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Justizze. Art. 11 EOG

Bundesgericht

Selbständigerwerbende meldet Erwerbsausfall wegen Corona-Massnahmen an: Ausgleichskasse darf AHV-Akontoanpassung vom 7. April 2020 nicht ignorieren, Anspruchsvoraussetzung nach Art. 2 Abs. 3bis und Art. 5 Abs. 2 Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall nicht erfüllt (Art. 2 Abs. 3bis und Art. 5 Abs. 2 Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 V 278 · ATF 147 V 278 · DTF 147 V 278
Datum
05.07.2020
Geschäftsnummer
BGE 147 V 278
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 11 EOG Art. 7 EOV

Zusammenfassung

Die Ausgleichskasse des Kantons Aargau lehnte den Anspruch einer selbständigen medizinischen Masseurin auf Corona-Erwerbsersatz ab, weil sie ihr massgebliches Einkommen für 2019 unter Fr. 10'000.– schätzte. Die Versicherte hatte sich am 6. April 2020 angemeldet; die Ausgleichskasse hatte am 7. April 2020 aufgrund dieser Meldung ihre AHV-Akontobeiträge für 2019 angepasst. Die kantonale Vorinstanz hob den Einspracheentscheid auf und wies die Sache zur weiteren Abklärung zurück. Die Ausgleichskasse erhob Beschwerde ans Bundesgericht mit dem Antrag, das kantonale Urteil aufzuheben und ihren Einspracheentscheid zu bestätigen.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Ausgleichskasse ab und bestätigte das Urteil der Vorinstanz. Es stellte fest, dass die Ausgleichskasse bei der Prüfung des Anspruchs auf Corona-Erwerbsersatz das für die Bemessung der AHV-Beiträge entscheidende Erwerbseinkommen zugrunde legen muss – also dasjenige, das dem letzten verfügten AHV-Beitrag zugrunde lag. Dieser Beitrag war am 7. April 2020 aufgrund der Meldung der Versicherten vom 6. April 2020 angepasst worden. Eine zeitliche Grenze per 17. März 2020 für die Berücksichtigung solcher Änderungen findet sich weder im Wortlaut der Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall noch im Willen des Verordnungsgebers. Auch eine allgemeine Befürchtung rechtsmissbräuchlichen Verhaltens rechtfertigt nicht, durch Verwaltungsweisung eine vom Gesetzgeber nicht vorgesehene Einschränkung einzuführen. Da die Ausgleichskasse keinen Missbrauchsverdacht geltend machte und die Versicherte bereits im Vorjahr 2018 eine ähnliche Anpassung ihres Einkommens vorgenommen hatte, war die Glaubhaftigkeit ihrer Angaben nicht in Zweifel gestellt. Damit versties die Ausgleichskasse gegen Art. 2 Abs. 3bis und Art. 5 Abs. 2 der Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall sowie gegen Art. 11 Abs. 1 EOG und Art. 7 Abs. 1 EOV, die die maßgebliche Einkommensgrundlage regeln. Die Ausgleichskasse ist daher verpflichtet, bei der Neuprüfung auf die aktuellste ihr vorliegende Beitragsverfügung für 2019 abzustellen. Die Entscheidung klärt, dass auch Akontoverfügungen, die nach dem 17. März 2020 ergangen sind, für die Anspruchsprüfung des Corona-Erwerbsersatzes massgeblich sind, sofern sie vor der ersten Leistungsverfügung erlassen wurden.

Regeste

Art. 2 Abs. 3 bis und Art. 5 Abs. 2 Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall in der vom 23. April bis 5. Juli 2020 in Kraft stehenden Fassung; Art. 11 Abs. 1 EOG; Art. 7 Abs. 1 EOV; Anspruchsgrundlagen Corona-Erwerbsersatz für Selbständigerwerbende (Härtefallregelung). Es verstösst gegen Bundesrecht, bei der Prüfung des Anspruchs auf Corona-Erwerbsersatz zwischen dem 17. März 2020 und der erstmaligen Verfügung über den Corona-Erwerbsersatz erfolgte Änderungen der AHV-Beitragszahlungen für das Jahr 2019 zum Vornherein ausser Acht zu lassen. Für ein solches Vorgehen besteht weder in der Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall eine Grundlage, noch ist ersichtlich, dass es dem Willen des Verordnungsgebers entsprochen hätte (E. 5.3). Regeste Art. 2 al. 3 bis et art. 5 al. 2 de l'ordonnance sur les pertes de gain COVID-19 dans leur version en vigueur du 23 avril au 5 juillet 2020; art. 11 al. 1 LAPG; art. 7 al. 1 RAPG; fondement du droit aux allocations pour perte de gain en relation avec le coronavirus pour les personnes exerçant une activité indépendante (réglementation sur les cas de rigueur). Lors de l'examen du droit à des allocations pour perte de gain en relation avec le coronavirus, il est contraire au droit fédéral de ne pas prendre d'emblée en considération les changements des paiements des cotisations AVS pour l'année 2019 survenus entre le 17 mars 2020 et la première décision relative aux allocations pour perte de gain en relation avec le coronavirus. Une telle approche ne trouve pas de fondement dans l'ordonnance sur les pertes de gain COVID-19. Il n'est pas non plus manifeste que cette approche corresponde à la volonté du législateur (consid. 5.3). Regesto Art. 2 cpv. 3 bis e art. 5 cpv. 2 dell'ordinanza COVID-19 perdita di guadagno nella versione in vigore dal 23 aprile al 5 luglio 2020; art. 11 cpv. 1 LIPG; art. 7 cpv. 1 OIPG; basi legali per il diritto all'indennità per la perdita di guadagno Covid-19 per gli indipendenti (regolamentazione dei casi di rigore). È lesivo del diritto federale tralasciare d'acchito gli avvenuti cambiamenti dei pagamenti dei contributi AVS per l'anno 2019 nel quadro dell'esame del diritto all'indennità per la perdita di guadagno COVID-19 tra il 17 marzo 2020 e la prima decisione sulla stessa. Per un tale procedere non c'è né un fondamento nell'ordinanza COVID-19 perdita di guadagno né è evidente che ciò corrisponda alla volontà del legislatore (consid. 5.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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