Kernkraftwerksbetreiber müssen vorsorgliche Jodtabletten-Kosten nicht tragen: Fehlende gesetzliche Grundlage für Abgabe nach Art. 10 Jodtabletten-Verordnung (Art. 5 Abs. 1 BV, Art. 127 Abs. 1 BV, Art. 164 Abs. 1 lit. d BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 II 454 · ATF 144 II 454 · DTF 144 II 454
- Datum
- 01.01.2018
- Geschäftsnummer
- BGE 144 II 454
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 5 BV Art. 127 BV Art. 164 BV Art. 5 KEG Art. 83 KEG Art. 4 KHG Art. 1 StSG Art. 4 StSG Art. 22 StSG Art. 37 StSG
Zusammenfassung
Die Axpo Power AG, die Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG, die Kernkraftwerk Leibstadt AG und die BKW Energie AG haben gegen eine Verfügung der Logistikbasis der Armee Beschwerde erhoben, mit der ihnen die Gesamtkosten für die vorsorgliche Beschaffung und Verteilung, Kontrollen, Ersatz und Entsorgung von Jodtabletten sowie für die Information der Bevölkerung und Fachleute im Umkreis von 50 km um ihre Kernkraftwerke auferlegt wurden. Die Beschwerdeführerinnen rügen insbesondere, dass Art. 10 der Jodtabletten-Verordnung (JTV) keine ausreichende gesetzliche Grundlage habe und die Kostenüberwälzung daher rechtswidrig sei. Die Vorinstanz hatte die Beschwerde teilweise abgewiesen und teilweise nicht eingetreten.
Das Bundesgericht hebt die Verfügung der Logistikbasis der Armee und das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts auf, weil Art. 10 JTV keine ausreichende gesetzliche Grundlage besitzt. Die Kostenüberwälzung stellt eine Abgabe dar, für die gemäss Art. 5 Abs. 1 BV, Art. 127 Abs. 1 BV und Art. 164 Abs. 1 lit. d BV ein formelles Gesetz mit hinreichender Normdichte erforderlich ist. Art. 4 StSG ist zu unbestimmt, um als gesetzliche Grundlage zu dienen, da es lediglich das Verursacherprinzip allgemein formuliert und ergänzendes formell gesetzliches Recht verlangt. Art. 83 KEG regelt nur Gebühren im Zusammenhang mit Bewilligungen und Aufsicht, nicht aber die Finanzierung staatlicher Notfallschutzmassnahmen, die unabhängig von einer Bewilligung ergriffen werden. Art. 46a RVOG betrifft ausschliesslich Gebühren für Verfügungen und Dienstleistungen, nicht die gesetzliche Grundlage für deren Inhalt. Art. 4 KHG ist nicht anwendbar, weil das Risiko eines schweren Kernkraftwerkunfalls mit Austritt von Radioaktivität nicht unmittelbar drohend ist; die vorsorgliche Jodtablettenversorgung ist eine präventive Massnahme im Rahmen der Risikovorsorge, keine Bewältigungsmassnahme einer konkreten Gefährdungslage. Auch Art. 37 Abs. 2 Satz 2 StSG ist nicht anwendbar, weil es sich um Tätigkeiten im Zusammenhang mit dem Betrieb von Kernanlagen handelt und Art. 2 Abs. 3 StSG diese Bestimmung ausschliesst. Art. 20 StSG bildet ebenfalls keine gesetzliche Grundlage für Art. 10 JTV.
Die Entscheidung klärt, dass die Überwälzung von Kosten für vorsorgliche Notfallschutzmassnahmen auf Kernkraftwerksbetreiber nur dann zulässig ist, wenn eine ausdrückliche und hinreichend bestimmte gesetzliche Grundlage vorliegt. Sie unterstreicht die strikte Anwendung des Legalitätsprinzips im Abgaberecht und weist darauf hin, dass Spezialgesetze wie das Kernenergiegesetz oder das Strahlenschutzgesetz nicht automatisch als Grundlage für solche Kostenüberwälzungen herangezogen werden können, wenn sie nicht ausdrücklich und konkret die entsprechende Finanzierungsregelung enthalten.
