Gommerleitung: Teilweise Rückweisung zur Verkabelungsprüfung im Naturpark Binntal; Freileitung sonst bestätigt (Art. 12 NHG, Art. 17 RPV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 139 II 499 · ATF 139 II 499 · DTF 139 II 499
- Datum
- 11.09.2013
- Geschäftsnummer
- BGE 139 II 499
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 89 BGG Art. 29a BV Art. 189 BV Art. 190 BV Art. 6 EMRK Art. 3 NHG Art. 12 NHG Art. 23g NHG Art. 15 PäV Art. 20 PäV Art. 4 RPG Art. 13 RPG Art. 17 RPV Art. 18 RPV Art. 19 RPV Art. 22 RPV
Zusammenfassung
Die Beschwerdeführerin (Swissgrid/SBB) ficht ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts an, das die Plangenehmigung für die 380/220/132/65 kV-Gommerleitung aufgehoben und zur Prüfung von Verkabelungsvarianten an das Bundesamt für Energie (BFE) zurückgewiesen hatte. Streitig war, ob Gemeinden und Private im Plangenehmigungsverfahren die generelle Linienführung und die Technologie (Freileitung vs. Kabel) rügen dürfen, obwohl diese im Sachplan Übertragungsleitungen (SÜL) des Bundesrats festgelegt waren, sowie ob die Bindungswirkung des SÜL eine solche Prüfung ausschliesst.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut. Es hebt den Rückweisungsentscheid des Bundesverwaltungsgerichts auf, soweit er Gebiete ausserhalb des Abschnitts Binnegga-Binnachra-Hockmatta-Hofstatt betrifft, und bestätigt die Plangenehmigung für diese Bereiche. Für den genannten Abschnitt wird die Sache zur Prüfung einer Stollenverkabelung an das BFE zurückgewiesen.
Zur Legitimation stellt das Gericht klar, dass beschwerdebefugte Personen (auch Gemeinden nach Art. 12 Abs. 1 lit. a NHG) nicht nur lokale Mängel, sondern auch die generelle Linienführung kritisieren können, sofern dies zu einer Änderung im Bereich ihrer Grundstücke führen könnte. Dies markiert eine Abkehr von älterer Praxis zu Nationalstrassen und Bahnbau. Die Beschwerdebefugnis ergibt sich aus Art. 89 Abs. 1 BGG.
Hinsichtlich des Sachplans (SÜL) hält das Gericht fest, dass dieser vorfrageweise überprüft werden kann. Zwar sind Behörden gebunden, doch Privaten gegenüber wirkt der Sachplan nicht als absolutes Hindernis. Gemäss Art. 189 Abs. 4 BV ist die direkte Anfechtung zwar ausgeschlossen, die indirekte Überprüfung jedoch zulässig, um effektiven Rechtsschutz (Art. 29a BV, Art. 6 EMRK) zu gewährleisten. Die Bindungswirkung entfällt oder relativiert sich, wenn sich die tatsächlichen oder rechtlichen Verhältnisse seit Erlass des Sachplans (2002) wesentlich geändert haben (Art. 17 Abs. 4 RPV). Dies trifft hier zu, da technische Fortschritte bei Kabelanlagen und die Einführung von Regionalpärken (Art. 23g NHG, Art. 20 PäV) neue Abwägungen erfordern.
In der materiellen Prüfung bestätigt das Gericht die Freileitungsführung am Schattenhang im Obergoms und Grengiols-Süd. Das BFE habe dargelegt, dass eine Verkabelung im Talgrund wegen Siedlungen, Landwirtschaft und Schutzgebieten Nachteile mit sich brächte, während die Freileitung über dem Wald weniger beeinträchtigend sei. Diese Abwägung ist bundesrechtskonform.
Anders im Bereich Binnegga-Binnachra-Hockmatta-Hofstatt: Hier liegt eine schwere Beeinträchtigung des Landschaftsbildes im Regionalen Naturpark Binntal vor. Das BFE hat die Möglichkeit einer bergmännischen Verkabelung im Stollen nicht hinreichend geprüft (keine Kosten-Nutzen-Analyse, keine Korridordefinition). Daher ist die Rückweisung für diesen spezifischen Abschnitt gerechtfertigt. Die Resonanzproblematik der SBB-Leitungen steht einer lokalen Verkabelung nicht grundsätzlich entgegen, muss aber im weiteren Verfahren berücksichtigt werden.
