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Justizze. Art. 8 RPG

Bundesgericht

Windpark Grenchenberg: Genehmigung teilweise verweigert wegen unzureichenden Schutzes von Wanderfalken und Heidelerchen trotz Gesamtinteressenabwägung (Art. 8 Abs. 2 RPG)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 II 36 · ATF 148 II 36 · DTF 148 II 36
Datum
01.01.2021
Geschäftsnummer
BGE 148 II 36
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 78 BV Art. 4 CMS Art. 12 EnG Art. 8 LAT Art. 8 LPT Art. 18 NHG Art. 20 NHG Art. 14 NHV Art. 20 NHV Art. 8 RPG Art. 5 WaG

Zusammenfassung

Der Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz und der Vogelschutzverband des Kantons Solothurn erhoben Beschwerde gegen die Genehmigung eines Windparks mit sechs Anlagen auf dem Grenchenberg durch den Regierungsrat des Kantons Solothurn. Streitig war, ob die geplanten Schutzmassnahmen für Vögel und Fledermäuse ausreichend sind, insbesondere zum Schutz des Wanderfalken, der in der Wandfluh brütet, sowie der Heidelerche und gefährdeter Fledermausarten. Die Beschwerdeführer rügten zudem die unvollständige Abklärung im Richtplanverfahren und die Unzulänglichkeit des Schlagopfermonitorings.

Das Bundesgericht hob die Genehmigung für zwei der sechs geplanten Windenergieanlagen (WEA 2 und WEA 3) auf, weil sie in unzulässiger Nähe – jeweils rund 700 m und 350 m – zum Wanderfalkenhorst in der Wandfluh liegen und damit den von der Schweizerischen Vogelwarte empfohlenen Mindestabstand von 3000 m deutlich unterschreiten. Der Wanderfalke ist nach der Roten Liste verletzlich (VU) und hat hohe nationale Priorität (NP2); seine Population im Nordjura ist rückläufig und fragil. Ein Verzicht auf diese beiden Standorte ist erforderlich, um ein untragbares kumulatives Risiko für die Wanderfalkenpopulation zu vermeiden, das bei weiteren Windparkprojekten in der Region drohen würde. Zudem erachtete das Gericht den vorgesehenen Abschaltplan für Fledermäuse als unzureichend zum Schutz gefährdeter Arten wie Mausohr- und Plecotus-Arten mit sehr hoher nationaler Priorität (NP1), da er nur 95 % der Fledermäuse schützt und die leise rufenden Arten nicht zuverlässig detektiert werden. Auch die Herabsetzung der Nabenhöhe auf 88.5 m erhöht die Kollisionsgefahr für die Heidelerche, die als verletzlich (VU) mit sehr hoher nationaler Priorität (NP1) gilt und in mindestens zwei Brutrevieren im Projektperimeter vorkommt. Für die übrigen vier Standorte ordnete das Gericht zusätzliche Auflagen an, darunter ein bioakustisches Monitoring mit zwei Mikrofonen (in der Gondel und am Mast auf Höhe der unteren Rotorenspitzen), einen angepassten Abschaltplan, eine aussagekräftige Schlagopfersuche mit hohem Suchaufwand in den ersten Betriebsjahren sowie rechtzeitige und qualitativ hochwertige Ersatzmassnahmen für Heidelerchen und Wanderfalken. Diese Auflagen beruhen auf den bundesrechtlichen Anforderungen des Biotop- und Artenschutzes gemäss Art. 78 Abs. 4 BV, Art. 4 Ziff. 1 CMS, Art. 18 NHG, Art. 20 NHG, Art. 14 Abs. 6 und 7 NHV, Art. 20 Abs. 3 lit. b NHV, Art. 14 Abs. 3 NHV, Art. 5 Abs. 2 WaG und Art. 5 Abs. 2 lit. a WaG sowie auf der Richtplanpflicht gemäss Art. 8 Abs. 2 RPG. Das Gericht betonte, dass die Gesamtinteressenabwägung zwischen dem nationalen Interesse an erneuerbarer Windenergie (Art. 12 Abs. 1 und 2 EnG) und dem erheblichen Interesse am Biodiversitätsschutz (Art. 78 Abs. 4 BV) zu einem Interessenausgleich führen muss, der das Risiko von Kollisionen und Lebensraumstörungen auf ein für den Artenschutz verträgliches Mass herabsetzt, ohne die Nutzung der Windenergie zu verunmöglichen. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie erstmals klare Mindestabstände zum Wanderfalkenhorst als entscheidendes Kriterium für die Genehmigungsfähigkeit von Windparks festlegt und einen adaptiven, anpassungsfähigen Ansatz für den Artenschutz im Betrieb verlangt.

