Justizze.

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Justizze. Art. 95 SVG

Bundesgericht

Führerlaubnisinhaber lenkt nach Ablauf der Probezeit ohne definitiven Ausweis: Strafrechtliche Verurteilung nach Art. 95 Abs. 2 SVG aufgehoben, weil Behörde zu Unrecht untätig blieb (Art. 95 Abs. 2 SVG)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 IV 425 · ATF 143 IV 425 · DTF 143 IV 425
Datum
24.05.2017
Geschäftsnummer
BGE 143 IV 425
Abteilung
CH_BGE_006
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 35a OAC Art. 15a SVG Art. 15b SVG Art. 95 SVG Art. 24b VZV

Zusammenfassung

Der Beschwerdeführer wurde wegen Fahrens nach Ablauf der Gültigkeitsdauer seines Führerausweises auf Probe verurteilt. Er machte geltend, die Voraussetzungen für die Erteilung des definitiven Führerausweises seien längst erfüllt gewesen, das Strassenverkehrsamt habe jedoch monatelang untätig geblieben und ihm weder den definitiven Ausweis erteilt noch einen vorsorglichen Entzug angeordnet. Die Vorinstanz hielt ihn für schuldig, weil er trotz mündlicher Auskunft, nicht fahren zu dürfen, ein Fahrzeug lenkte. Der Beschwerdeführer beantragte Freispruch von sämtlichen Vorwürfen oder zumindest Rückverweisung zur Neubeurteilung.

Das Bundesgericht hob den Schuldspruch wegen Verletzung von Art. 95 Abs. 2 SVG teilweise auf und wies die Sache zur Neubeurteilung zurück. Der Beschwerdeführer hatte seinen Führerausweis auf Probe am 25. Februar 2014 abgelaufen; die Probezeit war damit beendet. Die Voraussetzungen für die Erteilung des definitiven Führerausweises – insbesondere Besuch der Weiterbildungskurse – waren nach den Feststellungen der Vorinstanz erfüllt, und diese legte nichts vor, was darauf hindeutete, dass sie es nicht bereits unmittelbar nach Ablauf der Probezeit gewesen wären. Das Strassenverkehrsamt verzichtete in seinem Schreiben vom 31. Oktober 2014 ausdrücklich auf einen vorsorglichen Entzug des Führerausweises und behielt sich lediglich Administrativmassnahmen für den Fall einer späteren Verurteilung in Italien vor. Ein faktischer Entzug des Führerausweises durch reine Untätigkeit und Zuwarten mit der Ausstellung des definitiven Ausweises ist gesetzlich nicht vorgesehen. Art. 95 Abs. 2 SVG bestraft ausschliesslich die Säumnis des Inhabers, die Weiterbildungskurse zu besuchen oder den unbefristeten Führerausweis zu beantragen; es ist nicht anwendbar, wenn die Behörde den definitiven Führerausweis zu Unrecht nicht ausstellt. Da der Beschwerdeführer weder die Kurse unterlassen noch das Gesuch versäumt hatte, sondern allein auf die unrechtmässige Verweigerung durch die Behörde reagierte, fiel sein Verhalten nicht unter diesen Tatbestand. Die Anwendung von Art. 95 Abs. 2 SVG verstoss daher gegen Bundesrecht. Die übrigen Schuldsprüche blieben unangetastet.

