Justizze.

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Justizze. Art. 1 EAUe

Bundesgericht

Auslieferung eines über 60-jährigen multimorbiden türkisch-armenischen Staatsangehörigen nach Armenien: Risiko unmenschlicher Behandlung wegen prekärer medizinischer Versorgung in Haftanstalten und armenischer Vorbehalt zu Art. 1 EAUe (Art. 3 EMRK, Art. 10 Abs. 3 BV, Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 1 und 26 Ziff. 1 EAUe)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 IV 314 · ATF 148 IV 314 · DTF 148 IV 314
Datum
21.03.2022
Geschäftsnummer
BGE 148 IV 314
Abteilung
CH_BGE_006
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 84 BGG Art. 107 BGG Art. 10 BV Art. 25 BV Art. 1 EAUe Art. 26 EAUe Art. 3 EMRK Art. 7 UNO-Pakt Art. 10 UNO-Pakt

Zusammenfassung

Der türkisch-armenische Staatsangehörige A., geboren 1961, wurde von Armenien wegen Betrugs und Geldwäscherei zur Strafverfolgung ausgeliefert. Das Bundesstrafgericht bewilligte die Auslieferung unter der Auflage einer zusätzlichen Garantie, wonach A. ausschliesslich in sogenannten Pilotgefängnissen der armenischen Justizvollzugsreform 2019–2023 inhaftiert werden müsse. A. erhob Beschwerde ans Bundesgericht und beantragte die Aufhebung dieses Entscheids sowie die Ablehnung des Auslieferungsersuchens. Streitig war insbesondere, ob die vom Bundesstrafgericht verlangte Zusatzgarantie zulässig und praktikabel ist, ob die eingeholten diplomatischen Garantien Armeniens ausreichend sind, um ein Risiko einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK auszuschliessen, und ob der armenische Vorbehalt zu Art. 1 EAUe hinsichtlich des Gesundheitszustands und Alters des Beschwerdeführers berücksichtigt wurde.

Das Bundesgericht hob den Entscheid des Bundesstrafgerichts auf und wies die Sache an das Bundesamt für Justiz zur Neubeurteilung zurück. Es stellte fest, dass Armenien einen Vorbehalt zu Art. 1 EAUe geltend gemacht hat, der die Auslieferung verbietet, wenn aufgrund des Gesundheitszustands oder Alters des Betroffenen die Auslieferung dessen Gesundheit gefährdet oder sein Leben bedroht. Der Beschwerdeführer ist über 60 Jahre alt und leidet an einem metabolischen Syndrom mit stammbetonter Adipositas, Schlafapnoesyndrom, arterieller Hypertonie, Diabetes mellitus Typ IIb, rezidivierender depressiver Störung und schwerer Agoraphobie mit Panikstörung; er benötigt regelmässige klinische und laborchemische Verlaufskontrollen sowie tägliche Psychopharmaka. Gleichzeitig sind die medizinischen Versorgungsbedingungen in armenischen Gefängnissen nach wie vor kritisch: Es fehlen Fachpersonal, Spezialbehandlungen, lebensrettende Geräte wie Defibrillatoren und Sauerstoff, und Gefangene müssen oft Medikamente selbst bezahlen oder von Angehörigen erhalten. Die vom Bundesstrafgericht verlangte Zusatzgarantie, wonach A. ausschliesslich in Pilotgefängnissen der armenischen Reform 2019–2023 inhaftiert werden müsse, erwies sich als untauglich, weil solche Pilotgefängnisse nachweislich nicht existieren. Weder das Bundesstrafgericht noch das Bundesamt für Justiz hatten den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers und dessen konkrete Auswirkung auf die Auslieferungsfähigkeit hinreichend geprüft, insbesondere nicht mittels einer medizinischen Begutachtung zur Hafterstehungsfähigkeit. Damit war die Prüfung der Auslieferungsvoraussetzungen unter Verletzung von Art. 107 Abs. 2 BGG, Art. 84 BGG, Art. 10 Abs. 3 BV, Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 EMRK, Art. 10 Abs. 1 UNO-Pakt II, Art. 7 UNO-Pakt II sowie Art. 1 und Art. 26 Ziff. 1 EAUe mangelhaft. Das Bundesgericht betonte, dass das Risiko einer menschenrechtswidrigen Behandlung durch die vorliegenden diplomatischen Garantien nicht auf ein nur noch theoretisches Mass herabgesetzt sei. Die Sache wurde zurückverwiesen, damit das Bundesamt für Justiz die konkrete Unterbringungsmöglichkeit, den Zugang zu Medikamenten und die Hafterstehungsfähigkeit des Beschwerdeführers vertieft prüft und gegebenenfalls präzisere, realisierbare Garantien einholt. Die Entscheidung ist besonders bedeutend, weil sie die reziproke Anwendung eines ausländischen Vorbehalts zum EAUe klärt und die Anforderungen an diplomatische Garantien bei prekären Haftbedingungen konkretisiert.

