Schweizer Unternehmen wehrt sich gegen Vollstreckung slowenisches Urteil: Anerkennung trotz Schiedsvereinbarung zulässig, da Schiedsgericht sich für unzuständig erklärte (Art. 1 Abs. 2 lit. d LugÜ)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 III 423 · ATF 150 III 423 · DTF 150 III 423
- Datum
- 06.08.2024
- Geschäftsnummer
- 4A_621/2023
- Abteilung
- I. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 42 BGG Art. 72 BGG Art. 95 BGG Art. 106 BGG Art. 186 IPRG Art. 1 LugÜ Art. 34 LugÜ Art. 35 LugÜ
Zusammenfassung
Eine slowenische Gesellschaft erhob Klage gegen eine schweizerische Gesellschaft vor slowenischen Gerichten und erzielte dort ein Urteil über vertragsrechtliche Ansprüche aus einem Distribution Agreement mit Schiedsklausel. Nachdem das schweizerische Handelsgericht Aargau sich aufgrund der Schiedsvereinbarung für unzuständig erklärt und die Parteien an das Schiedsgericht verwiesen hatte, beantragte die slowenische Gesellschaft bei einem schweizerischen Betreibungsamt die definitive Rechtsöffnung aufgrund des slowenischen Urteils. Das Bezirksgericht Zofingen und später das Obergericht Aargau gewährten die Rechtsöffnung. Die schweizerische Gesellschaft erhob Beschwerde beim Bundesgericht und rügte unter anderem eine Verletzung des Lugano-Übereinkommens sowie des New Yorker Übereinkommens über Schiedssprüche.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die definitive Rechtsöffnung. Es stellte fest, dass das vereinbarte slowenische Schiedsgericht sich bereits am 20. November 2017 mit der Begründung für unzuständig erklärt hatte, die schweizerische Gesellschaft sei nicht Partei der Schiedsvereinbarung. Da diese Entscheidung in der Schweiz nicht angefochten wurde, war sie für die schweizerischen Gerichte bindend. Das Urteil des Handelsgerichts Aargau vom 5. November 2018 war lediglich ein Nichteintretensentscheid über die eigene Zuständigkeit und entfaltete keine materielle Rechtskraft; es band daher weder das slowenische Gericht noch andere schweizerische Gerichte an die Wirksamkeit der Schiedsvereinbarung. Das slowenische Urteil betraf eine Zivilsache im Sinne von Art. 1 Abs. 1 LugÜ und fiel nicht unter den Ausschluss der Schiedsgerichtsbarkeit gemäss Art. 1 Abs. 2 lit. d LugÜ, weil ein staatliches Gericht in der Sache selbst entschieden hatte. Eine Unvereinbarkeit mit dem schweizerischen Urteil im Sinne von Art. 34 Ziff. 3 LugÜ lag nicht vor, da beide Entscheide keine sich widersprechenden Rechtswirkungen entfalteten. Auch Art. II Abs. 3 NYÜ war nicht verletzt, weil die Pflicht zur Verweisung auf das Schiedsverfahren entfiel, sobald das Schiedsgericht selbst seine Unzuständigkeit festgestellt hatte. Eine Verletzung des materiellen ordre public durch rechtsmissbräuchliche Gerichtsanrufung war nicht gegeben, da die Annahme der Zuständigkeit durch das slowenische Gericht auf der Feststellung des Schiedsgerichts beruhte. Die Beschwerdeführerin trägt die Gerichtskosten von Fr. 12'000.-- und muss der Beschwerdegegnerin eine Parteientschädigung von Fr. 1'000.-- zahlen. Die Entscheidung klärt die Hierarchie zwischen staatlicher Gerichtsbarkeit und Schiedsgerichtsbarkeit im internationalen Kontext und bestätigt die Bindungswirkung eines ausländischen Schiedsurteils über die Zuständigkeit, wenn es in der Schweiz nicht angefochten wird.
Regeste
Art. 34 Nr. 3 LugÜ; Art. II Abs. 3 NYÜ; Rechtskraft eines negativen Zuständigkeitsentscheids eines Schiedsgerichts. Erklärt sich das vereinbarte Schiedsgericht mit Sitz im Ausland für unzuständig und wird dieser Schiedsentscheid in der Schweiz anerkannt, so sind die staatlichen Gerichte in der Schweiz an den Schiedsentscheid gebunden und nicht an den Zuständigkeitsentscheid eines anderen staatlichen Gerichts über die Wirksamkeit der Schiedsvereinbarung (E. 6). Die staatlichen Gerichte in der Schweiz sind nicht gemäss Art. II Abs. 3 NYÜ verpflichtet, die Parteien auf das Schiedsverfahren zu verweisen, wenn sich das vereinbarte Schiedsgericht mit der Begründung für unzuständig erklärt hat, eine der Parteien sei von der Schiedsvereinbarung nicht erfasst, und dieser Schiedsentscheid in der Schweiz anerkannt wird (E. 7). Regeste Art. 34 par. 3 CL; art. II par. 3 CNY; autorité de la chose jugée d'une sentence négative sur la compétence d'un tribunal arbitral. Lorsque le tribunal arbitral désigné, siégeant à l'étranger, se déclare incompétent et que cette sentence arbitrale est reconnue en Suisse, les tribunaux étatiques suisses sont liés par ladite sentence, et non par la décision sur la compétence rendue par un autre tribunal étatique au sujet de la validité de la convention d'arbitrage (consid. 6). Les tribunaux étatiques suisses ne sont pas tenus de renvoyer les parties à l'arbitrage en vertu de l'art. II par. 3 CNY, quand le tribunal arbitral désigné a décliné sa compétence au motif que l'une des parties n'est pas liée par la convention d'arbitrage et que cette sentence arbitrale est reconnue en Suisse (consid. 7). Regesto Art. 34 par. 3 CLug; art. II par. 3 CNY; autorità di cosa giudicata di una decisione negativa sulla competenza di un tribunale arbitrale. Se il tribunale arbitrale convenuto con sede all'estero si dichiara incompetente e questo lodo viene riconosciuto in Svizzera, i tribunali statali svizzeri sono vincolati dal lodo e non dalla decisione sulla competenza emanata da un altro tribunale statale concernente l'efficacia della convenzione di arbitrato (consid. 6). Se il tribunale arbitrale convenuto si è dichiarato incompetente per il motivo che una delle parti non è soggetta alla convenzione d'arbitrato e che questo lodo viene riconosciuto in Svizzera, i tribunali statali svizzeri non sono obbligati secondo l'art. II par. 3 CNY a rinviare le parti all'arbitrato (consid. 7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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