Regeste
a Plangenehmigungsverfügung für eine 380/220/132/65 kV-Hochspannungsleitung zwischen Bitsch/Massaboden-Filet/Mörel-Ulrichen (Gommerleitung). Regeste b Beschwerdegründe im Plangenehmigungsverfahren. Wer zur Beschwerde befugt ist, kann nicht nur Mängel des Projekts in seiner unmittelbaren Umgebung geltend machen, sondern auch die generelle Linienführung kritisieren, sofern dies zu einer Aufhebung oder Änderung der Linienführung im Bereich seiner bzw. ihrer Grundstücke führen könnte (Abkehr von BGE 118 Ib 206 E. 8 S. 212 ff.; BGE 120 Ib 59 E. 1c S. 62 f.; E. 2.2). Dies gilt grundsätzlich auch für Gemeinden, die gestützt auf Art. 12 Abs. 1 lit. a NHG Beschwerde führen (E. 2.3). Regeste c Sachplan Übertragungsleitungen (SÜL). Mitwirkungsrecht und -pflicht der Gemeinden im Sachplanverfahren (E. 3). Vom Bundesrat erlassene Sachpläne können im Beschwerdeverfahren betreffend den Plangenehmigungsentscheid vorfrageweise überprüft werden (E. 4.1). Zur Bindungswirkung. von Sachplänen im allgemeinen (E. 4.2) und im vorliegenden Fall (E. 4.3). Regeste d Prüfung von Verkabelungsvarianten im Plangenehmigungsverfahren. Resonanzproblematik bei der Verkabelung von SBB-Leitungen (E. 6). Bestätigung der Freileitungsführung am Schattenhang oberhalb des Walds im Bereich Obergoms und Grengiols-Süd (E. 7.3). Rückweisung zur Prüfung der Verkabelung in einem Stollen im Bereich Binnegga-Binnachra-Hockmatta-Hofstatt (E. 7.4). Regeste a Décision d'approbation des plans pour une ligne à haute tension de 380/220/132/65 kV entre Bitsch/Massaboden-Filet/Mörel-Ulrichen (ligne de la Vallée de Conches). Regeste b Motifs de recours dans la procédure d'approbation des plans. Celui qui a qualité pour recourir peut non seulement faire valoir des griefs contre le projet dans son environnement immédiat, mais également critiquer le tracé de la ligne dans son ensemble, dans la mesure où cela permet de supprimer ou de modifier le tracé aux alentours de sa propriété (modification de la jurisprudence ATF 118 1b 206 consid. 8 p. 212 ss; 120 Ib 59 consid. 1c p. 62 s.; consid. 2.2). Cela vaut en principe aussi pour les communes habilitées à recourir en vertu de l'art. 12 al. 1 let. a LPN (consid. 2.3). Regeste c Plan sectoriel des lignes de transport d'électricité (PSE). Droit et devoir des communes de participer à la procédure de planification sectorielle (consid. 3). Les plans sectoriels adoptés par le Conseil fédéral peuvent être examinés à titre préjudiciel dans le cadre d'une procédure de recours concernant une décision d'approbation des plans (consid. 4.1). Force obligatoire des plans sectoriels, en général (consid. 4.2) et dans le cas particulier (consid. 4.3). Regeste d Examen de variantes enterrées dans le cadre de la procédure d'approbation des plans. Problème de résonance en cas d'enfouissement des lignes électriques CFF (consid. 6). Confirmation du tracé de la ligne aérienne sur le versant ombragé, au-dessus de la forêt dans le secteur Obergoms et Grengiols sud (consid. 7.3). Renvoi pour examen d'une variante de galerie câblée dans le secteur Binnegga-Binnachra-Hockmatta-Hofstatt (consid. 7.4). Regesto a Decisione di approvazione dei piani per una linea d'alta tensione di 380/220/132/65 kV tra Bitsch/Massaboden-Filet/Mörel-Ulrichen ("Gommerleitung"). Regesto b Motivi di ricorso nella procedura di approvazione dei piani. Chi è legittimato a ricorrere non può far valere soltanto carenze del progetto nelle sue immediate vicinanze, ma può pure criticare il tracciato generale della linea, nella misura in cui ciò potrebbe comportare la soppressione o la modifica del suo tracciato in prossimità dei suoi fondi (modifica della DTF 118 Ib 206 consid. 8 pag. 212 segg.; DTF 120 Ib 59 consid. 1c pag. 62 seg.; consid. 2.2). Ciò vale di massima anche per comuni legittimati a ricorrere sulla base dell'art. 12 cpv. 1 lett. a LPN (consid. 2.3). Regesto c Piano settoriale degli elettrodotti (PSE). Diritti e doveri di partecipazione dei comuni nel quadro della procedura di pianificazione settoriale (consid. 3). I piani settoriali adottati dal Consiglio federale possono essere esaminati a titolo pregiudiziale nella procedura di ricorso relativa alla decisione di approvazione del piano (consid. 4.1). Sull'effetto vincolante dei piani settoriali in generale (consid. 4.2) e nel caso di specie (consid. 4.3). Regesto d Esame di varianti di cablaggio nell'ambito della procedura di approvazione dei piani. Problematica della risonanza nel quadro del cablaggio di linee elettriche delle FFS (consid. 6). Conferma del cablaggio in linea aerea sul versante a bacio sopra il bosco nella zona Obergoms e Grengiols sud (consid. 7.3). Rinvio per esame del cablaggio interrato in cunicolo nella zona Binnegga-Binnachra-Hockmatta-Hofstatt (consid. 7.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.