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Justizze. Art. 26 BV

Bundesgericht

Uferschutzplanung Wohlensee: Gesamtinteressenabwägung zugunsten Vogelschutzes und Eigentumsinteressen statt ufernahem Weg (Art. 26 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 145 II 70 · ATF 145 II 70 · DTF 145 II 70
Datum
12.11.2018
Geschäftsnummer
BGE 145 II 70
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 26 BV Art. 36 BV Art. 1 JSG Art. 11 JSG Art. 3 LAT Art. 11 LCP Art. 11 LChP Art. 3 LPT Art. 18 NHG Art. 3 OAT Art. 3 OPT Art. 2 OROEM Art. 2 ORUAM Art. 3 RPG Art. 3 RPV Art. 1 SFG/BE Art. 4 SFG/BE Art. 42 USG Art. 1 WZVV Art. 2 WZVV Art. 5 WZVV Art. 6 WZVV

Zusammenfassung

Beschwerdeführer, darunter Grundeigentümer und Vereine, reichten Beschwerden gegen Urteile des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern ein, mit denen dieses eine ersatzweise erlassene Überbauungsordnung „Wohlensee-Inselrainbucht“ teilweise gutgeheissen hatte. Streitpunkt war die Genehmigung eines ufernahen öffentlichen Wegs im Inselrain-Thalmatt-Abschnitt am Wohlensee. Die Beschwerdeführer rügten unter anderem eine Verletzung des Bundesrechts zum Schutz von Wasser- und Zugvogelreservaten sowie eine fehlerhafte Interessenabwägung zwischen öffentlichem Zugangsinteresse und Naturschutz- sowie Eigentumsinteressen.

Das Bundesgericht hob die Urteile des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern auf und qualifizierte dessen Interessenabwägung als bundesrechtswidrig. Es stellte fest, dass das Gebiet des Wohlensees eines von insgesamt 25 Wasser- und Zugvogelreservaten von nationaler Bedeutung ist und sich durch eine überdurchschnittlich hohe Artenvielfalt auszeichnet. Die erhöhte Besucherfrequenz des geplanten Uferwegs würde mutmasslich zu einem Verlust des für Wat- und Wasservögel nutzbaren Lebensraums führen. Das geplante Betretungs- und Schifffahrtsverbot als flankierende Massnahme bewirkt für die betroffenen Grundeigentümer Eigentumsbeschränkungen, die über das bei der Planung von Fluss- und Seeuferwegen Übliche hinausgehen – etwa den Verlust des Seeanstosses für mehrere Grundstücke (Parzellen Gbbl. Nrn. 3417, 3424, 2977, 3816, 3815, 3428) und die Unmöglichkeit, diese auf dem Seeweg zu erreichen. Zudem bewertete die Vorinstanz das öffentliche Interesse an einer ufernahen Wegführung angesichts der erforderlichen, sehr weitreichenden Begleitmassnahmen (permanenter Sichtschutz, Schifffahrtsverbote) überbewertet und das Interesse des Vogelschutzes deutlich zu wenig. Diese Abwägungsfehler verletzen die Eigentumsgarantie (Art. 26 BV) und den Grundsatz der Verhältnismässigkeit (Art. 36 BV), ebenso wie die Vorgaben des Jagdgesetzes (Art. 1 Abs. 1 lit. a JSG), der Wasser- und Zugvogelreservate-Verordnung (Art. 5 Abs. 1 lit. b, Art. 6 Abs. 1–3 WZVV) und des Natur- und Heimatschutzgesetzes (Art. 18 ff. NHG). Der ufernahe Weg ist zudem nicht behindertengerecht gestaltet, da er an mehreren Stellen ein Längsgefälle von 10 bis 15 % aufweist. Damit überwiegen im konkreten Fall das öffentliche Interesse des Vogelschutzes und die Eigentumsinteressen der Grundeigentümer gegenüber dem öffentlichen Interesse an einer ufernahen Wegführung.

Das Bundesgericht legt hier erneut dar, dass bei der Genehmigung einer Sondernutzungsplanung eine umfassende Interessenabwägung gemäss Art. 3 RPV vorzunehmen ist und dass Fachgutachten – insbesondere der Vogelwarte Sempach und des BAFU – bei Umweltfragen grundsätzlich zu folgen sind, sofern keine triftigen Gründe dagegen sprechen. Die Vorinstanz verwarf ohne nachvollziehbare Begründung die vom Gutachten geforderten weitergehenden Schutzmassnahmen, was als willkürliche Beweiswürdigung zu werten ist.

