Verjährung enteignungsrechtlicher Entschädigung wegen Fluglärms: Fünfjahresfrist beginnt erst mit objektiver Erkennbarkeit schwerer Wertminderung (Art. 20 Abs. 3 EntG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 130 II 394 · ATF 130 II 394 · DTF 130 II 394
- Datum
- 27.07.2004
- Geschäftsnummer
- BGE 130 II 394
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Der Kanton Zürich und die Flughafen Zürich AG wehren sich gegen Enteignungsverfahren, die Anwohner in Opfikon-Glattbrugg wegen übermässiger Lärmbelastung durch Starts auf Piste 16 eingeleitet haben. Die Behörden erheben die Einrede der Verjährung und beantragen einen Teilentscheid darüber. Im Streit steht, ob die fünfjährige Verjährungsfrist für enteignungsrechtliche Entschädigungsansprüche bereits vor der Anmeldung der Forderungen im Jahr 1998 zu laufen begonnen hat oder ob sie aufgrund der besonderen örtlichen Entwicklung und der Zunahme des Flugverkehrs erst später ausgelöst wurde.
Das Bundesgericht weist die Verwaltungsgerichtsbeschwerfe des Kantons Zürich und der Flughafen Zürich AG ab und bestätigt, dass die enteignungsrechtlichen Entschädigungsansprüche der Anwohner nicht verjährt sind.
Die Beschwerdeführer machten geltend, die Ansprüche seien verjährt, da die Lärmbelastung schon seit Jahrzehnten bestehe und die Immissionsgrenzwerte längst überschritten seien. Das Gericht hält jedoch fest, dass für enteignungsrechtliche Ansprüche infolge Unterdrückung nachbarlicher Abwehrrechte eine Verjährungsfrist von fünf Jahren gemäss Art. 20 Abs. 3 EntG gilt. Diese Frist beginnt erst zu laufen, wenn die Spezialität der Immissionen und die Schwere des Schadens objektiv erkennbar sind. Ein laufendes umweltschutzrechtliches Sanierungsverfahren hemmt die Verjährung nicht, wenn dadurch die übermässigen Immissionen zwar vermindert, aber nicht vollständig beseitigt werden können.
Im konkreten Fall war die Schwere des Schadens für die Grundeigentümer in Opfikon-Glattbrugg erst ab Herbst 1996 objektiv erkennbar. Zwar bestand seit langem eine gewisse Lärmbelastung, doch profitierte die Gemeinde stark von den Standortvorteilen des Flughafens, was die Immobilienwerte stützte. Erst die plötzliche Verdoppelung der Abflugbewegungen auf Piste 16 im Rahmen der Einführung der 4. Welle führte dazu, dass die Nachteile die werkbedingten Vorteile überwogen und eine erhebliche Wertminderung erkennbar wurde. Da die Ansprüche 1997 und 1998 angemeldet wurden, waren sie innerhalb der Fünfjahresfrist erhoben und somit nicht verjährt.
Regeste
Verjährung enteignungsrechtlicher Entschädigungsansprüche für übermässige Lärmbelastung durch Flugverkehr. ENTEIGNUNGSRECHTLICHE UND UMWELTSCHUTZRECHTLICHE ERSATZANSPRÜCHE DER VON ÜBERMÄSSIGEN FLUGLÄRM-IMMISSIONEN BETROFFENEN GRUNDEIGENTÜMER, BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN EINZELNEN VERFAHREN. Das massgebliche Verfahren zur Feststellung der (enteignungsrechtlichen) Unvermeidbarkeit der übermässigen Immissionen ist das enteignungsrechtliche Einspracheverfahren (E. 6). Die gesetzlichen Regelungen über die Geltendmachung von Ansprüchen infolge übermässiger Einwirkungen aus dem Betrieb öffentlicher Flugplätze gemäss dem Bundesgesetz über die Enteignung (E. 7.1), gemäss den luftfahrtrechtlichen Bestimmungen über die Lärmzonen (E. 7.2), gemäss dem zürcherischen Fluglärmgesetz (E. 7.3) und gemäss dem eidgenössischen Umweltschutzrecht (E. 7.4). Die Beziehungen zwischen den einzelnen Verfahren gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung (E. 8). Zusammenfassende Umschreibung der Rechtsstellung der von übermässigen Lärmeinwirkungen eines Flughafens betroffenen Eigentümer von Wohnliegenschaften während der Geltung der Lärmzonen-Pläne (E. 9.1) und nach heutigem Recht (E. 9.2). Die Auswirkungen der luftfahrtrechtlichen und der umweltschutzrechtlichen Lärmschutz-Regelungen auf die Verjährung von Ansprüchen aus dem Bundesgesetz über die Enteignung. Können durch umweltschutzrechtliche Sanierungsmassnahmen die übermässigen Lärmeinwirkungen zwar vermindert, aber nicht beseitigt werden, so kann der Umstand, dass noch ein Sanierungsverfahren durchzuführen ist, die Entstehung und Verjährung des enteignungsrechtlichen Entschädigungsanspruches nicht beeinflussen (E. 10). DAUER DER VERJÄHRUNGSFRIST. Für die Geltendmachung enteignungsrechtlicher Entschädigungsansprüche infolge Unterdrückung der nachbarlichen Abwehrrechte gilt eine Verjährungsfrist von fünf Jahren ab Entstehung des Anspruches bzw. ab der objektiven Erkennbarkeit des Schadens (Bestätigung der Rechtsprechung; E. 11). BEGINN DER VERJÄHRUNG DER