Kantonale Volksinitiative zur Fremdsprachenregelung in der Primarschule: Kein offensichtlicher Widerspruch zu übergeordnetem Recht, Ungültigerklärung durch Grossen Rat aufgehoben (Art. 14 Abs. 1 Ziff. 2 KV/GR)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 I 361 · ATF 143 I 361 · DTF 143 I 361
- Datum
- 03.05.2017
- Geschäftsnummer
- BGE 143 I 361
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 8 BV Art. 19 BV Art. 61a BV Art. 62 BV Art. 3 KV/GR Art. 14 KV/GR Art. 15 LLC Art. 21 LLC Art. 15 SpG Art. 21 SpG
Zusammenfassung
Eine kantonale Volksinitiative mit dem Titel „Nur eine Fremdsprache in der Primarschule“ wurde in der Form der allgemeinen Anregung eingereicht und vom Grossen Rat des Kantons Graubünden für ungültig erklärt, weil sie nach dessen Auffassung in offensichtlichem Widerspruch zu übergeordnetem Recht stehe. Dagegen erhoben 18 Privatpersonen Beschwerde ans Bundesgericht. Streitpunkt war, ob die Initiative wegen offensichtlichen Widerspruchs zu Bundesrecht oder zur Kantonsverfassung für ungültig zu erklären sei.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte damit die Aufhebung der Ungültigerklärung durch das Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden. Die Initiative sieht vor, dass Primarschüler aus den italienisch- und rätoromanischsprachigen Regionen obligatorisch nur Deutsch und jene aus den deutschsprachigen Regionen obligatorisch nur Englisch als Fremdsprache lernen. Das Bundesgericht stellte fest, dass die Ungültigerklärung einer allgemeinen Anregung im Kanton Graubünden nur dann zulässig ist, wenn eine Umsetzung ohne offensichtlichen Widerspruch zum übergeordneten Recht von vornherein ausgeschlossen erscheint. Da die Initiative lediglich den Fremdsprachenunterricht auf der Primarstufe betrifft und die Oberstufe unberührt lässt, kann der Gesetzgeber bei der Umsetzung sicherstellen, dass alle Schüler bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit über vergleichbare Kompetenzen in einer zweiten Landessprache und einer weiteren Fremdsprache verfügen. Ein offensichtlicher Verstoss gegen das Rechtsgleichheitsgebot (Art. 8 Abs. 1 BV) oder das Diskriminierungsverbot (Art. 8 Abs. 2 BV) ist daher nicht gegeben. Auch ein offensichtlicher Widerspruch zum Anspruch auf ausreichenden Grundschulunterricht (Art. 19 i.V.m. Art. 62 Abs. 2 BV), zu den bundesverfassungsmässigen Harmonisierungsgeboten (Art. 61a und Art. 62 Abs. 4 BV), zu den bundesrechtlichen Zielvorgaben im Sprachenunterricht (Art. 15 Abs. 3 und Art. 21 SpG i.V.m. Art. 70 Abs. 4 und 5 BV) oder zum Grundsatz der Gleichwertigkeit der Landes- und Amtssprachen (Art. 3 Abs. 1 KV/GR) ist nicht erkennbar. Die Vorinstanz hatte zutreffend dargelegt, wie der Gesetzgeber bei der Umsetzung der Initiative durch getrennte Klassen, Sonderregelungen für Randregionen oder intensivierten Unterricht in der Oberstufe die erforderliche Gleichwertigkeit gewährleisten kann. Damit entspricht die Initiative den Voraussetzungen der Gültigkeit gemäss Art. 14 Abs. 1 Ziff. 2 KV/GR. Die Entscheidung klärt die hohe Hürde des „offensichtlichen Widerspruchs“ bei allgemeinen Anregungen und bekräftigt den Gestaltungsspielraum des Kantons bei der Ausgestaltung des Fremdsprachenunterrichts.