Regeste

Uferschutzplanung Wohlensee; Gesamtinteressenabwägung. Die Behörden nehmen bei der Genehmigung einer Sondernutzungsplanung eine umfassende Interessenabwägung vor (vgl. Art. 3 RPV; E. 3.2). Würdigung des Gutachtens der Vogelwarte Sempach und der Stellungnahme des BAFU als Fachbehörde (E. 5.5, 6.3 und 6.4). Im zu beurteilenden Fall wird das öffentliche Interesse an einer ufernahen Wegführung (vgl. Art. 3 Abs. 2 lit. c RPG) relativiert, weil ein durchgehender Sichtschutz zum Schutz der im Gebiet vorkommenden Vogelarten erforderlich wäre, was Spaziergängern das Erleben der Uferlandschaft nur sehr beschränkt ermöglichen würde (E. 6.5 sowie 3.3). Das Gebiet des Wohlensees stellt eines von insgesamt 25 Wasser- und Zugvogelreservaten von nationaler Bedeutung dar (vgl. Art. 11 Abs. 2 JSG, Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Anhang 1 WZVV). Die erhöhte Besucherfrequenz des Uferwegs würde mutmasslich zu einem Verlust des für die Wat- und Wasservögel nutzbaren Lebensraums führen (E. 6.6 sowie 3.4.1). Das geplante Betretungs- und Schifffahrtsverbot als flankierende Massnahme bewirkt für die betroffenen Grundeigentümer Einschränkungen ihres Eigentums (Art. 26 BV), die über das bei der Planung von Fluss- und Seeuferwegen Übliche hinausgehen (E. 6.7 sowie 3.5). Im konkreten Fall überwiegen das öffentliche Interesse des Vogelschutzes und die Eigentumsinteressen der Grundeigentümer (E. 6.8). Regeste Planification de la protection des rives du Wohlensee; pesée générale des intérêts. Lors de l'adoption d'un plan spécial d'affectation, les autorités procèdent à une pesée complète des intérêts (cf. art. 3 OAT; consid. 3.2). Evaluation de l'expertise de la station ornithologique de Sempach et de la prise de position de l'OFEV en tant qu'autorité spécialisée (consid. 5.5, 6.3 et 6.4). En l'espèce, l'intérêt public à un cheminement le long des rives (cf. art. 3 al. 2 let. c LAT) doit être relativisé car il serait nécessaire de limiter la vue de celui-ci afin de protéger les espèces communes d'oiseaux dans le secteur, ce qui ne permettrait aux promeneurs de profiter que de façon très limitée du paysage (consid. 6.5 ainsi que 3.3). Le secteur du Wohlensee représente l'une des 25 réserves d'oiseaux d'eau et de migrateurs d'importance nationale (art. 11 al. 2 LChP, art. 2 al. 1 en relation avec l'annexe 1 OROEM). La fréquence accrue de visiteurs sur un cheminement riverain conduirait probablement à une réduction de l'habitat des oiseaux limicoles et des oiseaux d'eau (consid. 6.6 ainsi que 3.4.1). L'interdiction d'accès et de navigation comme mesure d'accompagnement génère pour les propriétaires concernés une restriction de leur droit de propriété (art. 26 Cst.) qui va au-delà des restrictions habituelles en matière de planification de cheminements le long des rives de lacs et cours d'eau (consid. 6.7 ainsi que 3.5). Dans le cas concret, sont prépondérants l'intérêt public à la protection des oiseaux et l'intérêt privé des propriétaires fonciers (consid. 6.8). Regesto Pianificazione della protezione delle rive del Wohlensee; ponderazione globale degli interessi. Nell'ambito dell'approvazione di una pianificazione speciale, le autorità procedono a una ponderazione globale degli interessi (cfr. art. 3 OPT; consid. 3.2). Valutazione della perizia della stazione ornitologica di Sempach e della presa di posizione dell'UFAM quale autorità specializzata (consid. 5.5, 6.3 e 6.4). Nel caso in esame, l'interesse pubblico a un percorso lungo la riva (cfr. art. 3 cpv. 2 lett. c LPT) dev'essere relativizzato, poiché sarebbe necessario limitarne ininterrottamente la vista per tutelare le varie specie di uccelli presenti nel comparto, ciò che permetterebbe agli escursionisti di apprezzare il paesaggio solo in maniera assai limitata (consid. 6.5 come pure 3.3). L'area del Wohlensee costituisce una delle complessive 25 riserve per uccelli acquatici e migratori d'interesse nazionale (cfr. art. 11 cpv. 2 LCP, art. 2 cpv. 1 in relazione con l'Allegato 1 ORUAM). L'incremento dell'affluenza di visitatori su un sentiero rivierasco implicherebbe presumibilmente una riduzione dello spazio vitale utilizzato dagli uccelli limicoli e acquatici (consid. 6.6 nonché 3.4.1). Il progettato divieto d'accesso e di navigazione quale misura d'accompagnamento implica, per i proprietari interessati, restrizioni al loro diritto di proprietà (art. 26 Cost.), che eccedono quelle usuali in materia di pianificazione delle rive di fiumi e laghi (consid. 6.7 come pure 3.5). Nella fattispecie prevalgono gli interessi pubblici alla protezione degli uccelli e l'interesse privato dei proprietari (consid. 6.8).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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