ENTEIGNUNGSRECHTLICHEN ENTSCHÄDIGUNGSANSPRÜCHE INFOLGE ÜBERMÄSSIGER EINWIRKUNGEN. Die Verjährungsfrist beginnt zu laufen, wenn die für die Entstehung des Entschädigungsanspruchs verlangten drei Voraussetzungen der Unvorhersehbarkeit der Einwirkungen, der Spezialität der Immissionen sowie der Schwere des Schadens gegeben und die Spezialität der Immissionen und die Schadensschwere objektiv erkennbar sind (E. 12). Die Einwirkungen aus dem Betrieb der Landesflughäfen gelten gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich ab 1961 als voraussehbar (E. 12.1). Die Voraussetzung der Spezialität der Lärmimmissionen ist insbesondere dann erfüllt, wenn die in der eidgenössischen Umweltschutzgesetzgebung festgelegten Immissionsgrenzwerte überschritten sind. Anzahl der Flugbewegungen als weiteres Kriterium? Frage offen gelassen (E. 12.2). Die Voraussetzung der Schwere des Schadens gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung. Steht der Zeitpunkt der Wertverminderung ganzer Quartiere und deren Erkennbarkeit in Frage, so sind alle die Immobilienwerte beeinflussenden Entwicklungen und Gegebenheiten, so auch die mit der Flughafennähe verbundenen Vorteile, mit in Betracht zu ziehen (E. 12.3). Aufgrund der speziellen Entwicklung im fraglichen Siedlungsgebiet ist davon auszugehen, dass erst bei der plötzlichen Verdoppelung der Abflugszahl für die Grundeigentümer klar erkennbar wurde, dass die nachteiligen Auswirkungen des Flughafens die werkbedingten Vorteile überwiegen (E. 12.3.1-12.3.3). Regeste Prescription des prétentions au versement d'une indemnité d'expropriation en cas d'exposition excessive au bruit du trafic aérien. PRÉTENTIONS DES PROPRIÉTAIRES TOUCHÉS PAR DES IMMISSIONS EXCESSIVES DE BRUIT DU TRAFIC AÉRIEN À UNE INDEMNITÉ FONDÉE SUR LE DROIT DE L'EXPROPRIATION ET LE DROIT DE LA PROTECTION DE L'ENVIRONNEMENT, RELATIONS ENTRE LES DIVERSES PROCÉDURES. La procédure déterminante pour faire constater l'imprévisibilité des immissions excessives est la procédure d'opposition du droit de l'expropriation (consid. 6). Réglementation de l'exercice des prétentions à indemnité en raison d'immissions excessives de bruit provoquées par l'exploitation des aéroports nationaux selon la loi fédérale sur l'expropriation (consid. 7.1), selon les dispositions de la législation sur l'aviation relatives aux zones de bruit (consid. 7.2), selon la loi zurichoise sur le bruit du trafic aérien (consid. 7.3) et selon le droit fédéral de la protection de l'environnement (consid. 7.4). Relations entre les diverses procédures selon la jurisprudence du Tribunal fédéral (consid. 8). Description succincte de la position juridique des propriétaires d'immeubles d'habitation touchés par des immissions excessives de bruit provenant d'un aéroport sous le régime des plans des zones de bruit (consid. 9.1) et selon le droit actuel (consid. 9.2). Conséquences des réglementations de protection contre le bruit relevant de la législation sur la protection de l'environnement et de la législation sur l'aviation sur la prescription des prétentions découlant de la loi fédérale sur l'expropriation. Lorsque les immissions excessives de bruit peuvent être réduites, mais non pas supprimées par des mesures d'assainissement du droit de la protection de l'environnement, le fait qu'une procédure d'assainissement doive encore être entreprise n'a pas d'influence sur la naissance et la prescription de la prétention à indemnité découlant du droit de l'expropriation (consid. 10). DURÉE DU DÉLAI DE PRESCRIPTION. Les prétentions à l'octroi d'une indemnité d'expropriation en raison d'une restriction des droits de défense des voisins se prescrivent par cinq ans à partir de la naissance de la prétention, respectivement du caractère objectivement reconnaissable du dommage (confirmation de la jurisprudence; consid. 11). DÉBUT DE LA PRESCRIPTION DES PRÉTENTIONS AU VERSEMENT D'UNE INDEMNITÉ D'EXPROPRIATION EN RAISON D'IMMISSIONS EXCESSIVES. Le délai de prescription commence à courir dès que les trois conditions de l'imprévisibilité, de la spécialité et de la gravité subordonnées à la naissance de la prétention à indemnité sont réalisées, et que la spécialité des immissions et la gravité du dommage sont objectivement reconnaissables (consid. 12). Les nuisances causées par l'exploitation des aéroports nationaux sont censées en principe être reconnaissables depuis 1961 selon la jurisprudence du Tribunal fédéral (consid. 