Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 178 BV

Bundesgericht

Securitas AG übernimmt Sicherheitsdienstleistungen im EVZ Kreuzlingen: Fehlende gesetzliche Grundlage für Übertragung sicherheitspolizeilicher Aufgaben macht sie kein Haftungssubjekt nach Art. 19 VG

BGE / ATF / DTF
BGE 148 II 218 · ATF 148 II 218 · DTF 148 II 218
Datum
01.01.2021
Geschäftsnummer
BGE 148 II 218
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 24 AsylG Art. 106 BGG Art. 5 BV Art. 10 BV Art. 13 BV Art. 57 BV Art. 164 BV Art. 178 BV Art. 19 LRCF Art. 19 LResp

Zusammenfassung

Die Securitas AG hatte mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM) eine Rahmenvereinbarung zur Erbringung sämtlicher Sicherheitsdienstleistungen im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen geschlossen. Dort kam es am 14. Mai 2018 zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Mitarbeitern der Securitas AG und dem Asylbewerber A. Dieser beantragte später Schadenersatz sowie Genugtuung von der Securitas AG und ersuchte um unentgeltliche Rechtspflege. Die Securitas AG wandte sich daraufhin an das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) und erklärte, sie sei als mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben des Bundes betraute Organisation i.S.v. Art. 19 VG zuständig, über das Schadenersatzbegehren zu befinden und die Kosten der unentgeltlichen Rechtspflege vom Bund tragen zu lassen. Das EFD lehnte dies ab. Das Bundesverwaltungsgericht wies die dagegen erhobene Beschwerde der Securitas AG ab. Diese legte Beschwerde ans Bundesgericht.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde der Securitas AG gut und stellt fest, dass diese nicht als mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben des Bundes betraute Organisation i.S.v. Art. 19 Verantwortlichkeitsgesetz (VG) gilt. Die Rahmenvereinbarung vom 23. Dezember 2013/7. Januar 2014 sieht die Erbringung sämtlicher Sicherheitsdienstleistungen im EVZ Kreuzlingen vor, darunter Zutrittskontrollen, Gewährleistung von Ruhe, Ordnung und Sicherheit, Intervention bei Notfällen, Umgang mit renitenten Personen und Personendurchsuchungen – Tätigkeiten, die sicherheitspolizeilichen Charakter haben und hoheitliches Realhandeln darstellen, welches die Grundrechte der Asylsuchenden auf persönliche Freiheit (Art. 10 Abs. 2 BV) und Achtung der Privatsphäre (Art. 13 Abs. 1 BV) tangieren. Für eine solche Übertragung sicherheitspolizeilicher Aufgaben an Private gelten nach Art. 178 Abs. 3 BV besonders hohe Anforderungen an die formellgesetzliche Grundlage, da das staatliche Gewaltmonopol (Art. 57 BV) tangiert ist. Weder Art. 26 Abs. 2ter AsylG noch Art. 22 Abs. 2 oder Art. 23a Abs. 2 BWIS i.V.m. Art. 3 Abs. 1 aVSB bilden eine hinreichend bestimmte gesetzliche Grundlage für diese umfassende Aufgabenübertragung. Art. 26 Abs. 2ter AsylG erlaubt zwar die Beauftragung Dritter mit Aufgaben zur Sicherstellung des Betriebs, umschreibt diesen Begriff aber nicht näher und lässt nicht erkennen, dass hoheitliche Aufgaben gemeint sind; die zugehörige Verordnung (Art. 17 AsylV 1) schliesst ausdrücklich hoheitliche Aufgaben aus. Auch die Bestimmungen des BWIS beziehen sich auf den Schutz von Behörden und Gebäuden und reichen nicht für die umfassende Sicherheitsgewährleistung in einem Asylzentrum, wo Grundrechte in erhöhtem Masse betroffen sind. Da die Securitas AG folglich nicht als Haftungssubjekt nach Art. 19 VG gilt, bleibt der Bund direkt haftbar für potentielle Schädigungen, die im Rahmen dieser ohne hinreichende gesetzliche Grundlage ausgelagerten hoheitlichen Aufgabe entstehen. Das Bundesgericht entscheidet somit, dass die Securitas AG nicht zuständig ist, über das gegen sie gerichtete Schadenersatzbegehren oder die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege zu befinden. Diese Entscheidung ist von grundsätzlicher Bedeutung für die Auslagerung sicherheitspolizeilicher Aufgaben an private Unternehmen und unterstreicht die strikte Einhaltung des Gesetzesvorbehalts nach Art. 178 Abs. 3 BV.

