Neuer Wanderweg in Auengebiet Ruinaulta von nationaler Bedeutung: Fehlendes nationales Interesse und Störung des Flussuferläufers rechtfertigen keine Ausnahme vom ungeschmälerten Erhaltungsgebot (Art. 4 Abs. 2 AuenV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 146 II 347 · ATF 146 II 347 · DTF 146 II 347
- Datum
- 01.01.2020
- Geschäftsnummer
- BGE 146 II 347
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 3 AuenV Art. 4 AuenV Art. 5 AuenV Art. 7 JSG Art. 18 LPN Art. 18a LPN Art. 18 NHG Art. 17 RPG
Zusammenfassung
Pro Natura, SVS und WWF Schweiz erhoben Beschwerde gegen die Genehmigung des Zonen- und Generellen Erschliessungsplans (ZP/GEP) 1:5'000 Ruinaulta durch die Kantonsregierung Graubünden, der einen neuen Wanderweg innerhalb des Bundesinventars der Auengebiete von nationaler Bedeutung (Objekt Nr. 385 Ruinaulta) vorsieht. Die Beschwerdeführer argumentierten, der geplante Weg verletze den Schutz der auentypischen Vogelart Flussuferläufer und widerspreche den bundesrechtlichen Vorgaben zum ungeschmälerten Erhalt von Auenobjekten. Das Verwaltungsgericht wies die Beschwerde ab; die Beschwerdeführer legten daraufhin Beschwerde ans Bundesgericht.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Verwaltungsgerichts sowie den ZP/GEP 1:5'000 Ruinaulta auf. Der neue Wanderweg zwischen Isla Bella-Brücke und Elektrizitätswerk Pintrun stellt einen technischen Eingriff in ein Auengebiet von nationaler Bedeutung dar, dessen Zulässigkeit nach Art. 4 Abs. 2 AuenV ein überwiegendes Interesse von nationaler Bedeutung voraussetzt. Ein solches Interesse fehlt: Die Bezeichnung des Wegs als Teil einer "nationalen Route" hat rechtlich keine Bedeutung; die Behauptung, der Weg verbessere die Bahnsicherheit, wurde nicht festgestellt und ist nicht erforderlich; und die bisherige „wilde“ Nutzung des Gebiets rechtfertigt keinen neuen, permanenten Eingriff.
Auch die räumliche Nähe des Wegs zum Lebensraum des Flussuferläufers führt zu einer unzulässigen Schmälerung seiner Bestandeserhaltung. Die Vogelart ist nach Art. 7 Abs. 4 JSG, Art. 4 Abs. 1 lit. a und Art. 5 Abs. 2 lit. c AuenV sowie im Rahmen des Smaragd-Netzwerks (CH09 Ruin'Aulta) besonders geschützt und gilt als stark gefährdet. Art. 4 und 5 AuenV erfassen nicht nur direkte Eingriffe im Lebensraum, sondern auch Störungen aus der näheren Umgebung; ein Weg in dieser Lage ist daher ebenfalls einem erheblichen Eingriff gleichzusetzen und unterliegt denselben strengen Voraussetzungen wie ein Eingriff im Perimeter – insbesondere dem Erfordernis eines nationalen Interesses, das hier ebenfalls fehlt.
Zusätzlich weist das Bundesgericht auf Mängel bei der Detailabgrenzung hin: Die Vorinstanz konnte nicht nachweisen, dass die Abgrenzung des Naturschutzgebiets parzellengenau erfolgte, wie Art. 3 Abs. 1 AuenV grundsätzlich verlangt, insbesondere im konfliktreichen Nahbereich der Bahnanlage. Auch die abweichende Grenzziehung entlang der RhB-Strecke war nicht sachlich begründet, da die Vorinstanz nicht nachwies, dass das Gelände nicht im Hochwassergebiet liegt, und eisenbahnrechtliche Aspekte nicht hinreichend berücksichtigt wurden.
Die Entscheidung unterstreicht die strikte Anwendung des ungeschmälerten Erhaltungsgebots für Biotope von nationaler Bedeutung und klärt, dass auch Freizeitinfrastruktur in der Umgebung geschützter Lebensräume diesen Grundsatz verletzen kann, wenn sie die Bestandeserhaltung gefährdet.
