Säumiger Versicherter wird vor Zustellung des Zahlungsbefehls in Liste der säumigen Versicherten eingetragen: Eintragung rechtens, weil Betreibungsmeldung bereits mit Schreiben vom 7. Dezember 2021 erfolgte (§ 22 Abs. 1 KVGG/AG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 149 V 108 · ATF 149 V 108 · DTF 149 V 108
- Datum
- 06.04.2023
- Geschäftsnummer
- 9C_512/2022
- Abteilung
- III. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 95 BGG Art. 9 BV Art. 64a KVG Art. 19 KVGG/AG Art. 20 KVGG/AG Art. 22 KVGG/AG Art. 38 SchKG Art. 67 SchKG Art. 69 SchKG Art. 71 SchKG
Zusammenfassung
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Aargau (SVA) setzte einen Versicherten am 10. Januar 2022 auf die Liste der säumigen Versicherten, nachdem sie ihn per Schreiben vom 7. Dezember 2021 über die vom Krankenversicherer am 6. Dezember 2021 eingeleitete Betreibung informiert hatte. Der Versicherte legte Einsprache ein; das kantonale Versicherungsgericht hob den Entscheid auf und ordnete die sofortige Löschung von der Liste an, weil es den Zeitpunkt der Zustellung des Zahlungsbefehls (erfolgte am 11. Januar 2022) als maßgeblichen Beginn der 30-tägigen Frist für den Listeneintrag ansah. Die SVA erhob Beschwerde ans Bundesgericht und beantragte die Aufhebung des kantonalen Urteils und die Bestätigung ihres Einspracheentscheids.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons Aargau auf und bestätigte den Einspracheentscheid der SVA. Es stellte fest, dass die 30-tägige Frist gemäss § 22 Abs. 1 KVGG/AG mit der Information der versicherten Person durch die SVA über die vom Krankenversicherer angehobene Betreibung beginnt – also mit dem Schreiben vom 7. Dezember 2021 – und nicht mit der Zustellung des Zahlungsbefehls. Da der Listeneintrag am 10. Januar 2022 erfolgte, lag dieser mehr als 30 Tage nach diesem Schreiben und war daher rechtmäßig. Die Vorinstanz hatte sich willkürlich auf eine lediglich mögliche, nicht naheliegende Auslegung des unklaren Gesetzeswortlautes gestützt, dabei die entscheidende Passage der Regierungsratsbotschaft vom 6. Mai 2015 (S. 69 unten), welche den Zeitpunkt der Information als dies a quo bezeichnet, übersehen und stattdessen eine indirekte Stelle (S. 70) herangezogen, deren Interpretation im eklatanten Widerspruch zur klaren Aussage auf S. 69 stand. Zudem widerspricht die teleologische Auslegung – die auf frühzeitige Intervention bei zahlungsunwilligen, aber zahlungsfähigen Versicherten abzielt – einer Verzögerung bis zur Zustellung des Zahlungsbefehls. Die SVA hatte den Versicherten korrekt über die Betreibung informiert und den Eintrag nach Ablauf der gesetzlichen Frist vorgenommen. Der Beschwerdegegner war nicht zu hören, da er keine eigene Beschwerde eingelegt hatte. Der unterliegende Beschwerdegegner trägt keine Gerichtskosten (Art. 66 Abs. 1 Satz 2 BGG), erhält keine Parteientschädigung (Art. 68 Abs. 1 BGG), und die Frage der Kosten des vorangegangenen Verfahrens wird an das kantonale Versicherungsgericht zurückverwiesen (Art. 67 BGG). Diese Entscheidung präzisiert den maßgeblichen Zeitpunkt für den Listeneintrag im Rahmen des KVG-Leistungsaufschubs und stellt klar, dass die Willkürkontrolle auch bei rein kantonaler Rechtsauslegung greift, wenn diese lückenhaft und widersprüchlich erfolgt.
Regeste
Art. 64a Abs. 7 KVG; § 22 Abs. 1 des aargauischen Gesetzes vom 15. Dezember 2015 zum Bundesgesetz über die Krankenversicherung; Auslegung einer kantonalen Bestimmung über den Zeitpunkt der Aufnahme in die Liste der säumigen Versicherten. Es ist willkürlich, eine kantonalrechtliche Bestimmung, welche die Eintragung in die Liste der säumigen Versicherten 30 Tage nach Erhalt der Betreibungsmeldung vorsieht, dahingehend auszulegen, dass die Frist erst mit der Zustellung des Zahlungsbefehls zu laufen beginnt. Nach zutreffendem Verständnis nimmt die Frist ihren Anfang mit der Betreibungsmeldung im Sinne der von der SVA (als Durchführungsstelle Säumigenliste) ausgehenden Information der versicherten Person über die vom Krankenversicherer angehobene Betreibung. Sie ist damit unabhängig von der Zustellung des Zahlungsbefehls (E. 6). Regeste Art. 64a al. 7 LAMal; § 22 al. 1 de la loi argovienne du 15 décembre 2015 concernant la loi fédérale sur l'assurance-maladie; interprétation d'une disposition légale cantonale portant sur le moment de l'inscription sur la liste des assurés en retard de paiement. Il est arbitraire d'interpréter une disposition de droit cantonal, qui prévoit l'inscription sur la liste des assurés en retard de paiement 30 jours après la réception de l'avis de poursuite, en ce sens que le délai ne commence à courir qu'à compter de la notification du commandement de payer. Selon une compréhension correcte, le délai débute avec l'avis de poursuite au sens de l'information émanant du Service des assurances sociales (en tant qu'organe chargé de tenir la liste des assurés en retard de paiement) communiquée à la personne assurée à propos de la poursuite engagée par l'assureur-maladie. Le délai est donc indépendant de la notification du commandement de payer (consid. 6). Regesto Art. 64a cpv. 7 LAMal; § 22 cpv. 1 della legge argoviese del 15 dicembre 2015 concernente la legge federale sull'assicurazione malattie; interpretazione di una disposizione legale cantonale sul momento della registrazione nell'elenco degli assicurati morosi. È arbitrario interpretare una disposizione del diritto cantonale, che prevede la registrazione nell'elenco degli assicurati morosi 30 giorni dopo la ricezione della notificazione di esecuzione, nel senso che il termine inizia a decorrere solo con la notifica del precetto esecutivo. Conformemente a una corretta interpretazione, il termine inizia a decorrere con la notificazione di esecuzione nel senso dell'informazione alla persona assicurata sulla procedura esecutiva iniziata dall'assicuratore malattie del Servizio delle assicurazioni sociali (quale organo incaricato di tenere la lista degli assicurati morosi). Il termine è dunque indipendente dalla notificazione del precetto esecutivo (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.