Grundstück mit künstlichen Auffüllungen: Katastereintrag für belasteten Standort wegen stark verschmutztem Material in Auffüllung Süd erforderlich (Art. 2 Abs. 1 lit. a AltlV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 II 155 · ATF 148 II 155 · DTF 148 II 155
- Datum
- 25.11.2021
- Geschäftsnummer
- 1C_556/2020
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 2 AltlV Art. 5 AltlV Art. 6 AltlV Art. 89 BGG Art. 95 BGG Art. 32c USG Art. 19 VVEA
Zusammenfassung
Die A.________ AG erwarb ein Grundstück im Kanton Solothurn, auf dem sich früher eine Strafanstalt befand. Bei Bauarbeiten wurden schadstoffbelastete Auffüllungen im Untergrund entdeckt. Die Gesellschaft beantragte beim Bau- und Justizdepartement des Kantons Solothurn eine Feststellungsverfügung, wonach das Grundstück als belasteter Standort im Sinne der Altlastenverordnung einzutragen sei. Das Departement wies den Antrag ab und stellte fest, dass kein belasteter Standort vorliege. Dagegen klagte die Gesellschaft beim Verwaltungsgericht des Kantons Solothurn, das ihre Beschwerde abwies. Darauf erhob sie Beschwerde ans Bundesgericht. Streitig war, ob die vorgefundenen Auffüllungen einen belasteten Standort im Sinne der Altlastenverordnung darstellen und ob ein Eintrag in den Kataster der belasteten Standorte erforderlich ist.
Das Bundesgericht hebt das Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Solothurn auf und verweist die Sache zur Neubeurteilung zurück. Es stellt fest, dass bei der Auffüllung Süd zwei Feststoffproben stark erhöhte Gehalte an aliphatischen Kohlenwasserstoffen (1'300 bzw. 4'700 mg/kg) aufwiesen, die den Grenzwert für B-Material (500 mg/kg) deutlich überschritten, aber unter dem für E-Material (5'000 mg/kg) lagen. Da nach geltendem Recht Auffüllungen mit E-Material grundsätzlich als Ablagerungsstandorte gelten, war vor Beginn der Bauarbeiten ein Eintrag in den Kataster der belasteten Standorte erforderlich. Damit ist die Beschwerde zumindest teilweise begründet. Hingegen ist bei der Restbelastung D der Auffüllung Süd kein belasteter Standort mehr gegeben, da dort schwach verschmutztes Material (T-Material) vorliegt, das als Verwertung gilt und keinen Katastereintrag bedingt. Für die Auffüllung Fussballplatz hingegen fehlt eine ausreichende Abklärung: Fünf Proben wurden als wenig verschmutzt (B-Material) bewertet, weil der Aushub mit mehr als fünf Gewichtsprozenten Fremdanteilen vermischt war; eine Probe wies zudem erhöhte TOC-Werte auf. Da allein der TOC-Gehalt für einen Katastereintrag nicht ausreicht, muss die Vorinstanz klären, ob die organischen Stoffe stoffspezifisch aufgeschlüsselt und toxikologisch bewertet werden müssen, und ob der erhöhte TOC-Gehalt auf natürliches organisches Material wie Torf zurückzuführen ist. Auch die Restbelastungen A und B der Auffüllung Fussballplatz sind noch vor Ort und müssen im Rahmen der Neubeurteilung berücksichtigt werden. Die Auffüllung Nord und die Restbelastung C bestehen aus schwach verschmutztem Material (T-Material), das als Verwertung gilt und daher keinen Ablagerungsstandort bildet. Die Entscheidung beruht auf Art. 2 Abs. 1 lit. a AltlV (Definition Ablagerungsstandort), Art. 5 Abs. 3 AltlV (Katastereintrag), Art. 5 Abs. 2 Satz 2 AltlV (Feststellungsverfügung), Art. 32c USG (Sanierungspflicht), Art. 30 Abs. 2 und 3 USG (Verwertungspflicht und Umweltverträglichkeit) sowie Art. 19 Abs. 3 VVEA (Verwertungsverbot für stark verschmutztes Material). Das Bundesgericht verurteilt den Beschwerdegegner zur Tragung der Gerichtskosten von Fr. 4'000.-- und zur Zahlung einer Parteientschädigung von Fr. 5'000.-- an die Beschwerdeführerin. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die bisherige Rechtsprechung zur Unterscheidung von Ablagerung und Verwertung bei Auffüllungen im Untergrund fortentwickelt und klare Kriterien für die Beurteilung von Bagatellfällen sowie für die Relevanz des TOC-Parameters im Altlastenrecht aufstellt.
