Wunscheltern aus der Schweiz nutzen Leihmutterschaft in Georgien: Eintragung der georgischen Geburtsurkunde im Schweizer Personenstandsregister abgelehnt, weil schweizerisches Recht anwendbar ist und die Leihmutter als rechtliche Mutter gilt (Art. 252 Abs. 1 ZGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 III 384 · ATF 148 III 384 · DTF 148 III 384
- Datum
- 01.07.2022
- Geschäftsnummer
- 5A_32/2021
- Abteilung
- II. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 42 BGG Art. 95 BGG Art. 96 BGG Art. 106 BGG Art. 8 EMRK Art. 15 IPRG Art. 20 IPRG Art. 23 IPRG Art. 32 IPRG Art. 68 IPRG Art. 69 IPRG Art. 70 IPRG Art. 71 IPRG Art. 72 IPRG Art. 73 IPRG Art. 85 IPRG Art. 252 ZGB
Zusammenfassung
Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD), handelnd durch das Bundesamt für Justiz (BJ), erhob Beschwerde gegen einen Entscheid des Obergerichts des Kantons Aargau, welcher die Eintragung einer im Ausland erfolgten Geburt im Schweizer Personenstandsregister teilweise gutgeheissen hatte. Es ging um die Nachbeurkundung der Geburt des Kindes C.________, das in Georgien durch Leihmutterschaft zur Welt kam. Die Wunscheltern A.A.________ und B.A.________ beantragten die vollständige Anerkennung der georgischen Geburtsurkunde, welche sie als rechtliche Eltern ausweist. Das Obergericht hatte nur die Vaterschaft des Wunschvaters anerkannt, nicht jedoch die Mutterschaft der Wunschmutter. Das BJ rügte insbesondere die unrichtige Anwendung des internationalen Privatrechts sowie eine Verletzung der EMRK.
Das Bundesgericht hob den Entscheid des Obergerichts auf und bestätigte die Verfügung des Departements Volkswirtschaft und Inneres (DVI) vom 9. April 2020. Es stellte fest, dass der gewöhnliche Aufenthalt des neugeborenen Kindes C.________ zum Zeitpunkt der Geburt am ww.ww.2019 in der Schweiz lag, weil die Wunscheltern dort ihren Lebensmittelpunkt hatten, weder vor noch während noch nach der Schwangerschaft einen längeren Aufenthalt in Georgien planten oder absolvierten, und praktisch ab Geburt für das Kind sorgten. Damit war gemäss Art. 68 Abs. 1 IPRG schweizerisches Recht anwendbar. Nach diesem Recht gilt der Grundsatz mater semper certa est, und gemäss Art. 252 Abs. 1 ZGB ist die gebärende Frau, also die Leihmutter D.D.________, die rechtliche Mutter. Eine Anerkennung des Kindes durch den Wunschvater A.A.________ lag nicht vor, da der Leihmutterschaftsvertrag vom 4. November 2018 und der Vertrag mit dem Reproduktionszentrum vom 1. Oktober 2018 keine gültige Kindesanerkennung darstellen können, die nach schweizerischem Recht wirksam wäre. Ebenso fehlte eine gültige Anerkennung durch die Wunschmutter B.A.________, weil nach schweizerischem Recht bereits ein rechtliches Kindesverhältnis zur Leihmutter besteht. Die Berufung auf Art. 8 EMRK war nicht erfolgreich, denn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verlangt nicht die sofortige Anerkennung der Wunschmutter als rechtliche Mutter, sondern genügt die Möglichkeit einer nachträglichen Herstellung des Kindesverhältnisses durch Stiefkindadoption, die hier gegeben ist. Die Gerichtskosten von Fr. 1'000.-- wurden den Beschwerdegegnern 1–4 auferlegt. Diese Entscheidung klärt endgültig, dass bei Leihmutterschaft im Ausland die Anknüpfung an den gewöhnlichen Aufenthalt des Kindes entscheidend ist und nicht an den Ort der Geburt oder die Staatsangehörigkeit der beteiligten Personen.
Regeste
Art. 32, 68, 70, 72, 73 IPRG; Art. 252 ZGB; Art. 8 EMRK; Eintragung einer georgischen Geburtsurkunde in das Personenstandsregister im Fall von Leihmutterschaft. Eine georgische Geburtsurkunde stellt keine ausländische Entscheidung im Sinne von Art. 70 IPRG dar (E. 4). Führen die in der Schweiz domizilierten Wunscheltern in Georgien eine Leihmutterschaft durch und ist schweizerisches Abstammungsrecht anwendbar, so entsteht das Kindesverhältnis zur Leihmutter von Gesetzes wegen mit der Geburt des Kindes (E. 5). Der Wunschvater, der im konkreten Fall Samenspender ist, kann das Kindesverhältnis durch Anerkennung herstellen und die Wunschmutter hat die Möglichkeit der Stiefkindadoption. Vereinbarkeit mit der EMRK (E. 6-8). Regeste Art. 32, 68, 70, 72, 73 LDIP; art. 252 CC; art. 8 CEDH; inscription d'un certificat de naissance georgien dans le registre d'état civil dans le cas d'une gestation pour autrui. Un certificat de naissance georgien ne constitue pas une décision étrangère au sens de l'art. 70 LDIP (consid. 4). Lorsque les parents d'intention domiciliés en Suisse ont recours à une gestation pour autrui en Georgie et que le droit de la filiation suisse est applicable, le lien de filiation avec la mère porteuse s'établit de par la loi à la naissance de l'enfant (consid. 5). Le père d'intention, qui dans le cas d'espèce est également le donneur de sperme, peut établir le lien de filation par la reconnaissance de l'enfant alors que la mère d'intention dispose de la possibilité d'adopter l'enfant de son conjoint. Compatibilité avec la CEDH (consid. 6-8). Regesto Art. 32, 68, 70, 72, 73 LDIP; art. 252 CC; art. 8 CEDU; iscrizione di un certificato di nascita georgiano nel registro dello stato civile in caso di maternità sostitutiva. Un certificato di nascita georgiano non costituisce una decisione straniera nel senso dell'art. 70 LDIP (consid. 4). Se gli aspiranti genitori domiciliati in Svizzera ricorrono a una maternità sostitutiva in Georgia e se è applicabile il diritto della filiazione svizzero, il rapporto di filiazione con la madre surrogata sorge per legge con la nascita del figlio (consid. 5). L'aspirante padre, che in concreto è il donatore di sperma, può stabilire il rapporto di filiazione tramite riconoscimento e l'aspirante madre ha la possibilità di adottare il figliastro. Compatibilità con la CEDU (consid. 6-8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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