Späte Anmeldung der Hilflosenentschädigung: Kenntnis des Sohnes hindert Nachzahlung nicht, Sache zurückgewiesen (Art. 46 Abs. 2 AHVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 139 V 289 · ATF 139 V 289 · DTF 139 V 289
- Datum
- 06.05.2013
- Geschäftsnummer
- BGE 139 V 289
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Eine 1922 geborene, an schwerer Demenz, Erblindung und weiteren Gebrechen leidende Versicherte liess sich erst im April 2009 durch ihren Sohn für eine Hilflosenentschädigung der AHV anmelden. Die Eidgenössische Ausgleichskasse sprach die Leistung zwar zu, beschränkte die Nachzahlung jedoch auf die zwölf Monate vor der Anmeldung, da eine verspätete Geltendmachung vorliege. Das kantonale Gericht bestätigte dies und verneinte weitere Ansprüche mangels Beweises für eine frühere Hilflosigkeit. Die Versicherte focht diesen Entscheid an und verlangte die Nachzahlung der Hilflosenentschädigung rückwirkend ab dem 1. Januar 2005.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde teilweise gut und wies die Sache zur neuen Beurteilung an das kantonale Gericht zurück. Es stellte fest, dass die Hilflosigkeit der Versicherten spätestens seit 2004 bestand, was durch ärztliche Zeugnisse und die Angaben des Sohnes belegt war; die Annahme der Vorinstanz, es fehle an Beweisen für eine frühere Hilflosigkeit, wurde als willkürlich korrigiert.
Entscheidend war die Auslegung von Art. 46 Abs. 2 zweiter Satz AHVG: Für eine über die zwölf Monate hinausgehende Nachzahlung ist allein massgebend, ob die versicherte Person oder ihr gesetzlicher Vertreter den anspruchsbegründenden Sachverhalt kannte. Dass der Sohn – der keine gesetzliche Vertretungsfunktion innehatte, sondern nur als Drittperson im Sinne von Art. 67 AHVV fungierte – den Gesundheitszustand seiner Mutter früher kannte, steht dem Nachzahlungsanspruch nicht entgegen. Diese Rechtsprechung (BGE 108 V 226, BGE 102 V 112) wurde bestätigt.
Allerdings blieb offen, ob die Versicherte selbst aufgrund ihrer dementiellen Erkrankung den Sachverhalt objektiv nicht erkennen konnte oder krankheitsbedingt gehindert war, sich anzumelden. Da das kantonale Gericht diese spezifischen Fragen zur kognitiven Fähigkeit der Versicherten vor April 2008 nicht hinreichend abgeklärt hatte, musste die Sache zur ergänzenden Abklärung beim Hausarzt und zur neuen Entscheidung über die weitergehende Nachzahlung zurückgewiesen werden.
Regeste
Art. 9 ATSG; Art. 43 bis Abs. 2 und Art. 46 Abs. 2 zweiter Satz AHVG; Art. 48 Abs. 2 zweiter Satz IVG (in der bis Ende 2007 gültig gewesenen Fassung); verspätete Anmeldung; weitergehende Nachzahlung nicht bezogener Hilflosenentschädigung. Dass ein objektiv gegebener anspruchsbegründender Sachverhalt nicht erkennbar gewesen ist oder dass die versicherte Person trotz entsprechender Kenntnis krankheitsbedingt daran gehindert wurde, sich anzumelden oder jemanden mit der Anmeldung zu betrauen, wird von der Rechtsprechung nur sehr zurückhaltend angenommen; Kasuistik dazu (E. 4). Massgebend für die Nachzahlung hinsichtlich eines Zeitraums, welcher über die der Anmeldung vorangehenden zwölf Monate zurückreicht, ist die Kenntnis des anspruchsbegründenden Sachverhalts vonseiten der versicherten Person oder ihres gesetzlichen Vertreters. Einem solchen Nachzahlungsanspruch steht der Umstand nicht entgegen, dass die in Art. 66 IVV und Art. 67 AHVV genannten, zur Geltendmachung des Anspruchs befugten Drittpersonen den leistungsbegründenden Sachverhalt allenfalls bereits in einem früheren Zeitpunkt gekannt haben (Bestätigung der Rechtsprechung BGE 108 V 226 und BGE 102 V 112 E. 2c S. 117; E. 6.1 und 6.2). Regeste Art. 9 LPGA; art. 43 bis al. 2 et art. 46 al. 2 seconde phrase LAVS; art. 48 al. 2 seconde phrase LAI (dans sa teneur en vigueur jusqu'à la fin de l'année 2007); demande tardive; paiement rétroactif pour une période plus longue d'une allocation pour impotent non perçue. Qu'un état de fait objectivement donné ouvrant droit à prestations n'ait pas été reconnaissable ou que la personne assurée ait été empêchée pour cause de maladie malgré une connaissance adéquate de déposer une demande ou de charger quelqu'un du dépôt de la demande, n'est admis que de manière très restrictive par la jurisprudence; casuistique à ce propos (consid. 4). Pour le paiement rétroactif concernant une période qui remonte au-delà des douze mois précédant le dépôt de la demande, est déterminante la connaissance de l'état de fait ouvrant droit à prestations de la part de la personne assurée ou de son représentant légal. Le fait que les tiers désignés à l'art. 66 RAI et à l'art. 67 RAVS, autorisés à faire valoir le droit aux prestations aient au besoin déjà eu connaissance de l'état de fait ouvrant droit à prestations à un moment antérieur ne s'oppose pas à un tel droit au paiement rétroactif (confirmation de la jurisprudence ATF 108 V 226 et ATF 102 V 112 consid. 2c p. 117; consid. 6.1 et 6.2). Regesto Art. 9 LPGA; art. 43 bis cpv. 2 e art. 46 cpv. 2 seconda frase LAVS; art. 48 cpv. 2 seconda frase LAI (nella sua versione in vigore fino a fine 2007); domanda tardiva; ricupero più esteso di assegni per grandi invalidi non riscossi. La giurisprudenza ammette solo in modo molto restrittivo che uno stato di fatto oggettivamente giustificante il diritto alla prestazione non sia stato riconoscibile o che la persona assicurata malgrado relativa conoscenza sia stata impedita a causa di malattia di annunciarsi o di incaricare qualcuno di provvedere all'inoltro della domanda; casistica in materia (consid. 4). Determinante per il ricupero relativo a un periodo anteriore a quello di dodici mesi dalla presentazione della domanda è la conoscenza dei fatti motivanti il diritto alla prestazione da parte della persona assicurata o del suo rappresentante legale. A un tale diritto al ricupero non si oppone la circostanza che le terze persone menzionate agli art. 66 OAI e 67 OAVS, autorizzate a far valere il diritto, abbiano eventualmente avuto conoscenza dello stato di fatto dante diritto alla prestazione già in epoca anteriore (conferma della giurisprudenza in DTF 108 V 226 e DTF 102 V 112 consid. 2c pag. 117; consid. 6.1 e 6.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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