Zollnachforderung wegen verspäteter Kontingentzahlung: Unverhältnismässig für Einzelimport, aber solidarische Haftung für Kontingentshandel bestätigt (Art. 19 SV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 140 II 194 · ATF 140 II 194 · DTF 140 II 194
- Datum
- 24.01.2014
- Geschäftsnummer
- 2C_201/2013
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 5 BV Art. 29 BV Art. 190 BV Art. 19 SV Art. 2 VStrR Art. 11 VStrR Art. 12 VStrR Art. 33a VwVG Art. 1 aAEV Art. 75 aMWSTG Art. 76 aMWSTG Art. 77 aMWSTG Art. 9 aZG Art. 13 aZG Art. 74 aZG
Zusammenfassung
Der Beschwerdeführer, ein Importeur von Schlachttieren und Fleisch, erhielt ein Zollkontingent für die Einfuhr von Nierstücken zum privilegierten Kontingentszollansatz (KZA). Er führte jedoch Waren ein, bevor der Zuschlagspreis für das Kontingent bezahlt war, und stellte seine Generaleinfuhrbewilligung (GEB) einer Drittperson zur Verfügung, die damit weitere Importe tätigte. Die Zollbehörden forderten die Differenz zwischen KZA und dem höheren Ausserkontingentszollansatz (AKZA) nach. Der Beschwerdeführer rügte unter anderem Verletzungen des rechtlichen Gehörs sowie die Unverhältnismässigkeit der Nachforderungen.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut. Es stellt fest, dass die Nachforderung der Differenz zum AKZA für die Einfuhr vom 7. März 2005 unverhältnismässig ist, da der Beschwerdeführer über ein gültiges Kontingent verfügte und die Zahlung nur geringfügig verspätet erfolgte; das Ziel der Sicherstellung des Zuschlagspreises war durch die spätere Zahlung erreicht worden (Art. 19 Abs. 1 SV i.V.m. Art. 5 Abs. 2 BV). Hingegen bestätigt das Gericht die solidarische Haftung des Beschwerdeführers für die Importe der Drittperson Y.________. Durch die Überlassung seiner nicht übertragbaren GEB habe der Beschwerdeführer die unrechtmässigen Einfuhren veranlasst und sei als "Auftraggeber" im zollrechtlichen Sinne zu qualifizieren, was eine weite Auslegung von Art. 9 Abs. 1 aZG rechtfertigt. Die Rügen bezüglich fehlender Aktenpaginierung und mangelnder Übersetzung französischer Dokumente werden verworfen, da das Recht auf Akteneinsicht durch die Vorinstanz geheilt wurde und im reinen Leistungsanspruchverfahren keine strafprozessualen Garantien gelten. Bezüglich der Mehrwertsteuer hebt das Gericht den Entscheid auf, da diese aufgrund der korrigierten Zollschuld neu berechnet werden muss. Die Verjährungseinrede für die Importe von Y.________ wird verworfen, da die siebenjährige Frist für qualifizierte Übertretungen (Art. 11 Abs. 2 VStrR) durch das hängige Verfahren gehemmt war.
Regeste
Art. 19 Abs. 1 SV; Art. 5 Abs. 2 BV; Einfuhr von Fleisch zum (privilegierten) Kontingentszollansatz (KZA) oder zum (prohibitiven) Ausserkontingentszollansatz (AKZA); Verhältnismässigkeit; Präzisierung der Rechtsprechung. Zollkontingente in der Landwirtschaft dienen dem Schutz der inländischen Produktion. Die Pflicht zur vorgängigen Bezahlung des Zuschlagspreises bezweckt die Verhinderung von Importen ausserhalb der zugeteilten Kontingente und die Sicherstellung der Zahlung. Die Nachforderung des Differenzbetrags zwischen KZA und AKZA wegen verspäteter Bezahlung des Zuschlagspreises führt an diesen Regelungszielen vorbei und ist daher unverhältnismässig (E. 5). Regeste Art. 19 al. 1 OBB; art. 5 al. 2 Cst.; importation de viande au taux (privilégié) du contingent tarifaire (TCT), ou au taux (prohibitif) hors contingent tarifaire (THCT); proportionnalité; précision de la jurisprudence. Les contingents douaniers en matière agricole ont pour but de protéger la production indigène. L'obligation de payer à l'avance le prix de l'adjudication vise à empêcher les importations hors des contingents attribués et à garantir le paiement. Le fait d'exiger la différence de montant entre le TCT et le THCT en raison d'un paiement tardif du prix de l'adjudication va au-delà des buts poursuivis par cette réglementation et viole par conséquent le principe de la proportionnalité (consid. 5). Regesto Art. 19 cpv. 1 OBM; art. 5 cpv. 2 Cost.; importazione di carne all'aliquota (privilegiata) di dazio del contingente (ADC) oppure all'aliquota (proibitiva) di dazio fuori del contingente (ADFC); proporzionalità; precisazione della giurisprudenza. I contingenti doganali in ambito agricolo hanno per obiettivo di proteggere la produzione indigena. L'obbligo di pagare anticipatamente il prezzo di aggiudicazione tende a impedire le importazioni fuori dei contingenti assegnati e a garantire il pagamento. Esigere la differenza dell'ammontare tra l'ADC e l'ADFC a causa di un pagamento tardivo del prezzo di aggiudicazione va oltre gli scopi perseguiti da questa regolamentazione e viola pertanto il principio della proporzionalità (consid. 5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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