Regeste
Art. 7 Abs. 6 und 6 bis , Art. 30 und 32c USG; Art. 2 und 5 AltlV; Art. 19 VVEA; Kataster der belasteten Standorte (KbS); Ablagerungsstandort. Eintragung von Ablagerungsstandorten in den KbS; Abgrenzung zwischen der Ablagerung von Abfällen und ihrer Verwertung als Baustoff (E. 4): Zusammenfassung der bisherigen Rechtsprechung zur Abgrenzung (E. 4.1 und 4.2). Abfallrechtliche Neuregelung der Verwertung von Aushub- und Ausbruchmaterial (E. 4.3 und 4.4) und Auswirkung auf die Abgrenzung zwischen Ablagerung und Verwertung bei Auffüllungen im Untergrund: Ein Ablagerungsstandort liegt vor, wenn die Verwendung der Abfälle für die Auffüllung aus heutiger Sicht nicht zulässig wäre (E. 4.5). Ausnahme vom Katastereintrag bei Bagatellfällen (E. 5). Voraussetzungen für die Annahme eines Bagatellfalls bei Abfallablagerungen (E. 5.4). Regeste Art. 7 al. 6 et 6 bis , art. 30 et 32c LPE; art. 2 et 5 OSites; art. 19 OLED; cadastre des sites pollués (CSP); site de stockage définitif. Inscription des sites de stockage définitifs dans le CSP; délimitation entre le stockage de déchets et leur valorisation en tant que matériaux de construction (consid. 4): résumé de la jurisprudence jusqu'à présent concernant cette délimitation (consid. 4.1 et 4.2). Nouvelle réglementation de la législation sur les déchets concernant la valorisation des matériaux d'excavation et de percement (consid. 4.3 et 4.4) et incidence sur la délimitation entre le stockage et la valorisation en cas de comblement dans le sous-sol: il y a un site de stockage définitif lorsque l'utilisation des déchets pour le comblement ne serait pas admissible du point de vue actuel (consid. 4.5). Exception à l'inscription au cadastre pour les cas de peu d'importance (consid. 5). Conditions pour l'acceptation d'un cas de peu d'importance pour des stockages de déchets (consid. 5.4). Regesto Art. 7 cpv. 6 e 6 bis , art. 30 e 32c LPAmb; art. 2 e 5 OSiti; art. 19 OPSR; catasto dei siti inquinati (CSI); sito di deposito. Iscrizione dei siti di deposito nel catasto CSI; delimitazione tra deposito di rifiuti e il loro riciclaggio quale materiale da costruzione (consid. 4): riepilogo della giurisprudenza finora applicata alla delimitazione (consid. 4.1 e 4.2). Nuova regolamentazione, sotto il profilo della legislazione dei rifiuti, del riciclaggio di materiale di scavo e di sgombero (consid. 4.3 e 4.4) e incidenza sulla delimitazione tra deposito e riciclaggio nell'ambito di riempimenti nel sottosuolo: vi è un sito di deposito quando l'utilizzazione di rifiuti per il riempimento non sarebbe ammissibile dal punto di vista odierno (consid. 4.5). Eccezione all'iscrizione nel catasto nei casi bagatellari (consid. 5). Presupposti per ammettere un caso bagatellare nell'ambito di depositi di rifiuti (consid. 5.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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