Regeste

Art. 178 Abs. 3 und Art. 146 BV; Art. 19 VG; aArt. 26 AsylG; Art. 22 und 23 BWIS; Frage, ob die Securitas AG in Bezug auf potentielle Haftungsansprüche in Zusammenhang mit einer tätlichen Auseinandersetzung im EVZ Kreuzlingen Haftungssubjekt i.S.v. Art. 19 VG ist. Eine Betrauung mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben des Bundes i.S.v. Art. 19 VG steht nach Art. 178 Abs. 3 BV unter dem Gesetzesvorbehalt (E. 3.3). Besonders hohe Anforderungen an die formellgesetzliche Grundlage sind dabei im Bereich der Übertragung von sicherheitspolizeilichen Aufgaben zu stellen (E. 3.3.3). Weder das AsylG noch das BWIS enthält eine hinreichende gesetzliche Grundlage für die vorliegend in Frage stehende Übertragung von sicherheitspolizeilichen Aufgaben an die Securitas AG. Diese kann damit zum Vornherein nicht als eine mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben des Bundes betraute Organisation i.S.v. Art. 19 VG gelten (E. 5 und 6). Bei dieser Sachlage verbleibt der Bund direktes Haftungssubjekt für potentielle Haftungsansprüche (E. 6.3). Regeste Art. 178 al. 3 et art. 146 Cst.; art. 19 LRCF; ancien art. 26 LAsi; art. 22 et 23 LMSI; question de savoir si Securitas SA est un sujet de la responsabilité au sens de l'art. 19 LRCF en ce qui concerne des potentielles prétentions en responsabilité en lien avec un incident survenu dans le centre d'enregistrement et de procédure (CEP) de Kreuzlingen. Le fait de confier des tâches de droit public à la Confédération au sens de l'art. 19 LRCF est soumis à la réserve de la loi selon l'art. 178 al. 3 Cst. (consid. 3.3). Les exigences en matière de base légale formelle sont particulièrement élevées dans le domaine de la délégation de tâches de police afin de garantir la sécurité (consid. 3.3.3). Ni la LAsi ni la LMSI ne contiennent une base légale suffisante pour la délégation des tâches de police litigieuses à Securitas SA. Cette dernière ne peut donc pas d'emblée être considérée comme une institution chargée d'exécuter de tâches de droit public de la Confédération au sens de l'art. 19 LRCF (consid. 5 et 6). Dans cette situation, la Confédération demeure le sujet direct de la responsabilité pour de potentielles prétentions en responsabilité (consid. 6.3). Regesto Art. 178 cpv. 3 e art. 146 Cost.; art. 19 LResp; previgente art. 26 LAsi; artt. 22 e 23 LMSI; quesito di sapere se Securitas SA sia un'organizzazione responsabile ai sensi dell'art. 19 LResp riguardo ad eventuali pretese in responsabilità concernenti un incidente prodottosi nel centro di registrazione e di procedura (CRP) di Kreuzlingen. Il conferimento di compiti di diritto pubblico della Confederazione ai sensi dell'art. 19 LResp è sottoposto alla riserva della legge giusta l'art. 178 cpv. 3 Cost. (consid. 3.3). Le esigenze riguardanti la base legale sono particolarmente elevate in materia di delega di compiti di polizia al fine di garantire la sicurezza (consid. 3.3.3). Né la LAsi né la LMSI contengono una base legale sufficiente per poter delegare i compiti di polizia litigiosi a Securitas SA. Quest'ultima non può pertanto d'acchito essere considerata come un'organizzazione incaricata di compiti di diritto pubblico della Confederazione ai sensi dell'art. 19 LResp (consid. 5 e 6). In quest'evenienza, la Confederazione risponde direttamente per eventuali pretese in responsabilità (consid. 6.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.