Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 72 ATSG

Bundesgericht

Gemeinsamer Regress von Suva, IV und AHV gegen Haftpflichtversicherer: Parteifähigkeit bejaht, Regressprivileg des Arbeitgebers mindert Haftung des Dritten (Art. 72, 75 ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 III 79 · ATF 143 III 79 · DTF 143 III 79
Datum
15.12.2016
Geschäftsnummer
BGE 143 III 79
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 72 ATSG Art. 75 ATSG Art. 14 ATSV Art. 16 ATSV Art. 44 OR Art. 50 OR Art. 51 OR Art. 33 RLG Art. 34 RLG Art. 35 RLG

Zusammenfassung

Die Suva, die Invalidenversicherung (IV) und die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) erhoben gemeinsam Regressklage gegen eine Haftpflichtversicherung eines Gaswerks. Ein Arbeitnehmer erlitt bei einem Arbeitsunfall in einem Abwasserschacht Verbrennungen durch eine Gasexplosion. Die Versicherer machten ihre gesetzlichen Leistungen gegenüber dem Haftpflichtversicherer des Gaswerks geltend. Der Beklagte wandte ein, die AHV und IV seien unter dem neuen ATSG nicht parteifähig, müssten getrennte Forderungen stellen und könnten sich nicht auf das Regressprivileg des Arbeitgebers berufen, um seine eigene Haftung zu reduzieren.

Das Bundesgericht hiess die Beschwerden beider Parteien teilweise gut und wies die Sache zur neuen Beurteilung an das Handelsgericht zurück.

Zur Parteifähigkeit stellte das Gericht fest, dass AHV und IV auch unter der Geltung des ATSG partei- und prozessfähig sind. Der Begriff "Versicherungsträger" in Art. 72 Abs. 1 ATSG schliesst die AHV und IV als Gesamtinstitutionen nicht aus, da die Durchführung auf verschiedene Verwaltungseinheiten verteilt ist, die zusammen den Versicherungsträger bilden. Da die Suva ihr Rückgriffsrecht ebenfalls ausübte, vertrat sie gemäss Art. 14 Abs. 2 ATSV auch die Ansprüche der AHV und IV. Dies führt nicht zu einer Inkassozession, sondern zu einer gesetzlichen Vertretung, weshalb die AHV und IV weiterhin Gläubigerinnen bleiben.

Hinsichtlich der Prozessführung bestätigte das Gericht, dass die Versicherer als Gesamtgläubiger im Sinne von Art. 16 ATSV auftreten. Wenn mehrere Sozialversicherungen am Rückgriff beteiligt sind, besteht keine Solidargläubigerschaft im klassischen Sinne, aber auch kein Zwang zur gemeinsamen Klage. Das Gericht entschied jedoch, dass wenn Gesamtgläubiger gemeinsam klagen, der verlangte Gesamtbetrag im Rechtsbegehren nicht auf die einzelnen Klägerinnen aufgeteilt werden muss. Die korrekte Aufteilung des Regresssubstrats erfolgt intern zwischen den Versicherern und betrifft den Schuldner nicht. Eine Zahlung an die vertretende Suva befreit den Schuldner gegenüber allen Versicherern.

In der materiellen Frage des Regressprivilegs gab das Gericht dem Beklagten teilweise recht. Es entschied, dass sich ein nicht privilegierter Dritthaftpflichtiger (hier der Haftpflichtversicherer des Gaswerks) gegenüber dem regressierenden Sozialversicherer auf das Regressprivileg des Arbeitgebers (Art. 75 Abs. 2 ATSG) berufen kann. Das Privileg wirkt als Reduktionsgrund für die Haftung des Dritten. Der Sozialversicherer muss sich den Vorteil anrechnen lassen, der seinen versicherten Arbeitgebern zugestanden wird. Der nicht privilegierte Haftpflichtige haftet dem Sozialversicherer nur insoweit, wie er im internen Verhältnis mit dem Arbeitgeber den Schaden tragen müsste, wenn kein Regressprivileg bestünde. Die interne Haftungsaufteilung richtet sich nach Art. 51 i.V.m. Art. 50 OR (über das Rohrleitungsgesetz), nicht nach einer pauschalen Gleichverteilung nach Art. 148 Abs. 1 OR. Die Vorinstanz hatte dies falsch angewandt, indem sie die volle Haftung des Beklagten annahm, ohne die interne Quote des privilegierten Arbeitgebers zu berücksichtigen.