Regeste
Art. 5 Abs. 1, Art. 164 Abs. 1 lit. d, Art. 127 Abs. 1 BV; Art. 1, 2 Abs. 3, Art. 4, 5 Abs. 2 und 4, Art. 83 Abs. 1 und 2, Art. 84 lit. a KEG; Art. 1, 2 Abs. 3, Art. 3 lit. a, Art. 4, 8, 9, 17-22, 37 Abs. 2 Satz 2, Art. 47 StSG; Art. 46a RVOG; Art. 4 KHG; Art. 2, 59 USG; Art. 54 GSchG; Art. 1-3, 8, 10 JTV; Art. 12 Abs. 2 lit. a, Anhang 2 VBSTB; Art. 2 Abs. 1 lit. i StSV; Art. 2 lit. b, Art. 6-11, 12 ff. NFSV; Art. 7 lit. d KEV; fehlende gesetzliche Grundlage für die Regelung über die Kostenüberwälzung für Handlungen im Zusammenhang mit der Abgabe von Jodtabletten auf die Betreiber von Kernkraftwerken. Die anwendbaren Regelungen der Jodtabletten-Verordnung und die Vorgaben für Abgabenregelungen auf Verordnungsstufe (E. 3.1-3.4). Der Geltungsbereich des Strahlenschutzgesetzes und des Kernenergiegesetzes sowie das Verhältnis der beiden Erlasse zueinander (E. 4). Art. 4 StSG bildet für Art. 10 JTV keine genügend bestimmte gesetzliche Grundlage (E. 5.2); dasselbe gilt auch für Art. 83 KEG (E. 5.3). Art. 46a RVOG bildet nur Grundlage für Gebühren für Verfügungen und nicht für die Frage, ob der Inhalt einer Verfügung auf einer genügenden gesetzlichen Grundlage basiert (E. 5.5). Auch Art. 4 KHG ist nicht anwendbar, da das Risiko eines schweren Kernkraftwerkunfalls mit Austritt von Radioaktivität nicht unmittelbar drohend ist (E. 6). Regeste Art. 5 al. 1, art. 164 al. 1 let. d, art. 127 al. 1 Cst.; art. 1, 2 al. 3, art. 4, 5 al. 2 et 4, art. 83 al. 1 et 2, art. 84 let. a LENu; art. 1, 2 al. 3, art. 3 let. a, art. 4, 8, 9, 17-22, 37 al. 2, 2e phrase, art. 47 LRaP; art. 46a LOGA; art. 4 LRCN; art. 2, 59 LPE; art. 54 LEaux; art. 1-3, 8, 10 de l'ordonnance sur les comprimés d'iode; art. 12 al. 2 let. a, annexe 2, OEMFP; art. 2 al. 1 let. i ORaP; art. 2 let. b, art. 6-11, 12 ss OPU; art. 7 let. d OENu; absence de base légale permettant de mettre à la charge des exploitants de centrales nucléaires les coûts occasionnés par la distribution de comprimés d'iode. Règles applicables de l'ordonnance sur les comprimés d'iode et exigences en matière de réglementation des taxes par voie d'ordonnance (consid. 3.1-3.4). Champ d'application respectif de la loi sur la radioprotection et de la loi sur l'énergie nucléaire ainsi que rapport entre ces deux textes (consid. 4). L'art. 4 LRaP ne confère pas une base légale suffisamment précise pour l'art. 10 de l'ordonnance sur les comprimés d'iode (consid. 5.2); il en va de même de l'art. 83 LENu (consid. 5.3). L'art. 46a LOGA constitue seulement un fondement pour les émoluments dus en lien avec le prononcé de décisions, mais pas pour la question de savoir si le contenu de la décision se fonde sur une base légale suffisante (consid. 5.5). L'art. 4 LRCN n'est pas applicable, car le risque d'un accident nucléaire grave entraînant une fuite de radioactivité n'est pas imminent (consid. 6). Regesto Art. 5 cpv. 1, art. 164 cpv. 1 lett. d, art. 127 cpv. 1 Cost.; art. 1, 2 cpv. 3, art. 4, 5 cpv. 2 e 4, art. 83 cpv. 1 e 2, art. 84 lett. a LENu; art. 1, 2 cpv. 3, art. 3 lett. a, art. 4, 8, 9, 17-22, 37 cpv. 2 seconda frase, art. 47 LRaP; art. 46a LOGA, art. 4 LRCN; art. 2, 59 LPAmb; art. 54 LPAc; art. 1-3, 8, 10 dell'ordinanza sulle compresse allo iodio; art. 12 cpv. 2 lett. a, Allegato 2 OSMFP; art. 2 cpv. 1 lett. i ORaP; art. 2 lett. b, art. 6-11, 12 segg. OPE; art. 7 lett. d OENu; assenza di una base legale per porre a carico degli esercenti di impianti nucleari i costi cagionati dalla distribuzione delle compresse allo iodio. Disposizioni applicabili dell'ordinanza sulle compresse allo iodio ed esigenze concernenti la regolamentazione delle tasse per via di ordinanza (consid. 3.1-3.4). Campi di applicazione rispettivi della legge sulla radioprotezione e della legge sull'energia nucleare e relazioni tra queste due leggi (consid. 4). L'art. 4 LRaP non costituisce una base legale sufficientemente precisa per l'art. 10 dell'ordinanza sulle compresse allo iodo (consid. 5.2); lo stesso dicasi dell'art. 83 LENu (conisd. 5.3). L'art. 46a LOGA costituisce una base legale solo per gli emolumenti dovuti in relazione alla pronuncia di una decisione, ma non per la questione di sapere se il contenuto di una decisione si fondi su una base legale sufficiente (consid. 5.5). Neanche l'art. 4 LRCN è applicabile, dato che il rischio di un grave incidente nucleare che provocherebbe una fuga di radioattività non è imminente (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.