12.1). La condition de la spécialité des immissions de bruit est notamment remplie lorsque les valeurs limites d'immission fixées dans la législation fédérale sur la protection de l'environnement sont dépassées. Nombre de mouvements des avions comme critère supplémentaire? Question laissée indécise (consid. 12.2). Condition de la gravité du dommage selon la jurisprudence du Tribunal fédéral. Tous les développements et circonstances influençant la valeur des immeubles et, en particulier, les avantages liés à la proximité de l'aéroport, doivent être pris en considération pour déterminer le moment de la dépréciation de quartiers entiers et son caractère reconnaissable (consid. 12.3). Compte tenu du développement particulier de la zone à bâtir considérée, il n'était clairement reconnaissable pour les propriétaires que les effets négatifs de l'aéroport l'emportaient sur les avantages liés à l'ouvrage qu'avec le doublement subit du nombre de décollages (consid. 12.3.1-12.3.3). Regesto Prescrizione delle pretese d'indennità di espropriazione per immissioni foniche eccessive del traffico aereo. PRETESE RISARCITORIE SECONDO IL DIRITTO ESPROPRIATIVO E SULLA PROTEZIONE DELL'AMBIENTE DEL PROPRIETARIO FONDIARIO COLPITO DA IMMISSIONI ECCESSIVE DEL TRAFFICO AEREO, RAPPORTI TRA LE SINGOLE PROCEDURE. La procedura determinante per la constatazione dell'inevitabilità delle immissioni eccessive è quella di opposizione relativa al diritto di espropriazione (consid. 6). Regolamentazione della formulazione delle pretese d'indennità a seguito di immissioni eccessive provocate da un aerodromo pubblico secondo la legge federale sull'espropriazione (consid. 7.1), secondo le disposizioni concernenti le zone di rumore della legge sulla navigazione aerea (consid. 7.2), secondo la legge zurighese sul rumore del traffico aereo (consid. 7.3) e secondo la legge federale sulla protezione dell'ambiente (consid. 7.4). Rapporti tra le singole procedure secondo la giurisprudenza del Tribunale federale (consid. 8). Riassunto della posizione giuridica dei proprietari d'immobili d'abitazione colpiti da immissioni foniche eccessive di un aeroporto sotto il regime dei piani delle zone di rumore (consid. 9.1) e secondo il diritto vigente (consid. 9.2). Effetti delle regolamentazioni di protezione contro il rumore secondo il diritto sulla protezione ambientale e sulla navigazione aerea sulla prescrizione di pretese risultanti dalla legge federale sull'espropriazione. Quando le immissioni foniche eccessive possono essere ridotte, ma non eliminate, mediante provvedimenti di risanamento del diritto sulla protezione ambientale, la circostanza che una procedura di risanamento debba ancora essere eseguita non può influenzare l'origine e la prescrizione della pretesa d'indennità espropriativa (consid. 10). DURATA DEL TERMINE DI PRESCRIZIONE. Le pretese d'indennità per l'espropriazione di diritti di vicinato si prescrivono col decorso di cinque anni dall'origine della pretesa, rispettivamente dalla riconoscibilità oggettiva del danno (conferma della giurisprudenza; consid. 11). INIZIO DELLA PRESCRIZIONE DELLE PRETESE D'INDENNITÀ ESPROPRIATIVE PER IMMISSIONI ECCESSIVE. La prescrizione inizia a decorrere dal momento in cui le tre condizioni dell'imprevedibilità, della specialità e della gravità del danno, presupposte per la pretesa d'indennizzo, sono adempiute e la specialità delle immissioni nonché la gravità del danno siano oggettivamente riconoscibili (consid. 12). Secondo la giurisprudenza del Tribunale federale le molestie causate dall'esercizio degli aeroporti nazionali sono di principio ritenute prevedibili dal 1961 (consid. 12.1). La condizione della specialità delle immissioni foniche è in particolare adempiuta quando i valori limite d'immissione stabiliti nella legislazione federale sulla protezione dell'ambiente sono superati. Numero dei movimenti degli aerei quale criterio supplementare? Questione lasciata indecisa (consid. 12.2). Condizione della gravità del danno secondo la giurisprudenza del Tribunale federale. Tutti gli sviluppi e le circostanze che influiscono sul valore degli immobili, e quindi pure i vantaggi derivanti dalla vicinanza dell'aeroporto, devono essere presi in considerazione per determinare il momento del deprezzamento di interi quartieri e la sua riconoscibilità (consid. 12.3). In considerazione del particolare sviluppo degli insediamenti interessati, solo l'improvviso raddoppio del numero di decolli ha reso chiaramente riconoscibile ai proprietari fondiari che gli effetti negativi dell'aeroporto prevalevano sui vantaggi connessi all'opera (consid. 12.3.1-12.3.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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