Privilegierter Pfändungsanschluss der Ehefrau: Fälligkeit güterrechtlicher Ansprüche und Übergangsrecht geprüft, Sache zur Ergänzung zurückgewiesen (Art. 111 SchKG, Art. 9b-d SchlT ZGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 127 III 46 · ATF 127 III 46 · DTF 127 III 46
- Datum
- 15.12.2000
- Geschäftsnummer
- BGE 127 III 46
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 530 OR Art. 537 OR Art. 549 OR Art. 2 SchKG Art. 111 SchKG Art. 9b SchlT Art. 9c SchlT Art. 9d SchlT Art. 163 ZGB Art. 165 ZGB Art. 198 ZGB Art. 203 ZGB Art. 235 ZGB Art. 195 aZGB Art. 199 aZGB Art. 209 aZGB Art. 210 aZGB Art. 211 aZGB
Zusammenfassung
Eine Ärztin verlangt gegen ihren Ehemann im Verfahren der privilegierten Anschlusspfändung nach Art. 111 SchKG die Anerkennung verschiedener güterrechtlicher Forderungen in Höhe von insgesamt über CHF 434'000. Die Ansprüche betreffen voreheliche Ersparnisse, die Tilgung vorehelicher Schulden des Ehemanns, den Verkauf von Fahrzeugen sowie Beiträge zum Unterhalt einer gemeinsamen Liegenschaft. Das Paar lebt seit September 1996 getrennt, der Güterstand der Errungenschaftsbeteiligung besteht fort. Der Ehemann bestreitet die Forderungen. Die Vorinstanz wies die Klage ab, da sie eine vorgängige umfassende güterrechtliche Auseinandersetzung für erforderlich hielt und die Fälligkeit der Ansprüche verneinte. Die Klägerin macht geltend, einzelne güterrechtliche Ansprüche könnten auch ohne Auflösung des Güterstandes geltend gemacht werden, und beruft sich auf übergangsrechtliche Bestimmungen für eingebrachtes Frauengut.
Das Bundesgericht heisst die Berufung teilweise gut und weist die Sache zur Ergänzung des Sachverhalts und neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück.
Die gerichtliche Überprüfung der mit privilegiertem Pfändungsanschluss geltend gemachten Forderung gemäss Art. 111 Abs. 1 Ziff. 1 und Abs. 5 SchKG umfasst zwingend auch die Prüfung der Fälligkeit. Zwar können einzelne güterrechtliche Ansprüche auch ohne umfassende güterrechtliche Auseinandersetzung geltend gemacht werden, doch müssen diese bereits entstanden und fällig sein. Für die Ersatzforderung der Ehefrau für eingebrachtes und nicht mehr vorhandenes Frauengut gelten gemäss Art. 9c SchlT ZGB während einer Zehnjahresfrist bis zum 31. Dezember 1997 weiterhin die altrechtlichen Bestimmungen. Da die Hauptpfändung im Jahr 1997 erfolgte, war die Ersatzforderung für nicht mehr vorhandenes Frauengut fällig und konnte im Anschlussverfahren geltend gemacht werden.
Hinsichtlich der vorehelichen Ersparnisse von CHF 40'000, die auf das Konto des Beklagten überwiesen wurden, besteht eine Ersatzforderung, da das Geld in dessen Eigentum überging. Die Vorinstanz hat die Beweiserhebung hierzu jedoch unterlassen, weshalb die Sache zur Nachholung zurückgewiesen wird. Ebenso muss geklärt werden, ob der Verkauf von Fahrzeugen der Klägerin unter altem oder neuem Recht erfolgte, um die richtige Rechtsgrundlage (altrechtliche Ersatzforderung oder neues Eigengut) zu bestimmen. Auch bezüglich der Bezahlung vorehelicher Schulden des Beklagten aus dem Sondergut der Klägerin gemäss Art. 209 Abs. 2 aZGB ist der Sachverhalt zu ergänzen, da dies zu einem sofort fälligen Ersatzanspruch führt.
