Algerischer Asylsuchender unterliegt Dublin-Verfahren: Renitenzhaft nach Vollziehbarkeit des Wegweisungsentscheids widerrechtlich (Art. 76a Abs. 4 AIG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 II 169 · ATF 148 II 169 · DTF 148 II 169
- Datum
- 11.03.2022
- Geschäftsnummer
- 2C_610/2021
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 76a AIG Art. 42 BGG Art. 29 BV Art. 1 DAA Art. 4 DAA Art. 5 EMRK
Zusammenfassung
Ein algerischer Staatsangehöriger stellte am 11. November 2020 ein Asylgesuch, das das Staatssekretariat für Migration (SEM) am 7. Dezember 2020 nicht entgegennahm und ihn in den zuständigen Dublin-Staat Belgien verwies. Nachdem die belgischen Behörden am gleichen Tag zugestimmt hatten, ordnete das Migrationsamt des Kantons Thurgau am 26. Februar 2021 eine Dublin-Ausschaffungshaft an, die das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau später als unzulässig beurteilte. Am 26. März 2021 wurde eine Dublin-Renitenzhaft angeordnet, weil der Beschwerdeführer sich am 8. März 2021 geweigert hatte, den Rückflug nach Belgien anzutreten, und am 4. Mai 2021 den erforderlichen Covid-19-Test verweigerte. Das Zwangsmassnahmengericht bestätigte diese Haft am 12. April 2021, und das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau wies die Beschwerde dagegen ab. Der Beschwerdeführer rügte vor Bundesgericht die Rechtswidrigkeit, Unangemessenheit und Völkerrechtswidrigkeit der Renitenzhaft sowie die Verweigerung unentgeltlicher Rechtsverbeiständung durch seinen gewünschten Rechtsanwalt.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Thurgau auf und stellte fest, dass die am 26. März 2021 ab dem 8. April 2021 angeordnete Dublin-Renitenzhaft widerrechtlich war. Die Haft war nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs in der Sache Amayry nicht mehr zulässig, weil der Wegweisungsentscheid des SEM seit dem 4. Januar 2021 rechtskräftig und vollziehbar war und der Beschwerdeführer bereits seit sechs Wochen in Haft stand. Gemäß Art. 28 Abs. 3 Unterabs. 3 der Dublin-III-Verordnung darf eine Person, die sich in Haft befindet, nach stillschweigender oder ausdrücklicher Annahme des Übernahmeersuchens durch den anderen Mitgliedstaat höchstens sechs Wochen festgehalten werden, um die Überstellung praktisch durchführen zu können. Da der Entscheid des SEM bereits am 4. Januar 2021 rechtskräftig war, begann die sechswöchige Frist mit der Inhaftierung am 26. Februar 2021 und endete daher spätestens am 9. April 2021. Die am 26. März 2021 angeordnete Renitenzhaft überschritt diesen Zeitraum und verstieß damit gegen Art. 28 der Dublin-III-Verordnung. Art. 76a Abs. 4 AIG ist insoweit nicht anwendbar, weil völkerrechtliche Normen, insbesondere Art. 28 der Dublin-III-Verordnung, landesrechtlichen Bestimmungen vorgehen, wenn diese mit ihnen unvereinbar sind – was hier der Fall ist. Der Gesetzgeber wollte nicht bewusst gegen die völkerrechtliche Verpflichtung verstoßen, wie aus den parlamentarischen Beratungen hervorgeht, sodass die sogenannte Schubert-Praxis nicht greift. Die Frage, ob konkrete Fluchtgefahr, Verhältnismäßigkeit oder Erfolglosigkeit milderer Mittel vorlagen, blieb daher unbeantwortet. Der Kanton Thurgau hat den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit Fr. 2'593.-- zu entschädigen. Die Sache wurde zur Neubeurteilung der Kosten- und Entschädigungsfrage für die kantonalen Verfahren an das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau zurückgewiesen. Dieses Urteil klärt, dass die schweizerische Renitenzhaftregelung nicht mit dem Dublin-Recht vereinbar ist, sobald der Wegweisungsentscheid vollziehbar ist und die sechswöchige Frist abgelaufen ist.
Regeste
Art. 28 Dublin-III-Verordnung; Art. 76a Abs. 4 AIG; Vereinbarkeit der Dublin-Renitenzhaft mit dem einschlägigen Dublinrecht. Übersicht über die Haftbestimmungen in der Dublin-III-Verordnung (E. 2) und über deren Umsetzung im schweizerischen Recht (E. 3). Auslegung von Art. 76a Abs. 4 AIG im Lichte der Rechtsprechung des EuGH in Sachen Amayry (E. 4). Nach Art. 28 Dublin-III-Verordnung - die als völkerrechtliche Norm Art. 76a Abs. 4 AIG vorgeht (E. 5) - ist die Festhaltung auf sechs Wochen begrenzt ab Wegfall der aufschiebenden Wirkung bzw. ab Vollziehbarkeit des Überstellungsentscheids (E. 4.2.4). Anwendung der Rechtsprechung im konkreten Fall (E. 6). Regeste Art. 28 du Règlement Dublin III; art. 76a al. 4 LEI; compatibilité de la détention pour insoumission dans le cadre d'une procédure Dublin avec les règles Dublin pertinentes. Vue d'ensemble des dispositions en matière de détention du Règlement Dublin III (consid. 2) et de leur mise en oeuvre en droit suisse (consid. 3). Interprétation de l'art. 76a al. 4 LEI à la lumière de la jurisprudence de la CJUE en la cause Amayry (consid. 4). D'après l'art. 28 du Règlement Dublin III, qui prime l'art. 76a al. 4 LEI en tant que norme de droit international public (consid. 5), le placement en rétention est limité à six semaines à compter de la levée de l'effet suspensif respectivement de l'exécutabilité de la décision de transfert (consid 4.2.4). Application de la jurisprudence au cas concret (consid. 6). Regesto Art. 28 del Regolamento Dublino III; art. 76a cpv. 4 LStrI; compatibilità della carcerazione per comportamento non cooperativo nel quadro di una procedura di Dublino con le pertinenti regole di Dublino. Visione d'insieme delle disposizioni in materia di trattenimento secondo il Regolamento Dublino III (consid. 2) e della loro trasposizione nel diritto svizzero (consid. 3). Interpretazione dell'art. 76a cpv. 4 LStrI alla luce della giurisprudenza della CGUE nella causa Amayry (consid. 4). Secondo l'art. 28 del Regolamento Dublino III - che, quale norma di diritto internazionale pubblico, prevale sull'art. 76a cpv. 4 LStrI (consid. 5) - la detenzione è limitata a sei settimane, dal momento in cui l'effetto sospensivo non è più dato rispettivamente la decisione di trasferimento è esecutiva (consid. 4.2.4). Applicazione della giurisprudenza al caso concreto (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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