Regeste

Art. 3 EMRK; Art. 10 Abs. 1 UNO-Pakt II; Art. 10 Abs. 3 BV; Art. 1, 26 Ziff. 1 und 3 EAUe; Art. 84 BGG; Auslieferung an Armenien; reziproke Anwendung eines Vorbehalts; Gesundheitszustand; diplomatische Garantien. Besonders bedeutender Fall gemäss Art. 84 BGG aufgrund konkreter Hinweise einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung in armenischer Haft (E. 1.3). Pflicht zur Prüfung, ob der armenische Vorbehalt zu Art. 1 EAUe einer Auslieferung entgegensteht (E. 2). Zusammenfassung der Grundsätze und Kriterien zu den diplomatischen Garantien (E. 3). Anwendung dieser Praxis im vorliegenden Fall bei prekären Haftbedingungen, insbesondere der kritischen medizinischen Versorgung in den armenischen Gefängnissen, sowie beim Gesundheitszustand des Beschwerdeführers, namentlich seiner chronischen Erkrankung (E. 4.1-4.5). Ungenügen der bisher eingeholten Garantien (E. 4.6). Notwendigkeit einer zusätzlichen Garantie (E. 5.1). Die vom Bundesstrafgericht geforderte Zusatzgarantie kann nicht realisiert werden (E. 5.2-5.4). Rückweisung an das Bundesamt für Justiz (BJ) (E. 5.5). Regeste Art. 3 CEDH; art. 10 par. 1 Pacte ONU II; art. 10 al. 3 Cst.; art. 1, 26 par. 1 et 3 CEExtr; art. 84 LTF; extradition vers l'Arménie; application réciproque d'une réserve; état de santé; garanties diplomatiques. Cas particulièrement important au sens de l'art. 84 LTF en raison d'indices concrets d'un traitement inhumain ou dégradant en détention en Arménie (consid. 1.3). Obligation d'examiner si la réserve arménienne à l'art. 1 CEExtr s'oppose à une extradition (consid. 2). Résumé des principes et critères relatifs aux garanties diplomatiques (consid. 3). Application de cette pratique en l'espèce en ce qui concerne les conditions de détention précaires, notamment les soins médicaux critiques dans les prisons arméniennes, ainsi que l'état de santé du recourant, en particulier sa maladie chronique (consid. 4.1-4.5). Insuffisance des garanties obtenues jusqu'à présent (consid. 4.6). Nécessité d'une garantie supplémentaire (consid. 5.1). La garantie supplémentaire exigée par le Tribunal pénal fédéral ne peut pas être réalisée (consid. 5.2-5.4). Renvoi à l'Office fédéral de la justice (OFJ) (consid. 5.5). Regesto Art. 3 CEDU; art. 10 n. 1 Patto Uno II; art. 10 cpv. 3 Cost.; art. 1, 26 n. 1 e 3 CEEstr; art. 84 LTF; estradizione all'Armenia; applicazione reciproca di una riserva; stato di salute; garanzie diplomatiche. Caso particolarmente importante ai sensi dell'art. 84 LTF sulla base di indizi concreti di un trattamento inumano o degradante nelle carceri armene (consid. 1.3). Obbligo di esaminare se la riserva armena all'art. 1 CEEstr si opponga a un'estradizione (consid. 2). Riepilogo dei principi e criteri delle garanzie diplomatiche (consid. 3). Applicazione di questa prassi nella fattispecie riguardo alle precarie condizioni di carcerazione, in particolare alla criticità dell'assistenza medica nelle prigioni armene, nonché allo stato di salute del ricorrente, segnatamente della sua malattia cronica (consid. 4.1-4.5). Insufficienza delle garanzie finora raccolte (consid. 4.6). Necessità di una garanzia supplementare (art. 5.1). La garanzia supplementare richiesta dal Tribunale penale federale non può essere realizzata (consid. 5.2-5.4). Rinvio all'Ufficio federale di giustizia (consid. 5.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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