Regeste

a Windpark Grenchenberg; Richtplanpflicht (Art. 8 Abs. 2 RPG). Anforderungen an die auf Stufe Richtplan nötigen Abklärungen. Dazu gehört das Vorkommen gefährdeter und national prioritärer Arten, die ein Konfliktpotenzial mit Windenergieanlagen aufweisen (E. 2.1 und 2.5). Vorliegend wurden diese Abklärungen im Nutzungsplanverfahren nachgeholt; alternative, aus Sicht des Vogel- und Fledermausschutzes bessere Alternativstandorte sind nicht ersichtlich. Unter diesen Umständen ist das Projekt nicht schon wegen der unvollständigen Abklärung im Richtplanverfahren aufzuheben (E. 2.6). Regeste b Windpark Grenchenberg; Massnahmen zum Schutz von Vögeln und Fledermäusen; Interesse an der Produktion erneuerbarer Energie; Gesamtinteressenabwägung. Rechtsgrundlagen des Biodiversitätsschutzes (E. 5). Überblick über die im Sondernutzungsplan vorgesehenen Schutz- und Ersatzmassnahmen (E. 6 und 7). Prüfung des Schlagopfermonitorings als zentrales Element der Schutzmassnahmen gegen Kollisionen; dieses setzt einen hohen Suchaufwand voraus und muss für Fledermäuse durch ein bioakustisches Monitoring ergänzt werden (E. 8). Ergänzende Massnahmen zum Schutz gefährdeter und national prioritärer Fledermausarten (E. 9). Gefährdung von Brutvögeln (insb. Heidelerchen). Erhöhung der Kollisionsgefahr durch die Herabsetzung der Nabenhöhe. Anforderungen an die Ersatzmassnahmen (E. 10). Nichteinhaltung des von der Schweizerischen Vogelwarte empfohlenen Mindestabstands von 3000 m zum Wanderfalkenhorst (E. 11). Konsequenzen verschiedener Schutzmassnahmen auf Ertrag und Rentabilität des Windparks (E. 12). Nationales Interesse an der Nutzung der Windenergie am Grenchenberg (E. 13.1), insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Klimaziele der Schweiz (E. 13.2). Erhebliches Interesse am Schutz der Biodiversität (E. 13.3). Konflikte mit dem Interesse am Landschaftsschutz (E. 13.4). Anzustreben ist ein Interessenausgleich, d.h. das Risiko von Kollisionen und Lebensraumstörungen ist auf ein für den Biotop- und Artenschutz verträgliches Mass herabzusetzen, ohne die Nutzung der erneuerbaren Windenergie zu verunmöglichen (E. 13.5). Vorliegend führt die Gesamtinteressenabwägung zum Verzicht auf zwei dem Wanderfalkenhorst am nächsten liegende Standorte (E. 13.6) und zu zusätzlichen Auflagen (E. 14). Regeste a Parc éolien de la Montagne de Granges; obligation de prévoir le site dans un plan directeur (art. 8 al. 2 LAT). Exigences quant à l'examen nécessaire au niveau du plan directeur. En fait partie la présence d'espèces menacées ou prioritaires au niveau national qui présentent un potentiel de conflit avec les éoliennes (consid. 2.1 et 2.5). En l'espèce, cet examen a été complété dans le cadre de l'adoption du plan d'affectation; il ne se trouve pas de meilleur site alternatif du point de vue de la protection des oiseaux et des chauves-souris. Dans ces circonstances, le projet ne doit pas être annulé du seul fait d'un examen incomplet dans le cadre du plan directeur (consid. 2.6). Regeste b Parc éolien de la Montagne de Granges; mesures pour la protection des oiseaux et des chauves-souris; intérêt à la production d'énergie renouvelable; pesée globale des intérêts. Bases légales relatives à la protection de la biodiversité (consid. 5). Aperçu des mesures de protection et de remplacement prévues dans le plan d'affectation spécial (consid. 6 et 7). Examen du monitoring des victimes de coups de pales comme élément central des mesures de protection contre les collisions; celui-ci exige un effort de recherche important et doit être complété par un monitoring bioacoustique pour les chauves-souris (consid. 8). Mesures complémentaires pour la protection des espèces de chauves-souris menacées et prioritaires au niveau national (consid. 9). Mise en danger des oiseaux nicheurs (en particulier des alouettes lulu). Augmentation du risque de collision en raison de l'abaissement de la hauteur du moyeu. Exigences relatives aux mesures de remplacement (consid. 