SEM gewinnt Beschwerde: Ausgrenzung eines illegalen Migranten trotz nicht ortsspezifischer Delikte zulässig (Art. 74 AuG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 II 1 · ATF 142 II 1 · DTF 142 II 1
- Datum
- 22.11.2015
- Geschäftsnummer
- 2C_383/2015
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Das Staatssekretariat für Migration (SEM) focht ein Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Zürich an, welches eine Ausgrenzungsverfügung gegen einen abgewiesenen Asylbewerber aufgehoben hatte. Der Beschwerdeführer war seit 1994 in der Schweiz und hielt sich illegal auf. Er war mehrfach wegen Diebstahls, Hausfriedensbruchs und Drohung verurteilt worden. Das kantonale Gericht hob die Massnahme auf, weil die begangenen Delikte nicht ausschliesslich in der Stadt Zürich stattgefunden hätten und die Ausgrenzung daher nicht geeignet sei, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Das SEM argumentierte, die Massnahme diene dazu, den Betroffenen von weiteren Straftaten in Zürich abzuhalten und seine Erreichbarkeit für Behörden zu sichern.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde des SEM gut und bestätigt die Ausgrenzung des Beschwerdeführers aus der Stadt Zürich. Es stellt fest, dass die Voraussetzungen nach Art. 74 Abs. 1 lit. a und b AuG grundsätzlich erfüllt sind, da der Beschwerdeführer keine Aufenthaltsbewilligung besitzt und durch wiederholte Delikte (Diebstahl, Hausfriedensbruch, Drohung) die öffentliche Sicherheit gefährdet.
Das Gericht widerlegt die Auffassung der Vorinstanz, wonach eine Ausgrenzung nur bei ortsspezifischen Delikten zulässig sei. Es betont, dass die Massnahme auch dann zweckgeeignet ist, wenn die deliktische Tätigkeit theoretisch anderswo ausgeübt werden könnte, solange sie darauf abzielt, den Betroffenen von einem Ort fernzuhalten, an dem er mehrfach straffällig geworden ist. Die Anonymität grosser Städte erhöht zudem das Risiko weiterer Delinquenz.
In Bezug auf die Verhältnismässigkeit hält das Gericht fest, dass die Ausgrenzung mildere Mittel als Administrativhaft darstellt und eine gewisse Druckwirkung entfalten darf. Da sich der Beschwerdeführer ohnehin illegal in der Schweiz aufhält, verbietet die Massnahme nichts Neues, sondern versieht das bestehende Verbot mit einer höheren Strafandrohung gemäss Art. 119 Abs. 1 AuG. Die Unmöglichkeit, Freunde in Zürich zu treffen, macht die Massnahme nicht unverhältnismässig, da Bekannte zu ihm reisen können.
Der Sachverhalt wurde gestützt auf Art. 105 Abs. 2 BGG ergänzt, da die Vorinstanz den Bewilligungsstatus nicht hinreichend festgestellt hatte. Eine Rückweisung zur Ergänzung war somit nicht nötig. Die Kosten wurden ausnahmsweise nicht erhoben (Art. 66 Abs. 1 BGG).
Regeste
Eine Ausgrenzung im Sinne von Art. 74 Abs. 1 lit. a AuG darf eine gewisse Druckwirkung zur Durchsetzung der Ausreisepflicht entfalten, sie muss allerdings dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit entsprechen. Die angeordnete Massnahme ist immer daran zu messen, ob damit das gesteckte Ziel erreicht werden kann. Eine Ausgrenzung ist eine Zwangsmassnahme; sie geht weniger weit als der ausländerrechtlich begründete Freiheitsentzug, darf analog diesem aber auch eine gewisse Druckwirkung entfalten. Sie muss geeignet und erforderlich sein sowie die Zweck-Mittel-Relation wahren (E. 2). Die Massnahme ist nicht nur bei ortsspezifischen Delikten möglich; es darf in Rechnung gestellt werden, dass die Gefahr von Delinquenz in der Anonymität grosser Städte ungleich viel höher ist als in der Agglomeration oder gar auf dem Land. Die Verpflichtung eines Ausländers, sich aus der Stadt Zürich fernzuhalten (wo er mehrfach delinquiert hatte), ist deshalb zweckgeeignet, diesen dort an der Begehung weiterer Delikte zu hindern; die angeordnete Massnahme erscheint im konkreten Fall auch sonst nicht unverhältnismässig (E. 3 und 4). Regeste Une interdiction de pénétrer dans une région déterminée au sens de l'art. 74 al. 1 let. a LEtr peut avoir pour but d'exercer une certaine pression en vue d'assurer le départ d'un étranger tenu de quitter la Suisse; celle-ci doit cependant être conforme au principe de la proportionnalité. Il convient toujours de veiller à ce que la mesure ordonnée permette d'atteindre le but visé. Une interdiction de pénétrer dans une région déterminée est une mesure de contrainte; elle va moins loin que la détention en droit des étrangers, mais, à l'instar de celle-ci, peut aussi avoir pour but d'exercer une certaine pression. Elle doit être adéquate, nécessaire et conforme au principe selon lequel il doit exister un rapport raisonnable entre le but poursuivi et le moyen choisi (consid. 2). La mesure n'est pas seulement possible en cas d'infractions spécifiques à un lieu; le fait que le risque de délinquance dans l'anonymat des grandes villes soit beaucoup plus élevé que dans une petite agglomération, ou même à la campagne, peut être pris en considération. L'interdiction faite à un étranger de pénétrer dans la ville de Zurich (où il a commis plusieurs infractions) est donc apte à atteindre le but visé, à savoir empêcher l'intéressé d'y commettre de nouveaux délits; la mesure ordonnée dans le présent cas n'apparaît par ailleurs pas disproportionnée (consid. 3 et 4). Regesto Un divieto di accedere ad un dato territorio ai sensi dell'art. 74 cpv. 1 lett. a LStr può comportare una certa pressione all'adempimento dell'obbligo di partenza di uno straniero tenuto a lasciare la Svizzera; esso deve tuttavia rispettare il principio della proporzionalità. Occorre sempre verificare che la misura ordinata possa raggiungere lo scopo al quale mira. Un divieto di accedere ad un dato territorio è una misura coercitiva; esso è meno incisivo della carcerazione basata sul diritto degli stranieri ma, al pari di quest'ultima, può esercitare una certa pressione. Questa misura deve essere adeguata e necessaria e rispettare il principio secondo cui vi deve essere un rapporto ragionevole tra mezzo scelto e scopo perseguito (consid. 2). Essa non è solo possibile in caso di delitti legati a un determinato territorio; può essere tenuto in considerazione che il rischio di delinquenza nell'anonimato di grandi città è più elevato che in piccole agglomerazioni o addirittura in campagna. L'ingiunzione indirizzata a uno straniero di mantenersi lontano dalla Città di Zurigo (dove aveva a più riprese delinquito) è pertanto adatta a raggiungere l'obiettivo perseguito, ovvero di impedirgli di commettervi ulteriori delitti; la misura ordinata nella fattispecie non appare sproporzionata nemmeno per altre ragioni (consid. 3 e 4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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