambito della LIVA, nonostante l'art. 101 cpv. 1 LIVA escluda in modo generale l'applicazione dell'art. 9 DPA, il principio dell'inasprimento è limitato ai casi contemplati dall'art. 101 cpv. 4 e 5 LIVA. L'art. 101 cpv. 4 LIVA concerne unicamente il concorso ideale ("un atto") di competenza dell'AFD, mentre l'art. 101 cpv. 5 LIVA disciplina anche il concorso reale ("una o più infrazioni") di competenza dell'AFC. In presenza di reati in concorso reale di competenza dell'AFD, ossia in caso di mancata dichiarazione di merci all'atto della loro importazione in Svizzera in momenti rispettivamente luoghi diversi, si applica quindi il principio del cumulo delle pene (consid. 4.5.2-4.7).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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