Regeste

Gemeinsamer Regress der Suva, der AHV und der IV auf eine Haftpflichtversicherung (Art. 72 und Art. 75 ATSG; Art. 14 Abs. 2 und Art. 16 ATSV). Die AHV und die IV sind auch unter der Geltung des ATSG bezüglich der nach Art. 72 ATSG auf die Versicherungsträger übergehenden Ansprüche parteifähig. Übt auch die Suva ihr Rückgriffsrecht aus, werden sie durch diese vertreten (E. 3). Bedeutung des Begriffs "Gesamtgläubiger" nach Art. 16 ATSV. Reicht das Regresssubstrat nicht zur Befriedigung aller Gesamtgläubiger, hat die korrekte Aufteilung intern durch einen Ausgleich zwischen ihnen zu erfolgen, nicht im Verhältnis zum Schuldner. Klagen Gesamtgläubiger gemeinsam, ist daher im Rechtsbegehren der verlangte Gesamtbetrag nicht auf die einzelnen Klageparteien aufzuteilen (E. 4). Auf das Regressprivileg gegenüber einem Sozialversicherer (Art. 75 ATSG) kann sich diesem gegenüber auch ein nicht privilegierter Schuldner berufen, soweit die Schuld ohne Regressprivileg intern vom Privilegierten zu übernehmen gewesen wäre (E. 6). Regeste Recours commun de la CNA, de l'AVS et de l'AI contre un assureur responsabilité civile (art. 72 et art. 75 LPGA; art. 14 al. 2 et art. 16 OPGA). Sous l'empire de la LPGA également, l'AVS et l'AI ont la capacité d'être parties au procès portant sur les droits qui passent à l'assureur en vertu de l'art. 72 LPGA. Elles sont représentées par la CNA au cas où celle-ci exerce également son droit de recours (consid. 3). Notion de "communauté de créanciers" au sens de l'art. 16 OPGA. Si la recette subrogatoire ne suffit pas à désintéresser tous les créanciers, la répartition correcte du montant obtenu intervient dans le cadre de leurs rapports internes, sans que le débiteur ne soit concerné. Lorsqu'ils agissent en commun, les créanciers subrogés n'ont dès lors pas, dans leurs conclusions, à diviser le montant total réclamé entre chaque partie demanderesse (consid. 4). Un débiteur non privilégié peut se prévaloir du privilège de recours envers un assureur social (art. 75 LPGA) pour la part du dommage qui, sans privilège de recours, devrait être supportée dans les rapports internes par le coresponsable bénéficiaire du privilège (consid. 6). Regesto Regresso comune dell'INSAI, dell'AVS e dell'AI nei confronti di un assicuratore di responsabilità civile (art. 72 e art. 75 LPGA; art. 14 cpv. 2 e art. 16 OPGA). L'AVS e l'AI hanno la capacità di essere parte nel processo che concerne le pretese che passano agli assicuratori in virtù dell'art. 72 LPGA pure sotto l'imperio della LPGA. Se anche l'INSAI esercita il suo diritto di regresso, esse vengono rappresentate da questa (consid. 3). Nozione di "creditori in solido" secondo l'art. 16 OPGA. Se il prodotto del regresso non basta per soddisfare tutti i creditori, la sua corretta ripartizione va effettuata con un conguaglio interno fra di questi e non tocca il debitore. Se i creditori promuovono l'azione congiuntamente, l'importo complessivo chiesto nelle conclusioni non va quindi ripartito fra i singoli attori (consid. 4). Anche un debitore non privilegiato può prevalersi del privilegio di regresso nei confronti di un assicuratore sociale (art. 75 LPGA), nella misura in cui il debito avrebbe - senza il privilegio - dovuto essere assunto nei rapporti interni dal privilegiato (consid. 6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.