10). Non-respect de la distance minimale de 3000 m jusqu'à un site de nidification de faucons pèlerins recommandée par la Station ornithologique suisse (consid. 11). Conséquences des différentes mesures de protection sur le rendement et la rentabilité du parc éolien (consid. 12). Intérêt national à l'exploitation de l'énergie éolienne sur la Montagne de Granges (consid. 13.1), en particulier dans le contexte du changement climatique et des objectifs climatiques de la Suisse (consid. 13.2). Intérêt considérable à la protection de la biodiversité (consid. 13.3). Conflits avec l'intérêt à la protection du paysage (consid. 13.4). Il faut viser un équilibre entre les différents intérêts en ce sens que le risque de collisions et de perturbations des habitats doit être réduit à un niveau compatible avec la protection des biotopes et des espèces, sans pour autant empêcher toute utilisation de l'énergie éolienne renouvelable (consid. 13.5). En l'espèce, la pesée globale des intérêts conduit à renoncer aux deux sites d'implantation les plus proches du site de nidification de faucons pèlerins (consid. 13.6) et à imposer des mesures de protection supplémentaires (consid. 14). Regesto a Parco eolico del Grenchenberg; obbligo di una base nel piano direttore (art. 8 cpv. 2 LPT). Esigenze riguardo ai chiarimenti necessari a livello del piano direttore. Vi rientrano la presenza di specie minacciate o prioritarie a livello nazionale, che presentano un potenziale di conflitto con gli impianti eolici (consid. 2.1 e 2.5). Nella fattispecie, questi chiarimenti sono stati completati nella procedura del piano di utilizzazione; non sono ravvisabili migliori ubicazioni alternative sotto il profilo della protezione degli uccelli e dei pipistrelli. In queste circostanze, il progetto non deve essere annullato solo per il fatto che i chiarimenti sono stati incompleti nell'ambito della procedura del piano direttore (consid. 2.6). Regesto b Parco eolico del Grenchenberg; misure per la protezione degli uccelli e dei pipistrelli; interesse alla produzione di energia rinnovabile; ponderazione globale degli interessi. Basi legali della protezione della biodiversità (consid. 5). Panoramica delle misure di protezione e sostitutive previste nel piano di utilizzazione speciale (consid. 6 e 7). Esame del monitoraggio delle vittime delle pale eoliche quale elemento centrale delle misure di protezione contro le collisioni; esso presuppone un elevato dispendio di ricerca e, per i pipistrelli, deve essere completato mediante un monitoraggio bioacustico (consid. 8). Misure complementari per la protezione di specie di pipistrelli minacciate e prioritarie a livello nazionale (consid. 9). Messa in pericolo degli uccelli nidificanti (in particolare la tottavilla). Aumento del rischio di collisione mediante l'abbassamento dell'altezza del mozzo. Requisiti relativi alle misure sostitutive (consid. 10). Mancato rispetto della distanza minima di 3000 m dal sito di nidificazione del falco pellegrino raccomandata dalla Stazione ornitologica svizzera (consid. 11). Conseguenze delle diverse misure di protezione sull'utile e la redditività del parco eolico (consid. 12). Interesse nazionale all'utilizzazione dell'energia eolica del Grenchenberg (consid. 13.1), in particolare sullo sfondo del cambiamento climatico e degli obiettivi climatici della Svizzera (consid. 13.2). Interesse rilevante alla protezione della biodiversità (consid. 13.3). Conflitti con l'interesse alla protezione del paesaggio (consid. 13.4). Occorre mirare ad un equilibrio tra i diversi interessi, nel senso che il rischio di collisioni e di disturbi dello spazio vitale deve essere ridotto ad un livello compatibile con la protezione dei biotopi e delle specie, senza rendere impossibile l'utilizzazione dell'energia eolica rinnovabile (consid. 13.5). Nella fattispecie, la ponderazione globale degli interessi conduce a rinunciare a due ubicazioni più vicine al sito di nidificazione del falco pellegrino (consid. 13.6) e ad imporre oneri supplementari (consid. 14).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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