Zweitwohnungssteuer in Silvaplana: Qualifikation als Lenkungssteuer und Zulässigkeit trotz Art. 75b BV bestätigt (Art. 127 Abs. 1 und 2 BV; Art. 75b BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 140 I 176 · ATF 140 I 176 · DTF 140 I 176
- Datum
- 27.03.2014
- Geschäftsnummer
- BGE 140 I 176
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 3 BV Art. 26 BV Art. 36 BV Art. 42 BV Art. 75b BV Art. 127 BV Art. 134 BV Art. 2 GKStG/GR Art. 18 GKStG/GR Art. 8a RPG
Zusammenfassung
Die Beschwerdeführer, Eigentümer von Zweitwohnungen in der Gemeinde Silvaplana, fochten einen Beschluss der Gemeindeversammlung an, mit dem eine jährliche Steuer auf unbewirtschafteten Zweitwohnungen eingeführt wurde. Sie rügten unter anderem, die Abgabe sei verfassungswidrig, da sie entweder als Kausalabgabe oder als reine Fiskalsteuer zu qualifizieren sei, und dass die neue eidgenössische Verfassungsbestimmung zur Zweitwohnungsinitiative (Art. 75b BV) eine kommunale Regelung ausschliesse. Zudem machten sie Verstösse gegen das Gleichbehandlungsgebot, die Eigentumsgarantie und die kantonale Steuergesetzgebung geltend.
Das Bundesgericht wies die Beschwerden ab und bestätigte die Rechtmässigkeit der Zweitwohnungssteuer. Es qualifizierte die Abgabe als eigentliche Steuer und nicht als Kausalabgabe, da sie voraussetzungslos erhoben werde und kein persönlicher Verpflichtungsgrund vorliege (Art. 127 Abs. 1 und 2 BV). Die Steuer diene einem legitimen Lenkungszweck, nämlich der besseren Auslastung bestehender Zweitwohnungen ('kalte Betten'), wobei der Betrag von 2 Promille des Vermögenssteuerwerts als nicht vernachlässigbar und damit geeignet erachtet wurde.
Hinsichtlich der Kompetenzverteilung stellte das Gericht fest, dass Art. 75b BV keinen umfassenden Lösungsansatz für die Auslastung bestehender Wohnungen enthalte und daher kommunale Steuern nicht ausschliesse. Die Gemeinde verfügte über die erforderliche fiskalische Kompetenz gemäss Art. 2 Abs. 3 des Bündner Gesetzes über die Gemeinde- und Kirchensteuern (GKStG/GR) sowie über die sachliche Kompetenz im Bereich der Raumplanung gestützt auf Art. 27 Abs. 4 KRG/GR und Art. 8a RPG.
Verstösse gegen den Grundsatz der Allgemeinheit der Besteuerung wurden verneint. Die Befreiung touristisch bewirtschafteter Wohnungen sei sachlich gerechtfertigt, da diese empirisch belegt stärker ausgelastet würden. Auch die Unterscheidung zwischen Ortsansässigen und Auswärtigen im Anhang zum Baugesetz führe nicht zu rechtserheblicher Ungleichbehandlung, da beide Gruppen den Nachweis der Bewirtschaftung erbringen müssten. Die Rüge, die Steuer verletze das Bewilligungsgesetz (BewG), wurde als abwegig zurückgewiesen, da Selbstnutzung und Vermietung vereinbar seien.
Schliesslich sah das Gericht keine willkürliche Anwendung von Art. 18 GKStG/GR. Die Zweitwohnungssteuer sei nicht gleichartig zur Liegenschaftensteuer (Art. 134 BV), da sie Teil eines spezifischen raumplanerischen Gesamtkonzepts mit eigener Zweckbindung und Mittelverwendung sei. Eine Verletzung der Eigentumsgarantie (Art. 26 BV) liege ebenfalls nicht vor, da kein Bewirtschaftungszwang bestehe, sondern lediglich die Wahl zwischen Steuerzahlung und Bewirtschaftung, was verhältnismässig sei (Art. 36 BV).
