Vorsorgliche Massnahmen trotz eingetragener Auslandsscheidung: Zweifel an Anerkennung genügen für Zuständigkeit (Art. 62 Abs. 1 IPRG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 126 III 257 · ATF 126 III 257 · DTF 126 III 257
- Datum
- 29.05.2000
- Geschäftsnummer
- BGE 126 III 257
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 25 IPRG Art. 29 IPRG Art. 32 IPRG Art. 62 IPRG Art. 90 OG Art. 51 OSC Art. 9 ZGB Art. 42 ZGB Art. 137 ZGB Art. 51 ZStV Art. 55 ZStV Art. 45 aZGB
Zusammenfassung
M.S. reichte eine staatsrechtliche Beschwerde gegen einen Entscheid des Obergerichts Luzern ein, welcher seine Gesuche zur Herabsetzung von Unterhaltsbeiträgen abgewiesen hatte. Die Parteien waren 1995 in Jordanien verheiratet worden. Das Amtsgericht H. hatte sie 1999 geschieden und vorsorgliche Massnahmen getroffen. M.S. machte geltend, er sei bereits 1998 in Jordanien geschieden worden und habe sich dort 1999 erneut verheiratet; diese Statusänderungen seien im Schweizer Zivilstandsregister eingetragen. Er rügte, es sei willkürlich, diese bindenden Registereinträge zu ignorieren und dennoch vorsorgliche Massnahmen nach Art. 137 ZGB anzuordnen, da die internationale Zuständigkeit der Schweizer Gerichte wegen der ausländischen Scheidung fehle.
Das Bundesgericht wies die staatsrechtliche Beschwerde von M.S. ab. Es hielt fest, dass der schweizerische Scheidungsrichter auch dann vorsorgliche Massnahmen nach Art. 137 ZGB treffen darf, wenn Zweifel an der internationalen Zuständigkeit bestehen, solange die Unzuständigkeit nicht offensichtlich oder rechtskräftig festgestellt ist. Dies ergibt sich aus Art. 62 Abs. 1 IPRG.
Die Tatsache, dass die im Ausland erwirkte Scheidung und Wiederverheiratung bereits im Schweizer Zivilstandsregister eingetragen sind, steht solchen Massnahmen nicht entgegen. Gemäss Art. 9 ZGB in Verbindung mit Art. 27 ff. ZStV schaffen Registereinträge keinen unumstösslichen Beweis. Da die Beschwerdegegnerin hinreichend glaubhaft gemacht hatte, dass das jordanische Scheidungsurteil in der Schweiz möglicherweise nicht anerkannt werden kann, durfte der Richter die Kompetenz für vorsorgliche Massnahmen bejahen. Der Scheidungsrichter ist befugt, die Einträge im Zivilstandsregister nach Art. 42 Abs. 1 ZGB in Verbindung mit Art. 51 und 55 ZStV nötigenfalls zu berichtigen, falls sich die Nichtanerkennung bestätigt. Die Registerbehörden dürfen den richterlichen Entscheid in der Hauptsache nicht präjudizieren.
Zudem begründete M.S. nicht rechtsgenüglich gemäss Art. 90 Abs. 1 lit. b OG, weshalb die Glaubhaftmachung der möglichen Nichtanerkennung ungenügend sein sollte. Er legte auch nicht dar, dass die Parteirechte der Beschwerdegegnerin im jordanischen Verfahren gewahrt wurden, was für die Anerkennung nach Art. 32 Abs. 1 IPRG relevant wäre.
Regeste
Vorsorgliche Massnahmen nach Art. 137 ZGB bei umstrittener internationaler Zuständigkeit (Art. 62 Abs. 1 IPRG); Einfluss von im Ausland erwirkten und im Zivilstandsregister eingetragenen Statusänderungen (Art. 9 ZGB i.V.m. Art. 27 f. ZStV). Ist glaubhaft gemacht, dass ein im Ausland ergangenes Scheidungsurteil in der Schweiz möglicherweise nicht anerkannt werden kann, und ist somit zweifelhaft, ob die internationale Zuständigkeit gegeben ist, darf der schweizerische Scheidungsrichter ohne Verletzung der Verfassung vorsorgliche Massnahmen treffen. Daran vermögen im Ausland erwirkte Statusänderungen, die bereits im schweizerischen Zivilstandsregister eingetragen sind, nichts zu ändern, weil der Scheidungsrichter die Einträge nach Art. 42 Abs. 1 ZGB i.V.m. Art. 51 und 55 ZStV nötigenfalls berichtigen kann (E. 4b). Regeste Mesures provisoires selon l'art. 137 CC en cas de contestation de la compétence internationale (art. 62 al. 1 LDIP); incidence d'un changement d'état obtenu à l'étranger et inscrit dans le registre de l'état civil (art. 9 CC en relation avec les art. 27 s. OEC). Lorsqu'il a été rendu vraisemblable qu'un jugement de divorce prononcé à l'étranger pourrait ne pas être reconnu en Suisse et que, partant, la compétence internationale est douteuse, le juge suisse du divorce ne viole pas la constitution en ordonnant des mesures provisoires. Le fait que le changement d'état obtenu à l'étranger a déjà été inscrit dans le registre suisse de l'état civil n'y fait pas obstacle, car le juge du divorce peut, le cas échéant, rectifier l'inscription en vertu de l'art. 42 al. 1 CC en relation avec les art. 51 et 55 OEC (consid. 4b). Regesto Misure provvisionali ai sensi dell'art. 137 CC in caso di litigio sulla competenza internazionale (art. 62 cpv. 1 LDIP); influsso di un cambiamento di stato ottenuto all'estero e iscritto nei registri di stato civile (art. 9 CC combinato con l'art. 27 seg. OSC). Qualora sia stato reso verosimile che una sentenza di divorzio pronunciata all'estero potrebbe non venire riconosciuta in Svizzera e, di conseguenza, la competenza internazionale appare dubbia, il giudice svizzero del divorzio può ordinare misure provvisionali senza, con ciò, violare la costituzione. Nulla muta il fatto che la modifica di stato ottenuta all'estero è già stata iscritta nei registri dello stato civile, dato che, in applicazione dell'art. 42 cpv. 1 CC combinato con gli art. 51 e 52 OSC, il giudice del divorzio può, se necessario, rettificare tale iscrizione (consid. 4b).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.