Fussgänger wird beim Betreten der Tramgeleise von hinten erfasst: Grobes Selbstverschulden unterbricht Kausalzusammenhang, Haftung der Stadt entfällt (Art. 40c EBG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 III 343 · ATF 148 III 343 · DTF 148 III 343
- Datum
- 20.05.2022
- Geschäftsnummer
- 4A_179/2021
- Abteilung
- I. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 93 BGG Art. 107 BGG Art. 40b EBG Art. 40c EBG Art. 38 SVG Art. 90 SVG Art. 47 VRV
Zusammenfassung
Eine Stadt wurde von einem Fussgänger verklagt, der bei einer Kollision mit einem ihrer Trams schwer verletzt worden war. Der Fussgänger machte die Gefährdungshaftung der Stadt geltend, während diese sich auf Entlastung wegen groben Selbstverschuldens berief. Streitig war, ob das Verhalten des Fussgängers als Hauptursache des Unfalls anzusehen ist und damit die Haftung der Stadt ausschliesst. Die Vorinstanzen hatten die Haftung der Stadt bejaht, jedoch die Frage der Schadenshöhe noch offen gelassen.
Das Bundesgericht hob das Urteil der Vorinstanz auf und wies die Teilklage des Fussgängers ab. Es stellte fest, dass der Fussgänger bei schönem Wetter und übersichtlichen Verhältnissen unvermittelt den Gleisbereich betrat, ohne nach links zu schauen und ohne das einfahrende Tram wahrzunehmen, während er sich mit seinem Mobiltelefon beschäftigte. Mehrere Augenzeugen bestätigten seine Ablenkung. Der Fussgänger war ortskundig und wohnte nur 600 Meter von der Haltestelle entfernt. Unter diesen Umständen stellte sein Verhalten grobes Selbstverschulden dar, das als Hauptursache des Unfalls anzusehen ist und den adäquaten Kausalzusammenhang unterbricht. Damit waren die Voraussetzungen für eine Entlastung der Stadt nach Art. 40c EBG erfüllt. Die Haftung der Stadt entfiel daher vollständig. Die Entscheidung beruhte ferner auf Art. 40b Abs. 1 EBG (Haftungsgrundlage), Art. 38 Abs. 1 SVG und Art. 47 Abs. 2 Satz 1 VRV (Vortritt der Strassenbahn), Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG (Zulässigkeit der Beschwerde gegen Zwischenentscheid) sowie Art. 107 Abs. 2 BGG (Abweisung der Klage). Das Bundesgericht gewährte dem Beschwerdegegner unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsvertreterentschädigung, belastete ihn aber mit einer Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- zugunsten der Stadt. Die Entscheidung klärt, dass auch im städtischen Raum das unbesehen betretene Tramtrassee bei klarer Sicht und Ortkenntnis regelmäßig grobes Selbstverschulden darstellt, das die Eisenbahnhaftung ausschliesst.
Regeste
Art. 40b Abs. 1 EBG; Gefährdungshaftung nach Eisenbahngesetz; Art. 40c EBG; Entlastungsgründe. Nach Art. 40c EBG wird der Inhaber eines Eisenbahnunternehmens von der Haftpflicht für den Schaden aus dem Betrieb der Eisenbahn entlastet, wenn ein Sachverhalt, der ihm nicht zugerechnet werden kann, so sehr zur Entstehung des Schadens beigetragen hat, dass er als dessen Hauptursache anzusehen ist (Abs. 1), insbesondere grobes Verschulden der geschädigten oder einer dritten Person (Abs. 2 lit. b) (E. 3.1). Wer unvermittelt ein Tramtrassee betritt, ohne sich zu vergewissern, dass kein Tram herannaht, weil er seinen Blick auf ein Mobiltelefon richtet, handelt grob fahrlässig (E. 4). Haftung des Eisenbahnunternehmens verneint. Regeste Art. 40b al. 1 LCdF; responsabilité fondée sur le risque selon la loi fédérale sur les chemins de fer; art. 40c LCdF; faits libératoires. D'après l'art. 40c LCdF, le détenteur d'une entreprise ferroviaire est dégagé de sa responsabilité civile pour le dommage découlant de l'exploitation du chemin de fer si un fait qui ne lui est pas imputable - notamment la faute grave du lésé ou d'un tiers (al. 2 let. b) - a contribué à causer le dommage d'une façon si intense qu'il doit en être considéré comme la cause principale (al. 1) (consid. 3.1). Commet une faute grave celui qui s'engage subitement sur une voie de tram sans s'assurer qu'aucun tram n'approche, parce qu'il a les yeux rivés sur un téléphone portable (consid. 4). Responsabilité de l'entreprise ferroviaire écartée. Regesto Art. 40b cpv. 1 Lferr; responsabilità oggettiva secondo la legge federale sulle ferrovie; art. 40c Lferr; motivi di esonero. Secondo l'art. 40c Lferr il titolare di un'impresa ferroviaria viene liberato dalla responsabilità per danni legati all'esercizio della ferrovia se un fatto che non gli è imputabile ha contribuito a produrre il danno in misura tale da dover esserne ritenuto la causa principale (cpv. 1), in particolare una colpa grave del danneggiato o di un terzo (cpv. 2 lett. b) (consid. 3.1). Chi invade improvvisamente il tracciato di un tram senza accertarsi che nessun tram si stia avvicinando, perché ha lo sguardo volto su un telefono cellulare, agisce con negligenza grave (consid. 4). Responsabilità dell'impresa ferroviaria negata.
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.