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Justizze. Art. 258 StGB

Bundesgericht

Türkisches Generalkonsulat klagt als Privatkläger gegen Einstellung eines Strafverfahrens: Keine Geschädigtenstellung bei Delikten gegen kollektive Rechtsgüter (Art. 258–260, 296 StGB; Art. 115, 118, 382 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 145 IV 433 · ATF 145 IV 433 · DTF 145 IV 433
Datum
19.08.2019
Geschäftsnummer
BGE 145 IV 433
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 258 StGB Art. 259 StGB Art. 260 StGB Art. 296 StGB Art. 104 StPO Art. 115 StPO Art. 118 StPO Art. 382 StPO

Zusammenfassung

Das türkische Generalkonsulat erhob Beschwerde gegen die Einstellung eines Strafverfahrens wegen mutmasslicher Schreckung der Bevölkerung, öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen oder Gewalttätigkeit, Landfriedensbruchs und Beleidigung eines fremden Staates. Es hatte sich als Privatklägerin geltend gemacht, weil Farbbeutel gegen die Fassade des Generalkonsulats geworfen und mit dem Schriftzug „Kill Erdogan“ beschmiert worden waren. Streitig war, ob das Generalkonsulat als geschädigte Partei im Sinne der strafprozessualen Vorschriften zur Privatklage berechtigt war.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde des türkischen Generalkonsulats ab. Es stellte fest, dass die Tatbestände der Schreckung der Bevölkerung (Art. 258 StGB), der öffentlichen Aufforderung zu Verbrechen oder zur Gewalttätigkeit (Art. 259 StGB), des Landfriedensbruchs (Art. 260 StGB) und der Beleidigung eines fremden Staates (Art. 296 StGB) ausschliesslich kollektive Rechtsgüter schützen – etwa das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung, den öffentlichen Frieden, die öffentliche Friedensordnung oder die nationalen Interessen der Schweiz an korrekten auswärtigen Beziehungen –, aber keine individuellen Rechtsgüter. Daher ist der fremde Staat nicht geschädigt im Sinne von Art. 115 Abs. 1 StPO. Folglich verwehrt ihm Art. 118 Abs. 1 StPO die Stellung als Privatklägerschaft. Weil es nicht zu den Parteien gemäss Art. 104 StPO gehört, ist es nach Art. 382 Abs. 1 StPO auch nicht zur Beschwerde legitimiert. Die Vorinstanz hatte daher zu Recht entschieden, dass das Generalkonsulat keine Geschädigtenstellung besitzt und somit kein Recht auf Einlegung einer Beschwerde hat.

Diese Entscheidung klärt endgültig, dass ausländische Staaten bei Delikten gegen kollektive Rechtsgüter grundsätzlich nicht als geschädigte Parteien im schweizerischen Strafrecht auftreten können – selbst wenn ihre diplomatischen Vertretungen unmittelbar betroffen sind. Damit wird die strikte Trennung zwischen Individual- und Kollektivschutz im materiellen und prozessualen Strafrecht bekräftigt.

Regeste

Art. 258, 259, 260 und 296 StGB; Art. 115, 118 und 382 StPO; geschützte Rechtsgüter; Geschädigtenstellung und Legitimation der Privatklägerschaft. Die Tatbestände der Schreckung der Bevölkerung (Art. 258 StGB), der öffentlichen Aufforderung zu Verbrechen oder zur Gewalttätigkeit (Art. 259 StGB), des Landfriedensbruchs (Art. 260 StGB) und der Beleidigung eines fremden Staates (Art. 296 StGB) schützen keine individuellen Rechtsgüter. Der fremde Staat, der sich darauf beruft, ist nicht geschädigt im Sinne von Art. 115 Abs. 1 StPO und nicht legitimiert, als Privatklägerschaft ein Rechtsmittel der StPO zu ergreifen (E. 3.5). Regeste Art. 258, 259, 260 et 296 CP; art. 115, 118 et 382 CPP; biens juridiques protégés; qualité de lésé et légitimation de la partie plaignante. Les dispositions relatives aux infractions de menaces alarmant la population (art. 258 CP), provocation publique au crime ou à la violence (art. 259 CP), émeute (art. 260 CP) et outrages aux Etats étrangers (art. 296 CP) ne protègent pas de biens juridiques individuels. L'Etat étranger qui s'en prévaut n'est pas lésé au sens de l'art. 115 al. 1 CPP et n'est pas habilité à utiliser les voies de droit prévues par le CPP en qualité de partie plaignante (consid. 3.5). Regesto Art. 258, 259, 260 e 296 CP; art. 115, 118 e 382 CPP; beni giuridici tutelati; qualità di danneggiato e legittimazione dell'accusatore privato. Le fattispecie di pubblica intimidazione (art. 258 CP), pubblica istigazione a un crimine o alla violenza (art. 259 CP), sommossa (art. 260 CP) e oltraggio ad uno Stato estero (art. 296 CP) non tutelano dei beni giuridici individuali. Lo Stato estero, che vi si richiama, non è danneggiato ai sensi dell'art. 115 cpv. 1 CPP e non è legittimato, quale accusatore privato, a interporre un rimedio giuridico del diritto processuale penale (consid. 3.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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