Regeste

Art. 15a, 15b Abs. 2, Art. 95 Abs. 1 lit. b und c und Abs. 2 SVG; Art. 24a Abs. 1, Art. 24b Abs. 1, Art. 30, 35 und 35a Abs. 1 Verkehrszulassungsverordnung (VZV); Voraussetzungen und Pflicht der Behörden zur Erteilung des definitiven Führerausweises nach Ablauf der Probezeit; Anwendungsbereich der Strafbestimmungen von Art. 95 Abs. 1 lit. c und Abs. 2 SVG. Der Betroffene hat einen Rechtsanspruch auf Erteilung des definitiven Führerausweises ab dem Tag nach Ablauf der Probezeit, wenn die Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Drängt sich dies aus Gründen der Verkehrssicherheit auf, ist der Führerausweis vorsorglich zu entziehen. Ein faktischer Entzug des Führerausweises durch Zuwarten mit der Ausstellung des definitiven Führerausweises ist im Gesetz nicht vorgesehen (E. 1.4). Art. 95 Abs. 1 lit. c SVG gelangt auf den Motorfahrzeugführer zur Anwendung, dessen Führerausweis auf Probe mit der zweiten Widerhandlung, die zum Entzug des Ausweises führt, verfallen ist. Art. 95 Abs. 2 SVG soll nach seiner ratio legis demgegenüber die Säumnis des Motorfahrzeugführers bestrafen, die Weiterbildungskurse zu besuchen und den unbefristeten Führerausweis zu beantragen. Die Bestimmung ist nicht anwendbar, wenn die Behörde den definitiven Führerausweis zu Unrecht nicht ausstellte (E. 1.5). Regeste Art. 15a, 15b al. 2, art. 95 al. 1 let. b et c et al. 2 LCR; art. 24a al. 1, art. 24b al. 1, art. 30, 35 et 35a al. 1 de l'ordonnance réglant l'admission à la circulation routière (OAC); conditions et devoir des autorités de délivrer le permis de conduire définitif après l'expiration de la période d'essai; champ d'application des dispositions pénales prévues par l'art. 95 al. 1 let. c et al. 2 LCR. L'intéressé a un droit à la délivrance du permis de conduire définitif dès le jour de l'expiration de la période d'essai, lorsque les conditions pour cette délivrance sont réunies. Si des raisons de sécurité routière l'imposent, le permis doit être retiré à titre préventif. Un retrait de fait du permis de conduire, par la mise en attente de la remise du permis de conduire définitif, n'est pas prévu par la loi (consid. 1.4). L'art. 95 al. 1 let. c LCR s'applique à la personne qui conduit un véhicule automobile alors que son permis de conduire à l'essai est caduc à la suite de la commission d'une seconde infraction entraînant un retrait. D'après sa ratio legis, l'art. 95 al. 2 LCR doit en revanche sanctionner la personne qui conduit un véhicule automobile sans avoir suivi la formation complémentaire et requis le permis de conduire de durée illimitée. Cette disposition n'est pas applicable lorsque les autorités ne délivrent à tort pas ce permis (consid. 1.5). Regesto Art. 15a, 15b cpv. 2, art. 95 cpv. 1 lett. b nonché lett. c e cpv. 2 LCStr; art. 24a cpv. 1, art. 24b cpv. 1, art. 30, 35 e 35a cpv. 1 dell'ordinanza sull'ammissione alla circolazione (OAC); condizioni e obbligo delle autorità in relazione al rilascio della licenza di condurre definitiva alla scadenza del periodo di prova; campo d'applicazione delle fattispecie penali dell'art. 95 cpv. 1 lett. c nonché cpv. 2 LCStr. Se le relative condizioni sono adempiute, l'interessato ha diritto al rilascio della licenza di condurre definitiva dal giorno successivo alla scadenza del periodo di prova. Se ragioni afferenti la sicurezza stradale lo impongono, la licenza di condurre dev'essere revocata a titolo preventivo. Una revoca di fatto della licenza di condurre temporeggiando il rilascio della licenza di condurre definitiva non è prevista dalla legge (consid. 1.4). L'art. 95 cpv. 1 lett. c LCStr si applica a chiunque conduce un veicolo a motore sebbene la sua licenza di condurre in prova sia scaduta con la seconda infrazione che comporta la revoca della licenza. Secondo la sua ratio legis, l'art. 95 cpv. 2 LCStr sanziona invece chiunque conduce un veicolo a motore senza aver seguito la formazione complementare e richiesto il rilascio della licenza di condurre di durata illimitata. La norma non è applicabile se a torto l'autorità non rilascia la licenza di condurre definitiva (consid. 1.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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