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Justizze. Art. 271 StGB

Bundesgericht

Verwaltungsratspräsident übergibt Kundendossiers der B. AG direkt an US-Justizdepartement ohne Bewilligung: Verbotene Handlung für fremden Staat gemäss Art. 271 Ziff. 1 Abs. 1 StGB liegt vor

BGE / ATF / DTF
BGE 148 IV 66 · ATF 148 IV 66 · DTF 148 IV 66
Datum
01.11.2021
Geschäftsnummer
BGE 148 IV 66

Tragende Normen

Art. 31 RVOV Art. 271 StGB

Zusammenfassung

Ein Verwaltungsratspräsident einer in Zürich domizilierten Vermögensverwaltungsgesellschaft übergab im Rahmen eines Steuerstreits zwischen der Schweiz und den USA Kundendossiers direkt an das amerikanische Justizdepartement (DoJ), ohne die dafür erforderliche Bewilligung nach Art. 271 Ziff. 1 StGB einzuholen. Die Bundesanwaltschaft verurteilte ihn wegen verbotener Handlung für einen fremden Staat. Nach mehreren Instanzen erhob der Beschwerdeführer beim Bundesgericht eine Beschwerde in Strafsachen mit dem Ziel, freigesprochen zu werden. Streitig war insbesondere, ob die Übermittlung der Kundendaten an das DoJ eine für eine Behörde oder einen Beamten vorbehaltene amtliche Handlung darstellte und ob die Tatsache, dass die Daten teilweise auch in einem Drittstaat gespeichert waren, die Beurteilung änderte.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde des Verwaltungsratspräsidenten ab und bestätigte seine Verurteilung wegen verbotener Handlung für einen fremden Staat gemäss Art. 271 Ziff. 1 Abs. 1 StGB. Die Übergabe der Kundendossiers an das DoJ erfolgte im Interesse der USA, auf schweizerischem Gebiet und ohne die erforderliche Bewilligung nach Art. 271 Ziff. 1 StGB. Die Handlung hatte amtlichen Charakter, weil sie die Herausgabe von nicht öffentlich zugänglichen, identifizierenden Informationen über Dritte betraf, die in der Schweiz nur auf hoheitliche Anordnung hin rechtmässig herausgegeben werden dürfen. Der Beschwerdeführer war nicht berechtigt, diese vertraulichen Bankunterlagen, die ihm als Vermögensverwalter anvertraut worden waren, direkt an das DoJ zu übermitteln; vielmehr hätte das DoJ den Amts- bzw. Rechtshilfeweg beschreiten müssen. Auch der Umstand, dass die Daten bestimmungsgemäss teilweise in einem Drittstaat gespeichert waren, änderte nichts daran, dass sie sich unbestritten auch in der Schweiz befanden und daher ausschliesslich über den Amts- bzw. Rechtshilfeweg hätten weitergegeben werden dürfen. Die Bewilligung nach Art. 31 RVOV war zwingend erforderlich, wurde aber nicht eingeholt. Damit verletzte der Beschwerdeführer das staatliche Machtmonopol und die schweizerische Souveränität. Die vom Beschwerdeführer angeführten Literaturstellen konnten diese Beurteilung nicht entkräften, da sie sich auf Konstellationen bezogen, bei denen die Daten bereits im Verfahrensstaat verfügbar waren – was hier nicht der Fall war.

Regeste

Art. 271 Ziff. 1 Abs. 1 StGB; verbotene Handlungen für einen fremden Staat. Der Straftatbestand soll die Ausübung fremder Staatsgewalt auf dem Gebiet der Schweiz verhindern und das staatliche Machtmonopol sowie die schweizerische Souveränität schützen (E. 1.4.1). Eine Handlung, die mit einer Verletzung oder Umgehung des schweizerischen oder internationalen Amts- oder Rechtshilferechts einhergeht bzw. die gemäss Amts- und Rechtshilferecht im Zuständigkeitsbereich einer schweizerischen Behörde bzw. Amtsperson liegt, wird von Art. 271 Ziff. 1 StGB erfasst. Die Herausgabe von Informationen und Unterlagen, die in der Schweiz einzig auf hoheitliche Anordnung hin rechtmässig herausgegeben werden dürfen, tangiert das von Art. 271 StGB geschützte Rechtsgut. Betroffene dürfen nur Akten herausgeben, über die sie frei verfügen dürfen. Nicht frei verfügt werden darf über nicht öffentlich zugängliche, identifizierende Informationen über Dritte (E. 1.4.2). Dass die herauszugebenden Informationen bestimmungsgemäss auch in einem Drittstaat gespeichert sind, führt zu keiner anderen Beurteilung (E. 1.4.3). Regeste Art. 271 ch. 1 al. 1 CP; actes exécutés sans droit pour un Etat étranger. L'infraction vise à empêcher l'exercice de la puissance publique d'un Etat étranger sur le territoire suisse et à protéger le pouvoir exclusif de l'Etat ainsi que la souveraineté de la Suisse (consid. 1.4.1). Un acte qui viole ou élude le droit suisse ou international en matière d'entraide administrative ou judiciaire ou qui, selon le droit en matière d'entraide administrative ou judiciaire, relève de la compétence d'une autorité, respectivement d'un fonctionnaire, suisse, est appréhendé par l'art. 271 ch. 1 CP. La remise d'informations et de documents qui, en Suisse, ne peuvent être remis légalement que sur injonction administrative, touche au bien juridique protégé par l'art. 271 CP. Les personnes concernées ne peuvent remettre que des documents dont elles peuvent disposer librement. Il n'est pas possible de disposer librement d'informations permettant d'identifier des tiers qui ne sont pas accessibles au public (consid. 1.4.2). Le fait que les informations à remettre soient également enregistrées dans un tiers Etat, conformément à l'usage prévu, ne conduit pas à une autre appréciation (consid. 1.4.3). Regesto Art. 271 n. 1 cpv. 1 CP; atti compiuti senza autorizzazione per conto di uno Stato estero. Il reato intende impedire che uno Stato estero eserciti la propria autorità sul territorio svizzero e tutelare il monopolio del potere statale come pure la sovranità della Svizzera (consid. 1.4.1). L'art. 271 n. 1 CP ingloba l'atto che comporta una violazione o un'elusione del diritto svizzero o internazionale in materia di assistenza amministrativa o giudiziaria, rispettivamente che compete, secondo il diritto dell'assistenza amministrativa o giudiziaria, a un'autorità o a un funzionario svizzeri. La consegna di informazioni o di documenti che in Svizzera possono essere trasmessi lecitamente unicamente su ordine dell'autorità lede il bene giuridico tutelato dall'art. 271 CP. Gli interessati possono trasmettere unicamente i documenti di cui possono disporre liberamente. Non è dato di disporre liberamente delle informazioni che identificano terzi non pubblicamente accessibili (consid. 1.4.2). Nulla muta al riguardo che le informazioni da trasmettere siano, per l'uso previsto, memorizzate anche in un terzo Stato (consid. 1.4.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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