Regeste
Art. 18, 18a NHG, Art. 3, 4, 5 Auenverordnung, Art. 17 RPG, Art. 18, 19, 21 EBG, Art. 2, 5, 7 JSG, Art. 4 FWG; Schutz eines Auengebiets von nationaler Bedeutung. Schutz der Biotop-Inventargebiete von nationaler Bedeutung durch die vom Bundesrat erlassenen Verordnungen wie die Auenverordnung (E. 3.1). Pflicht der Kantone, den Schutz und Unterhalt der in das Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung aufgenommenen Objekte zu ordnen (E. 3.2). Begriff der Aue (E. 3.3). Festlegung des genauen Grenzverlaufs des Auenobjekts in Konkretisierung des im Bundesinventar vorgegebenen Perimeters (E. 5.1). Grundsätze für die Detailabgrenzung, wenn der Bundesperimeter des Auengebiets entlang einer Eisenbahnlinie verläuft (E. 5.2, 5.3, 6.1). Schutzbestimmungen zur auentypischen Vogelart Flussuferläufer (E. 3.4 und 7.1). Fehlen eines Interesses von nationaler Bedeutung zur Rechtfertigung eines neuen Wanderwegs im Auengebiet von nationaler Bedeutung (E. 7.2). Unzulässigkeit einer Schmälerung der Bestandeserhaltung der Flussuferläufer im Auengebiet mit einem neuen Weg in der näheren Umgebung (E. 7.3). Regeste Art. 18, 18a LPN, art. 3, 4, 5 de l'ordonnance sur les zones alluviales, art. 17 LAT, art. 18, 19, 21 LCdF, art. 2, 5, 7 LChP, art. 4 LCPR; protection d'une zone alluviale d'importance nationale. Protection des milieux naturels inscrits dans un inventaire de biotopes d'importance nationale par la voie d'ordonnances du Conseil fédéral, telle que l'ordonnance sur les zones alluviales (consid. 3.1). Obligation des cantons de régler la protection et l'entretien des objets inscrits à l'inventaire fédéral des zones alluviales d'importance nationale (consid. 3.2). Définition de la zone alluviale (consid. 3.3). Fixation des limites précises de la zone alluviale en fonction du périmètre circonscrit dans l'inventaire fédéral (consid. 5.1). Principes applicables à la délimitation de détail lorsque le périmètre fédéral de la zone alluviale longe une ligne ferroviaire (consid. 5.2, 5.3, 6.1). Dispositions de protection du chevalier guignette, espèce d'oiseau typique des zones alluviales (consid. 3.4 et 7.1). Défaut d'un intérêt d'importance nationale propre à justifier un nouveau chemin de randonnée dans la zone alluviale d'importance nationale (consid. 7.2). Inadmissibilité d'une atteinte à la préservation de la population de chevaliers guignettes dans la zone alluviale due à un nouveau chemin de randonnée dans les environs immédiats (consid. 7.3). Regesto Art. 18, 18a LPN, art. 3, 4, 5 dell'ordinanza sulle zone golenali, art. 17 LPT, art. 18, 19, 21 Lferr, art. 2, 5, 7 LCP, art. 4 LPS; protezione di una zona golenale d'importanza nazionale. Protezione delle aree iscritte nell'inventario dei biotopi d'importanza nazionale per il tramite di ordinanze emanate dal Consiglio federale, come l'ordinanza sulle zone golenali (consid. 3.1). Obbligo dei Cantoni di disciplinare la protezione e la manutenzione degli oggetti compresi nell'inventario federale delle zone golenali d'importanza nazionale (consid. 3.2). Definizione della zona golenale (consid. 3.3). Demarcazione di tracciati di confine precisi dell'oggetto golenale nella concretizzazione del perimetro stabilito nell'inventario federale (consid. 5.1). Principi per la delimitazione dettagliata quando il perimetro federale della zona golenale si snoda lungo una linea ferroviaria (consid. 5.2, 5.3, 6.1). Norme di protezione del piro piro piccolo, specie di uccello tipica delle zone golenali (consid. 3.4 e 7.1). Assenza di un interesse d'importanza nazionale per giustificare un nuovo sentiero nella zona golenale d'importanza nazionale (consid. 7.2). Inammissibilità di una diminuzione della preservazione della popolazione del piro piro piccolo nella zona golenale causata da un nuovo sentiero nelle immediate vicinanze (consid. 7.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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