Der Anspruch auf Rückerstattung einer Anzahlung für die gemeinsame Liegenschaft ist hingegen nicht fällig, da die Parteien bezüglich der Immobilie eine einfache Gesellschaft bilden und Einlagen erst bei Liquidation gemäss Art. 549 Abs. 1 OR zurückzuerstatten sind. Bezüglich des Unterhaltsbeitrags für die Liegenschaft prüft das Gericht, ob eine konkludente Vereinbarung über die sofortige Fälligkeit des Auslagenersatzes besteht. Schliesslich sind Zahlungen des Beklagten für persönliche Bedürfnisse auf dem Geschäftskonto der Klägerin nach Art. 165 Abs. 2 ZGB als Beitrag zum Familienunterhalt zu qualifizieren; Auftragsrecht oder ungerechtfertigte Bereicherung scheiden hier aus, da die Leistungen dem Familienunterhalt dienten.
Regeste
Anschlussprivileg des Ehegatten (Art. 111 Abs. 1 Ziff. 1 und Abs. 5 SchKG). Güterrechtliche Ansprüche bei fortbestehendem Güterstand. Übergangsrecht (Art. 9b-d SchlT ZGB). Art. 163 und 165 ZGB. Die gerichtliche Überprüfung der mit privilegiertem Pfändungsanschluss geltend gemachten Forderung des Ehegatten (Art. 111 Abs. 1 Ziff. 1 und Abs. 5 SchKG) umfasst auch die Frage, ob die Forderung fällig ist (E. 3a/bb). Möglichkeit der Geltendmachung güterrechtlicher Ansprüche ausserhalb einer umfassenden güterrechtlichen Auseinandersetzung (E. 3a/cc). Übergangsrecht bezüglich der altrechtlichen Ersatzforderung der Ehefrau für eingebrachtes und nicht mehr vorhandenes Frauengut (E. 3a/dd und ee). Art. 163 und Art. 165 ZGB sind auch anwendbar, wenn ein Ehegatte die Verwaltung seines Vermögens dem anderen überlässt. Die Bestimmungen des Auftragsrechts bzw. über die ungerechtfertigte Bereicherung sind nur anwendbar, wenn die Leistungen zu einem anderen Zweck als zum Familienunterhalt oder als Beitrag zum Beruf oder Gewerbe des anderen erfolgten (E. 4). Regeste Participation privilégiée du conjoint (art. 111 al. 1 ch. 1 et al. 5 LP). Prétentions de droit matrimonial en cas de maintien du régime matrimonial. Droit transitoire (art. 9b-d Tit. fin. CC). Art. 163 et 165 CC. Le contrôle judiciaire de la créance invoquée par le conjoint à l'appui de sa participation privilégiée (art. 111 al. 1 ch. 1 et al. 5 LP) s'étend également à la question de savoir si cette créance est échue (consid. 3a/bb). Possibilité de faire valoir des prétentions de droit matrimonial en dehors d'une liquidation générale du régime matrimonial (consid. 3a/cc). Droit transitoire en ce qui concerne la créance en récompense de l'épouse de l'ancien droit pour les biens qu'elle a apportés et qui ne sont plus représentés (consid. 3a/dd et ee). Les art. 163 et 165 CC sont applicables également lorsqu'un conjoint abandonne l'administration de ses biens à l'autre. Les dispositions du mandat ou sur l'enrichissement illégitime ne sont applicables que lorsque les prestations sont effectuées dans un autre but que l'entretien de la famille ou la collaboration à la profession ou à l'entreprise du conjoint (consid. 4). Regesto Partecipazione privilegiata del coniuge (art. 111 cpv. 1 n. 1 e cpv. 5 LEF). Pretese sgorganti dal regime dei beni in caso di continuazione dello stesso. Diritto transitorio (art. 9b-d Tit. fin. CC). Art. 163 e 165 CC. L'esame giudiziale della pretesa fatta valere dal coniuge in occasione della partecipazione privilegiata al pignoramento (art. 111 cpv. 1 n. 1 e cpv. 5 LEF) include pure il quesito dell'esigibilità della pretesa (consid. 3a/bb). Possibilità di far valere pretese sgorganti dal regime dei beni al di fuori della procedura di liquidazione dello stesso (consid. 3a/cc). Diritto transitorio riguardante il diritto al compenso del diritto previgente per apporti della moglie non più esistenti (consid. 3a/dd e ee). Gli art. 163 e 165 CC sono pure applicabili nel caso in cui un coniuge lascia l'amministrazione del suo patrimonio all'altro. Le norme sul mandato risp. sull'indebito arricchimento sono unicamente applicabili, se le prestazioni sono state fornite a uno scopo diverso dal mantenimento della famiglia o quale contributo alla professione o all' impresa dell'altro coniuge (consid. 4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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