Regeste
Art. 8 Abs. 1 und 2, Art. 19 i.V.m. Art. 62 Abs. 2, Art. 61a und Art. 62 Abs. 4 BV; Art. 15 Abs. 3 und Art. 21 SpG i.V.m. Art. 70 Abs. 4 und 5 BV; Art. 3 Abs. 1, Art. 14 Abs. 1 Ziff. 2 KV/GR; Beschwerde wegen Verletzung politischer Rechte. Beurteilung der Frage, ob eine in der Form der allgemeinen Anregung eingereichte kantonale Volksinitiative wegen offensichtlichen Widerspruchs zu übergeordnetem Recht für ungültig zu erklären ist. Die Ungültigerklärung einer in der Form der allgemeinen Anregung eingereichten Initiative wegen Unvereinbarkeit mit höherrangigem Recht setzt im Kanton Graubünden voraus, dass eine Umsetzung der Initiative ohne offensichtlichen Widerspruch zum übergeordneten Recht von vornherein ausgeschlossen erscheint (E. 3). Gemäss dem Begehren der Volksinitiative "Nur eine Fremdsprache in der Primarschule" könnten die Primarschüler aus den italienisch- und rätoromanischsprachigen Regionen einzig in der Fremdsprache Deutsch und die Primarschüler aus den deutschsprachigen Regionen einzig in der Fremdsprache Englisch obligatorisch unterrichtet werden (E. 4). Im Umstand, dass gemäss der Initiative die Schüler aus den italienisch- und rätoromanischsprachigen Regionen in der Primarschule nicht obligatorisch in der Fremdsprache Englisch und die Schüler aus den deutschsprachigen Regionen nicht obligatorisch in einer zweiten Landessprache unterrichtet werden, ist kein offensichtlicher Verstoss gegen das Rechtsgleichheitsgebot oder das Diskriminierungsverbot zu erblicken (E. 5). Weiter steht die Initiative nicht in einem offensichtlichen Widerspruch zum Anspruch auf einen ausreichenden Grundschulunterricht (E. 6), zum verfassungsrechtlichen Harmonisierungsgebot sowie zu den bundesrechtlichen Zielvorgaben im Bereich des Schulwesens (E. 7 und 8) oder zum Grundsatz der Gleichwertigkeit der Landes- und Amtssprachen im Kanton Graubünden (E. 9). Regeste Art. 8 al. 1 et 2, art. 19 Cst. en lien avec l'art. 62 al. 2, art. 61a et art. 62 al. 4 Cst.; art. 15 al. 3 et art. 21 LLC en relation avec l'art. 70 al. 4 et 5 Cst.; art. 3 al. 1 et art. 14 al. 1 ch. 2 de la Constitution du canton des Grisons (KV/GR); recours pour violation des droits politiques. Examen de la question de savoir si une initiative populaire revêtant la forme d'une proposition conçue en termes généraux manifestement contraire au droit supérieur doit être déclarée nulle. L'invalidation d'une initiative populaire revêtant la forme d'une proposition conçue en termes généraux au motif d'une incompatibilité avec le droit supérieur suppose, dans le canton des Grisons, qu'une mise en oeuvre de celle-ci conciliable avec le droit supérieur apparaisse d'emblée et manifestement exclue (consid. 3). Aux termes de l'initiative "Une seule langue étrangère à l'école primaire", seul l'allemand peut être enseigné obligatoirement, au titre de langue étrangère, aux élèves des régions italo- et romanchophones; pour les élèves de niveau primaire des régions germanophones, seul l'apprentissage de l'anglais peut être imposé (consid. 4). Le fait que, selon l'initiative, l'anglais ne soit pas obligatoirement enseigné aux élèves des régions italo- et romanchophones et que les élèves des régions germanophones ne se voient pas imposer l'apprentissage d'une deuxième langue nationale n'est pas manifestement contraire à l'égalité de traitement ou à l'interdiction de la discrimination (consid. 5). L'initiative ne contrevient pas non plus de façon évidente au droit à un enseignement de base suffisant (consid. 6), à l'exigence constitutionnelle d'harmonisation de l'instruction publique et aux objectifs définis par le droit fédéral en matière d'enseignement (consid. 7 et 8) ni au principe d'équivalence des langues nationales et officielles du canton des Grisons (consid. 9). Regesto Art. 8 cpv. 1 e 2, art. 19 in relazione con l'art. 62 cpv. 2, art. 61a e art. 62 cpv. 4 Cost.; art. 15 cpv. 3 e art. 21 LLing in relazione con l'art. 70 cpv. 4 e 5 Cost.; art. 3 cpv. 1 e art. 14 cpv. 1 cifra 2 Cost./GR; ricorso per violazione dei diritti politici. Esame della questione di sapere se un'iniziativa popolare cantonale presentata nella forma di una proposta generica debba essere dichiarata nulla per contrapposizione evidente con il diritto di rango superiore. Nel Cantone dei Grigioni, la dichiarazione di nullità di un'iniziativa popolare presentata nella forma di proposta generica per incompatibilità con il diritto di rango superiore presuppone che una sua attuazione compatibile con il diritto superiore appaia esclusa a prima vista (consid. 3). Secondo il testo dell'iniziativa popolare "Solo una lingua straniera nelle scuole elementari" agli allievi delle scuole elementari delle regioni italofone e retoromance potrebbe essere insegnato obbligatoriamente, quale lingua straniera, solo il tedesco, mentre a quelli delle regioni tedescofone solo l'inglese (consid. 4). Nel fatto che secondo l'iniziativa agli allievi delle regioni italofone e retoromance non sarà obbligatoriamente insegnato l'inglese e che a quelli delle regioni germanofone non una seconda lingua nazionale, non è ravvisabile una violazione manifesta del principio di uguaglianza o del divieto di discriminazione (consid. 5). L'iniziativa non implica neppure una contrapposizione manifesta con il diritto a una sufficiente istruzione scolastica di base (consid. 6), con l'esigenza costituzionale dell'armonizzazione del settore scolastico (consid. 7 e 8) e neppure con il principio di equivalenza delle lingue nazionali e ufficiali del Cantone dei Grigioni (consid. 9).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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