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Justizze. Art. 34 StPO

Bundesgericht

Nachträgliche Gesamtstrafenbildung bei unbedingter und teilbedingter Freiheitsstrafe: Gleichartigkeit bejaht, Methode korrigiert, Sache spruchreif (Art. 34 Abs. 3 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 IV 108 · ATF 147 IV 108 · DTF 147 IV 108
Datum
17.08.2020
Geschäftsnummer
BGE 147 IV 108
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 34 StPO

Zusammenfassung

Der Beschwerdeführer wurde vom Obergericht des Kantons Zürich zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 4 ½ Jahren und vom Obergericht des Kantons Aargau zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 3 Jahren verurteilt. Da die Strafverfahren getrennt geführt wurden, unterblieb ursprünglich eine Gesamtstrafenbildung. Der Beschwerdeführer beantragte beim Zürcher Obergericht die nachträgliche Bildung einer Gesamtstrafe gemäss Art. 34 Abs. 3 StPO. Das Obergericht wies das Gesuch ab, da es die unterschiedlichen Vollzugsformen als Ungleichartigkeit wertete und hilfsweise eine hypothetische Gesamtstrafe von 9 Jahren berechnete, welche die getrennte Vollstreckung begünstigte. Dagegen erhob der Beschwerdeführer Beschwerde ans Bundesgericht und rügte die Verletzung von Art. 34 Abs. 3 StPO sowie Art. 49 StGB.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut und weist die Sache zur Neuregelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen zurück. Es stellt fest, dass eine unbedingte und eine teilbedingte Freiheitsstrafe trotz unterschiedlicher Vollzugsformen gleichartige Strafen im Sinne von Art. 34 Abs. 3 StPO darstellen und somit für eine nachträgliche Gesamtstrafenbildung geeignet sind. Die Vorinstanz hat jedoch einen Methodenfehler begangen, indem sie statt der rechtskräftig ausgesprochenen Strafe von 4 ½ Jahren eine hypothetische Grundstrafe von 8 Jahren zugrunde legte. Im Nachverfahren darf keine neue vollständige Strafzumessung vorgenommen werden; massgebend sind ausschliesslich die bestehenden rechtskräftigen Urteile.

Das Bundesgericht korrigiert die Berechnung selbst, da die Sache spruchreif ist und kein Eingriff in das tatrichterliche Ermessen nötig ist. Ausgehend von der Einsatzstrafe der Zürcher Verurteilung wird die Einsatzstrafe der Aargauer Verurteilung angemessen asperiert. Dies ergibt eine nachträgliche Gesamtfreiheitsstrafe von 6 ½ Jahren. Zwar verlängert sich die theoretische Vollzugsdauer um ein Jahr gegenüber den Einzelstrafen, doch können die in beiden Verfahren bereits verbüssten 1086 Tage Hafttage nun vollständig auf die neue Gesamtstrafe angerechnet werden, was dem Beschwerdeführer faktisch zugutekommt. Die richterliche Fürsorgepflicht kann zwar eine Warnung vor Änderungen der Vollzugsform gebieten, steht hier aber der Korrektur nicht entgegen.

Entscheidend für die Zulässigkeit und Durchführung der nachträglichen Gesamtstrafenbildung sind Art. 34 Abs. 3 StPO als verfahrensrechtliche Grundlage sowie die materiell-rechtlichen Vorschriften Art. 46 Abs. 1 Satz 2 StGB, Art. 49 StGB, Art. 62a Abs. 2 StGB und Art. 89 Abs. 6 StGB. Da das Bundesgericht die materielle Frage endgültig klärt, erfolgt die Rückweisung gemäss Art. 107 Abs. 2 BGG lediglich für die Nebenfolgen.

