Sozialversicherer erhält keine Parteientschädigung: Kostenfreiheit gilt auch erstinstanzlich, ausser bei mutwilliger Klage (Art. 73 Abs. 2 BVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 126 V 143 · ATF 126 V 143 · DTF 126 V 143
- Datum
- 03.04.2000
- Geschäftsnummer
- BGE 126 V 143
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 85 AHVG Art. 103 AVIG Art. 73 BVG Art. 87 KVG Art. 106 LAM Art. 106 MVG Art. 108 UVG
Zusammenfassung
Eine versicherte Person klagte beim Verwaltungsgericht des Kantons Bern gegen eine Personalfürsorgestiftung auf Ausrichtung von Vorsorgeleistungen. Das kantonale Gericht trat mangels sachlicher Zuständigkeit nicht ein und verpflichtete die Klägerin zur Zahlung einer Parteientschädigung an die Stiftung. Die Klägerin erhob staatsrechtliche Beschwerde beim Bundesgericht gegen die Zusprechung der Parteientschädigung. Das Bundesgericht überwies die Sache an das Eidgenössische Versicherungsgericht, welches die Verwaltungsgerichtsbeschwerde als zulässig erklärte und die Frage der Parteientschädigung prüfte.
Das Eidgenössische Versicherungsgericht hiess die Verwaltungsgerichtsbeschwerde gut, hob den angefochtenen Entscheid auf und wies die Sache zur neuen Beurteilung an das Verwaltungsgericht des Kantons Bern zurück.
Das Gericht begründete seine Zuständigkeit damit, dass für die Annahme einer bundesrechtlichen Verfügungsgrundlage gemäss Art. 128 OG in Verbindung mit Art. 97 OG und Art. 5 Abs. 1 VwVG genügt, wenn der materiellrechtliche Streitgegenstand dem Bundessozialversicherungsrecht angehört. Dies gelte unabhängig davon, ob der angefochtene Entscheid selbst auf kantonalem Verfahrensrecht beruht oder ob in der Hauptsache ein Rechtsmittel ergriffen wurde. Der Grundsatz der Einheit des Prozesses und die bundesrechtlichen Mindestanforderungen an das kantonale Verfahren rechtfertigen diese Änderung der bisherigen Rechtsprechung.
In der Sache entschied das Gericht, dass die Zusprechung einer Parteientschädigung an die im kantonalen Verfahren obsiegende Vorsorgeeinrichtung Bundesrecht verletzt. Gemäss Art. 73 Abs. 2 BVG, Art. 85 Abs. 2 lit. f AHVG, Art. 108 Abs. 1 lit. g UVG, Art. 87 lit. g KVG und Art. 106 Abs. 2 lit. g MVG haben Sozialversicherungsträger in allen Zweigen der Bundessozialversicherung keinen Anspruch auf Parteientschädigung, ausser bei mutwilliger oder leichtsinniger Beschwerdeführung durch die versicherte Person. Dieser Grundsatz gilt analog auch im erstinstanzlichen Verfahren der beruflichen Vorsorge und der Arbeitslosenversicherung. Das tragende Prinzip der Kostenfreiheit würde sonst entleert, wenn Versicherte trotz fehlender Gerichtskosten mit hohen Parteientschädigungen rechnen müssten. Im vorliegenden Fall war die Klage der Beschwerdeführerin nicht als mutwillig oder leichtsinnig zu qualifizieren, da die Abgrenzung zwischen Berufsvorsorge-, Zivil- und Aufsichtsrechtsweg schwer zu überblicken ist.
Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die bisherige Rechtsprechung zur Anfechtbarkeit kantonaler Verfahrensentscheide ändert und den Schutz der Kostenfreiheit im Sozialversicherungsprozess konsequent auf alle Instanzen und Versicherungszweige ausdehnt.
