Stadt Bern darf Littering-Kosten nicht via Grundgebühr allen Eigentümern auferlegen: Willkür und Verstoss gegen Verursacherprinzip (Art. 32a USG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 138 II 111 · ATF 138 II 111 · DTF 138 II 111
- Datum
- 21.02.2012
- Geschäftsnummer
- BGE 138 II 111
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 32a AS Art. 8 BV Art. 9 BV Art. 74 BV Art. 3 TVA Art. 2 USG Art. 31b USG Art. 32 USG Art. 32a USG
Zusammenfassung
Die Stadt Bern erhob von verschiedenen Unternehmen Abfallgrundgebühren, mit denen auch die Kosten für die Reinigung des öffentlichen Raums von achtlos weggeworfenem Abfall (Littering) sowie die Entsorgung aus öffentlichen Abfalleimern finanziert wurden. Die betroffenen Firmen fochten diese Gebühren an. Das Verwaltungsgericht hiess die Beschwerde teilweise gut und wies die Sache zur Neufestsetzung zurück. Die Stadt Bern zog diesen Entscheid vor das Bundesgericht und beantragte dessen Aufhebung.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde der Stadt Bern ab. Es hält fest, dass Abfall, der im öffentlichen Raum weggeworfen oder in öffentliche Abfalleimer entsorgt wird, als Siedlungsabfall im Sinne von Art. 32a USG zu qualifizieren ist. Die Definition stellt auf die Zusammensetzung des Abfalls ab, nicht darauf, ob er aktuell herrenlos ist. Daher greift die subsidiäre Kostentragungspflicht der Kantone gemäss Art. 32 Abs. 2 USG hier nicht primär; vielmehr ist das Verursacherprinzip anzuwenden.
Entscheidend ist jedoch, dass die Finanzierung über eine allgemeine Grundgebühr, die von allen Gebäudeeigentümern erhoben wird, bundesrechtswidrig ist. Ein hinreichender Zurechnungszusammenhang zwischen der Nutzung eines Gebäudes und der Entsorgung von Abfall auf öffentlichem Grund fehlt für die Mehrheit der Eigentümer. Nur bei spezifischen Betrieben wie Take-away-Lokalen, deren Geschäftsmodell direkt zur Entstehung dieses Abfalls beiträgt, wäre eine anteilmässige Belastung denkbar. Da die streitigen Kosten jedoch rund 26 bis 32 Prozent der gesamten Grundgebühren-Einnahmen ausmachten, verletzte die pauschale Umlegung auf alle Eigentümer das Willkürverbot (Art. 9 BV) und den Grundsatz der Rechtsgleichheit (Art. 8 BV). Zudem fehlte es an einer Lenkungswirkung, da normale Wohnungseigentümer keinen Einfluss auf die Menge des im öffentlichen Raum liegenden Abfalls haben.
Das Gericht präzisiert, dass die verbleibenden Kosten, die nicht spezifischen Betrieben zugerechnet werden können, vom Gemeinwesen als Eigentümer des öffentlichen Grundes aus allgemeinen Steuermitteln getragen werden müssen. Eine separate Kausalabgabe für bestimmte Betriebe bleibt unter Vorbehalt plausibler Darlegung des Beitrags zulässig.
Regeste
Art. 8 und 9 BV sowie Art. 32a USG in Verbindung mit dem Abfallreglement der Stadt Bern: Die Kosten für die Reinigung der Strassen und Grünanlagen von achtlos weggeworfenem Abfall (sog. Littering) und für die Entsorgung von Abfall, der in den öffentlichen Abfalleimern zurückgelassen wird, können nicht via Abfall-Grundgebühr allen Gebäudeeigentümern überbunden werden. Im öffentlichen Raum weggeworfener oder in öffentlichen Abfalleimern entsorgter Abfall ist Siedlungsabfall im Sinne von Art. 32a USG; seine Entsorgung ist nach dem Verursacherprinzip zu finanzieren (E. 4). Es ist bundesrechtswidrig, die Gebäudeeigentümer generell als Verursacher dieser Abfälle zu betrachten und deren Entsorgung über die von allen Gebäudeeigentümern geschuldete Abfallgrundgebühr zu finanzieren (E. 5). Die genannten Kosten können aber Betrieben nach sachlich haltbaren Kriterien mittels Kausalabgabe anteilsmässig auferlegt werden, wenn plausibel dargelegt werden kann, dass diese Betriebe in besonderer Weise zur Entstehung des im öffentlichen Raum beseitigten Abfalls beitragen (E. 6). Regeste Art. 8 et 9 Cst. ainsi qu'art. 32a LPE, en relation avec le règlement sur les déchets de la Ville de Berne: les coûts résultant du ramassage des déchets abandonnés sans égard sur la rue et dans les espaces verts (détritus urbains), ainsi que ceux engendrés par l'élimination des déchets déposés dans les poubelles publiques, ne peuvent pas être mis à la charge des propriétaires d'immeuble par le biais de la taxe d'élimination des déchets. Les déchets laissés sur la place publique ou mis dans des poubelles publiques sont des déchets urbains au sens de l'art. 32a LPE; leur élimination doit être financée selon le principe du pollueur-payeur (consid. 4). Il est contraire au droit fédéral de considérer les propriétaires d'immeuble comme étant responsables d'une manière générale de ces déchets et de mettre à leur charge leur élimination par le biais de la taxe de base due par tous les propriétaires d'immeuble (consid 5). Les coûts ainsi engendrés peuvent toutefois être mis proportionnellement à la charge des entreprises, selon des critères objectivement fondés, au moyen d'une taxe causale, lorsqu'il peut être établi de façon plausible que ces entreprises ont une responsabilité particulière dans l'abandon des déchets qui doivent être ramassés sur la place publique (consid. 6). Regesto Art. 8 e 9 Cost. nonché art. 32a LPAmb in relazione con il regolamento sulla gestione dei rifiuti della Città di Berna: i costi per pulire le strade e le zone verdi dai rifiuti abbandonati con noncuranza per terra (cosiddetto Littering) e quelli per smaltire i rifiuti messi nei cestini pubblici non possono essere posti a carico di tutti proprietari di immobili mediante la tassa di base per lo smaltimento dei rifiuti. I rifiuti gettati nei luoghi pubblici oppure nei cestini pubblici costituiscono dei rifiuti urbani ai sensi dell'art. 32a LPAmb; il loro smaltimento deve essere finanziato secondo il principio "chi inquina paga" (consid. 4). È contrario al diritto federale considerare in maniera generale che i proprietari di immobili sono responsabili di questi rifiuti e finanziare il loro smaltimento mediante la tassa di base dovuta a tale fine da tutti i proprietari di immobili (consid. 5). I costi così generati possono tuttavia essere proporzionalmente posti a carico delle imprese, in base a criteri oggettivamente fondati, per mezzo di una tassa causale, quando può essere stabilito in maniera plausibile che dette imprese hanno una responsabilità particolare per quanto concerne l'abbandono dei rifiuti sul suolo pubblico (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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