Entführung nach Ukraine: Schweizer Gerichtsbarkeit bejaht, Strafantrag bei Dauerdelikt wirksam (Art. 3 Abs. 1 StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 IV 205 · ATF 141 IV 205 · DTF 141 IV 205
- Datum
- 19.05.2015
- Geschäftsnummer
- BGE 141 IV 205
- Abteilung
- CH_BGE_006
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 5 HKsÜ Art. 7 HKsÜ Art. 3 StGB Art. 5 StGB Art. 8 StGB Art. 29 StGB Art. 183 StGB Art. 220 StGB
Zusammenfassung
Eine Mutter brachte ihren gemeinsamen Sohn mit ihrem Ehemann im Einverständnis in die Ukraine zu den Ferien bei der Grossmutter. Der Vater lebte in der Schweiz. Die Mutter weigerte sich später, das Kind zurückzubringen, obwohl sie das Sorgerecht gemeinsam mit dem Vater ausübte. Das Obergericht verneinte die schweizerische Gerichtsbarkeit und stellte das Strafverfahren wegen Entziehens eines Unmündigen ein, da kein gültiger Strafantrag für die Zeit nach einer ersten Verurteilung vorliege. Die Oberstaatsanwaltschaft und der Vater fochten diesen Entscheid an.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerden gut und hebt den Einstellungsentscheid des Obergerichts auf. Es bejaht die schweizerische Gerichtsbarkeit für die Delikte der Freiheitsberaubung (Art. 183 Ziff. 1 StGB) und des Entziehens eines Unmündigen (aArt. 220 StGB). Da der Vater seinen Wohnsitz in der Schweiz hatte und dem Verbleib des Kindes in der Ukraine nicht zustimmte, hätte die Mutter das Kind in die Schweiz zurückbringen müssen. Durch ihr pflichtwidriges Untätigbleiben während ihres Aufenthalts in der Schweiz lag der Handlungsort bzw. Begehungsort in der Schweiz (Art. 3 Abs. 1 i.V.m. Art. 8 Abs. 1 StGB). Die zivilrechtliche Zuständigkeit nach dem Haager Kindesschutzübereinkommen (HKsÜ), insbesondere Art. 5 Abs. 1 und Art. 7 Abs. 1 lit. a und b HKsÜ, steht der strafrechtlichen Verfolgung nicht entgegen.
Bezüglich der Prozessvoraussetzung des Strafantrags hält das Gericht fest, dass das Entziehen eines Unmündigen ein Dauerdelikt ist. Die dreimonatige Antragsfrist gemäss Art. 31 StGB beginnt erst mit der Beendigung des rechtswidrigen Zustands. Der vom Vater bereits am 4. März 2011 gestellte Strafantrag wirkt auch auf die nachfolgende andauernde deliktische Tätigkeit fort. Daher lag auch für die Zeit nach dem Strafbefehl vom 11. Oktober 2011 ein gültiger Strafantrag vor. Die Auffassung der Vorinstanz, wonach ein neuer Antrag nötig gewesen wäre, verstösst gegen Bundesrecht.
Regeste
a Art. 3 Abs. 1 und Art. 8 Abs. 1 StGB, Art. 183 Ziff. 1 und aArt. 220 StGB, Art. 5 Abs. 1 und Art. 7 Abs. 1 lit. a und b des Haager Kindesschutzübereinkommens (HKsÜ); Zuständigkeit der schweizerischen Gerichtsbarkeit bei Entführung und Entziehung eines Unmündigen. Schweizerische Gerichtsbarkeit bejaht in einem Fall, in welchem eine nicht allein sorgeberechtigte Mutter verhinderte, dass der Sohn, der zuvor im Einverständnis des in der Schweiz wohnhaften Vaters ferienhalber zu seiner Grossmutter in die Ukraine ausgereist war, an den Wohnsitz in der Schweiz zurückkehrte (E. 5). Regeste b Art. 31 und aArt. 220 StGB; Entziehen eines Unmündigen bzw. Minderjährigen; Strafantragsfrist. Das Entziehen eines Unmündigen bzw. Minderjährigen ist ein Dauerdelikt. Die Strafantragsfrist beginnt bei der Tatvariante der "Weigerung der Rückgabe" ab dem Zeitpunkt, in welchem der rechtswidrige Zustand aufhört. Der zu einem früheren Zeitpunkt gestellte Antrag umfasst auch das nachfolgend weiter andauernde strafbare Verhalten (E. 6.3 und 6.4). Regeste a Art. 3 al. 1 et art. 8 al. 1 CP, art. 183 ch. 1 et ancien art. 220 CP, art. 5 al. 1 et art. 7 al. 1 let. a et b de la Convention concernant la compétence, la loi applicable, la reconnaissance, l'exécution et la coopération en matière de responsabilité parentale et de mesures de protection des enfants (CLaH96); compétence de la juridiction suisse en cas d'enlèvement et d'enlèvement de mineur. Compétence des autorités suisses admise dans un cas où une mère ne disposant pas seule de l'autorité parentale empêchait que le fils, qui était parti en Ukraine passer les vacances auprès de sa grand-mère, avec l'accord préalable de son père domicilié en Suisse, ne revienne à son lieu de domicile en Suisse (consid. 5). Regeste b Art. 31 et ancien art. 220 CP; enlèvement de mineur; délai de plainte. L'enlèvement de mineur est un délit continu. Pour la variante du "refus de remettre", le délai de plainte commence à courir au moment où cesse la situation illicite. La plainte déposée antérieurement couvre aussi le comportement punissable qui se poursuit encore postérieurement à son dépôt (consid. 6.3 et 6.4). Regesto a Art. 3 cpv. 1 e art. 8 cpv. 1 CP, art. 183 n. 1 e vecchio art. 220 CP, art. 5 cpv. 1 e art. 7 cpv. 1 lett. a e lett. b della Convenzione dell'Aia sulla protezione dei minori; competenza giurisdizionale svizzera in caso di rapi-mento e di sottrazione di un minorenne. Giurisdizione svizzera ammessa in un caso in cui una madre, senza autorità parentale esclusiva, ha impedito il ritorno del figlio al domicilio svizzero dopo che, con l'accordo del padre domiciliato in Svizzera, è partito a destinazione dell'Ucraina per trascorrere le vacanze con sua nonna (consid. 5). Regesto b Art. 31 e vecchio art. 220 CP; sottrazione di minorenne; termine per sporgere querela. La sottrazione di minorenne è un reato permanente. Per la variante del reato consistente nel "rifiuto di restituire", il termine per sporgere querela decorre dal momento in cui è posta fine alla situazione illecita. La querela sporta prima di tale momento include anche il comportamento punibile che perdura dopo il suo inoltro (consid. 6.3 e 6.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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