Regeste
Art. 73 Abs. 2 BVG; Art. 103 Abs. 4 AVIG; Art. 97, Art. 101 und Art. 128 OG; Art. 5 Abs. 1 VwVG: Anfechtbarkeit von auf kantonalem Verfahrensrecht beruhenden Entscheiden. Die bundesrechtliche Verfügungsgrundlage bestimmt sich danach, ob der materiellrechtliche Streitgegenstand dem Bundessozialversicherungsrecht angehört. Zwischen- und Endentscheide kantonaler Gerichte in Bundessozialversicherungsstreitigkeiten über kantonales Verfahrensrecht sind daher mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde beim Eidg. Versicherungsgericht anfechtbar, unabhängig davon, ob in der Hauptsache selbst Beschwerde geführt wird (Änderung der Rechtsprechung). Art. 85 Abs. 2 lit. f AHVG; Art. 108 Abs. 1 lit. g UVG; Art. 87 lit. g KVG; Art. 106 Abs. 2 lit. g MVG; Art. 73 Abs. 2 BVG; Art. 103 Abs. 4 AVIG: Kein Anspruch des Sozialversicherungsträgers auf Parteientschädigung. Im erstinstanzlichen Verfahren obsiegende Sozialversicherer haben in allen Zweigen der Bundessozialversicherung keinen Anspruch auf Parteientschädigung, ausser bei mutwilliger oder leichtsinniger Beschwerdeführung durch die versicherte Person. Regeste Art. 73 al. 2 LPP; art. 103 al. 4 LACI; art. 97, art. 101 et art. 128 OJ; art. 5 al. 1 PA: Recevabilité d'un recours contre un jugement fondé sur le droit de procédure cantonal. Pour savoir si une décision est fondée sur le droit fédéral, il faut examiner si l'objet du litige au fond concerne le droit fédéral des assurances sociales. Les jugements incidents et finaux rendus par des tribunaux cantonaux dans des litiges ressortissant au droit fédéral des assurances sociales et tranchant une question de droit de procédure cantonal peuvent ainsi être déférés au Tribunal fédéral des assurances par la voie du recours de droit administratif, indépendamment du point de savoir si un recours est interjeté sur la question de fond (changement de jurisprudence). Art. 85 al. 2 let. f LAVS; art. 108 al. 1 let. g LAA; art. 87 let. g LAMal; art. 106 al. 2 let. g LAM; art. 73 al. 2 LPP; art. 103 al. 4 LACI: Les institutions d'assurance sociale ne peuvent prétendre des dépens. Les assureurs sociaux qui obtiennent gain de cause devant une juridiction de première instance n'ont droit à une indemnité de dépens dans aucune des branches de l'assurance sociale fédérale, sauf en cas de recours téméraire ou interjeté à la légère par l'assuré. Regesto Art. 73 cpv. 2 LPP; art. 103 cpv. 4 LADI; art. 97, art. 101 e art. 128 OG; art. 5 cpv. 1 PA: Impugnabilità di un giudizio fondato sul diritto di procedura cantonale. Per stabilire se una decisione sia fondata sul diritto federale occorre esaminare se nel merito l'oggetto della lite riguarda il diritto federale delle assicurazioni sociali. I giudizi incidentali e finali resi da tribunali cantonali in liti rientranti nel diritto federale delle assicurazioni sociali che dirimono quesiti di procedura cantonale sono quindi impugnabili con ricorso di diritto amministrativo al Tribunale federale delle assicurazioni a prescindere dalla questione di sapere se sia stato interposto ricorso sul tema di merito (cambiamento di giurisprudenza). Art. 85 cpv. 2 lett. f LAVS; art. 108 cpv. 1 lett. g LAINF; art. 87 lett. g LAMal; art. 106 cpv. 2 lett. g LAM; art. 73 cpv. 2 LPP; art. 103 cpv. 4 LADI: Insussistenza di un diritto a ripetibili a favore di un istituto d'assicurazioni sociali. Gli assicuratori sociali vincenti in causa innanzi a un'autorità giudiziaria di prima istanza non hanno diritto a indennità di parte in tutti i rami delle assicurazioni sociali federali, fatta eccezione dell'evenienza di ricorso temerario o interposto con leggerezza dall'assicurato.
Originalentscheid beim Gericht ↗
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