Regeste

Art. 34 Abs. 3 StPO; nachträgliche Gesamtstrafenbildung. Art. 34 Abs. 3 StPO stellt sicher, dass die materiell-rechtlichen Vorschriften der Gesamtstrafenbildung von der verurteilten Person wirksam durchgesetzt werden können (E. 2.2.1). Das Verfahren gemäss Art. 34 Abs. 3 StPO ist ein Verfahren "sui generis", auf das die Vorschriften über "Verfahren bei selbstständigen nachträglichen Entscheiden des Gerichts" gemäss Art. 363 ff. StPO (sinngemäss) Anwendung finden, soweit Art. 34 Abs. 3 StPO keine abweichende Regelung enthält (E. 2.2.2). Art. 34 Abs. 3 StPO regelt nicht, wie die Gesamtstrafe zu bilden ist; dies ergibt sich ausschliesslich aus der jeweiligen materiell-rechtlichen Norm (Art. 46 Abs. 1 Satz 2, Art. 49, Art. 62a Abs. 2 und Art. 89 Abs. 6 StGB) (E. 2.2.3). Gegenstand des Nachverfahrens gemäss Art. 34 Abs. 3 StPO ist ausschliesslich, die unterlassene Gesamtstrafenbildung durch Asperation der rechtskräftigen Strafen nachzuholen. Das Nachgericht hat weder die Rechtmässigkeit der früheren Verurteilungen noch die Angemessenheit der ausgesprochenen Strafen zu prüfen (E. 2.2.4 und 2.2.5). Die Vollzugsform (bedingt, teil- oder unbedingt) spielt für die Beurteilung der Gleichartigkeit der ausgesprochenen Strafen keine Rolle (E. 3.1-3.4). Die richterliche Fürsorgepflicht kann erfordern, die beschuldigte Person auf eine mögliche oder gesetzlich zwingende Änderung der Vollzugsform infolge der nachträglichen Gesamtstrafenbildung hinzuweisen und ihr die Möglichkeit einzuräumen, den gestellten Antrag zurückzuziehen (E. 3.6). Regeste Art. 34 al. 3 CPP; fixation ultérieure d'une peine d'ensemble. L'art. 34 al. 3 CPP garantit l'application effective des dispositions matérielles concernant la fixation d'une peine d'ensemble à l'égard de la personne condamnée (consid. 2.2.1). La procédure prévue par l'art. 34 al. 3 CPP constitue une procédure "sui generis". Les dispositions relatives à la procédure en cas de décisions judiciaires ultérieures indépendantes au sens des art. 363 ss CPP s'appliquent par analogie, dans la mesure où l'art. 34 al. 3 CPP n'en dispose pas autrement (consid. 2.2.2). L'art. 34 al. 3 CPP ne définit pas comment la peine d'ensemble doit être fixée; la question est exclusivement réglée par les dispositions de droit matériel applicables (art. 46 al. 1, 2 e phrase, art. 49, art. 62a al. 2 et art. 89 al. 6 CP) (consid. 2.2.3). L'objet de la procédure ultérieure prévue par l'art. 34 al. 3 CPP consiste exclusivement à permettre de pallier l'absence, dans le cadre des précédentes condamnations, de peine d'ensemble fixée en application du principe de l'aggravation. Le juge saisi ultérieurement n'examine ni la conformité au droit des précédentes condamnations, ni le caractère adéquat des peines déjà prononcées (consid. 2.2.4 et 2.2.5). La forme d'exécution (peine avec sursis, sursis partiel ou ferme) ne joue pas de rôle pour examiner la question de savoir si les peines sont de même genre (consid. 3.1-3.4). Suivant les circonstances, il incombe au juge d'attirer l'attention du condamné sur l'éventualité d'une modification de la forme d'exécution découlant de la fixation ultérieure d'une peine d'ensemble et de lui ménager la possibilité de retirer sa requête (consid. 3.6). Regesto Art. 34 cpv. 3 CPP; pronuncia successiva di una pena unica. L'art. 34 cpv. 3 CPP assicura al condannato la possibilità di ottenere un'applicazione effettiva delle norme del diritto materiale sulla pronuncia di una pena unica (consid. 2.2.1). La procedura prevista dall'art. 34 cpv. 3 CPP è una procedura "sui generis" a cui si applicano (per analogia) le disposizioni relative alla "procedura in caso di decisioni giudiziarie indipendenti successive" di cui agli art. 363 segg. CPP, per quanto l'art. 34 cpv. 3 CPP non disponga altrimenti (consid. 2.2.2). La commisurazione della pena unica non è disciplinata dall'art. 34 cpv. 3 CPP, ma è retta esclusivamente dalle pertinenti norme del diritto materiale (art. 46 cpv. 1 secondo periodo, art. 49, art. 62a cpv. 2 e art. 89 cpv. 6 CP) (consid. 2.2.3). La procedura successiva prevista dall'art. 34 cpv. 3 CPP è volta unicamente a ovviare alla mancata pronuncia di una pena unica mediante l'applicazione del principio dell'inasprimento alle pene passate in giudicato. Il giudice adito successivamente non deve esaminare né la legalità delle precedenti condanne né l'adeguatezza delle pene irrogate (consid. 2.2.4 e 2.2.5). La forma di esecuzione (con la condizionale totale o parziale oppure senza condizionale) è irrilevante per determinare se le pene inflitte sono dello stesso genere (consid. 3.1-3.4). Il dovere di assistenza del giudice può imporre di attirare l'attenzione dell'imputato su una possibile o legalmente inevitabile modifica della forma di esecuzione conseguente alla commisurazione successiva di una pena unica e di concedergli la possibilità di ritirare l'istanza inoltrata (consid. 3.6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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