Regeste
Art. 3 i.V.m. Art. 42 BV; Art. 26 Abs. 1 und 2 BV; Art. 36 BV; Art. 75b BV; Art. 127 Abs. 1 und 2 BV; Art. 134 BV; Art. 8a Abs. 2 und 3 RPG; rechtliche Qualifikation und Zulässigkeit einer Abgabe auf unbewirtschaftete Zweitwohnungen. Die im Streit liegende Abgabe ist eine Steuer und keine Kausalabgabe (E. 5). Die Zweitwohnungssteuer bezweckt insbesondere die bessere Auslastung der bereits bestehenden Zweitwohnungen auf dem Gemeindegebiet. Da ein Lenkungseffekt jedenfalls potentiell vorhanden ist, erscheint sie hierzu als grundsätzlich geeignet (E. 6). Die Gemeinde ist zur Einführung dieser Steuer kompetent: Die in der eidgenössischen Volksabstimmung vom 11. März 2012 angenommene Zweitwohnungsinitiative bzw. der damit neu geschaffene Art. 75b BV beinhalten keinen umfassenden und somit abschliessenden Lösungsansatz für die Problematik der sog. "kalten Betten" und stehen der hier streitigen kommunalen Zweitwohnungssteuer mithin nicht entgegen (E. 7.2). Auch bietet das kantonale Recht hinreichende Legiferierungsgrundlagen für die Gemeinde (E. 7.3 und 7.4). Eine Verletzung des Grundsatzes der Allgemeinheit der Besteuerung ist nicht zu erkennen (E. 7.5-7.10). Es ist nicht willkürlich, die Gleichartigkeit von Zweitwohnungssteuer und der ebenfalls erhobenen Liegenschaftensteuer zu verneinen (E. 8). Die Zweitwohnungssteuer bewirkt keine unzulässige Einschränkung der Eigentumsgarantie (E. 9). Regeste Art. 3 en relation avec l'art. 42 Cst.; art. 26 al. 1 et 2 Cst.; art. 36 Cst.; art. 75b Cst.; art. 127 al. 1 et 2 Cst.; art. 134 Cst.; art. 8a al. 2 et 3 LAT; qualification juridique et admissibilité d'une contribution sur les résidences secondaires inoccupées. La contribution en cause est un impôt et pas une taxe causale (consid. 5). L'impôt sur les résidences secondaires a en particulier pour but une meilleure exploitation des résidences secondaires déjà existantes sur le territoire communal. Compte tenu de son effet incitateur potentiel, il paraît en principe approprié (consid. 6). La commune est compétente pour l'introduction de cet impôt: l'initiative sur les résidences secondaires, acceptée par la votation fédérale du 11 mars 2012, et le nouvel art. 75b Cst. ne contiennent pas d'approche globale et donc exclusive pour résoudre la problématique des "lits froids"; ils ne s'opposent dès lors pas à l'impôt communal sur les résidences secondaires litigieux (consid. 7.2). En outre, le droit cantonal offre à la commune une base suffisante pour légiférer (consid. 7.3 et 7.4). Le principe de l'universalité de l'impôt n'est pas violé (consid. 7.5-7.10). Il n'est pas arbitraire de nier la similarité entre l'impôt sur les résidences secondaires et l'impôt foncier également prélevé (consid. 8). L'impôt sur les résidences secondaires ne restreint pas la garantie de propriété de façon inadmissible (consid. 9). Regesto Art. 3 in relazione con l'art. 42 Cost.; art. 26 cpv. 1 e 2 Cost.; art. 36 Cost.; art. 75b Cost.; art. 127 cpv. 1 e 2 Cost.; art. 134 Cost.; art. 8a cpv. 2 e 3 LAT; qualifica giuridica e ammissibilità di un contributo sulle abitazioni secondarie inutilizzate. Il contributo litigioso è un'imposta, non una tassa di natura causale (consid. 5). L'imposta sulle abitazioni secondarie ha segnatamente per obiettivo di migliorare il tasso di occupazione delle abitazioni secondarie già esistenti sul territorio comunale. Tenuto conto del suo potenziale effetto incitatore, risulta di principio appropriata (consid. 6). Il Comune è competente per introdurre quest'imposta: l'iniziativa sulle abitazioni secondarie, accettata con la votazione federale dell'11 marzo 2012, e il nuovo art. 75b Cost. non contengono un approccio globale e, quindi, esclusivo per risolvere la problematica dei cosiddetti "letti freddi"; essi non si oppongono pertanto all'imposta comunale sulle abitazioni secondarie litigiosa (consid. 7.2). Inoltre, il diritto cantonale offre al Comune una base sufficiente per legiferare (consid. 7.3 e 7.4). Il principio dell'universalità dell'imposta non è stato disatteso (consid. 7.5-7.10). Non è arbitrario negare la similarità tra l'imposta sulle abitazioni secondarie e l'imposta fondiaria ugualmente prelevata (consid. 8). L'imposta sulle abitazioni secondarie non limita in modo inammissibile la garanzia della proprietà (consid. 9).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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