Gesuchsteller verlangt Statistik zu Arbeitsunfähigkeitsgutachten zweier Ärzte: Schutzwürdiges Interesse besteht bei konkretem Beizug im eigenen IV-Verfahren, Rückweisung zur Aufwandsprüfung (Art. 11 Abs. 3 KV/SO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 I 170 · ATF 144 I 170 · DTF 144 I 170
- Datum
- 27.06.2018
- Geschäftsnummer
- BGE 144 I 170
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 16 BV Art. 36 BV Art. 21 Cost./SO Art. 11 Cst./SO Art. 21 Cst./SO Art. 6 InfoDG Art. 12 InfoDG Art. 13 InfoDG Art. 14 InfoDG Art. 15 InfoDG Art. 21 InfoDG Art. 23 InfoDG Art. 11 KV/SO Art. 21 KV/SO
Zusammenfassung
Ein Gesuchsteller wandte sich an die IV-Stelle des Kantons Solothurn mit der Bitte um Auskunft über die Anzahl der von zwei bestimmten Ärzten erstellten medizinischen Gutachten, in denen eine Arbeitsunfähigkeit von über 40 Prozent attestiert wurde. Die IV-Stelle lehnte das Gesuch ab. Dagegen erhob der Gesuchsteller Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Solothurn, das diese abwies. Der Gesuchsteller legte daraufhin Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beim Bundesgericht ein. Streitig war insbesondere, ob ein schutzwürdiges Interesse am Zugang zu diesen Informationen bestand und ob der erforderliche Verwaltungsaufwand die Verweigerung des Zugangs rechtfertigte.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Verwaltungsgerichts auf und wies die Sache zurück, weil die Vorinstanz unvollständige Sachverhaltsfeststellungen getroffen hatte. Es stellte fest, dass der Beschwerdeführer ein schutzwürdiges Interesse am Zugang zu den Gutachten der beiden Ärzte hat, soweit er konkret mit deren Beizug in seinem eigenen Invalidenversicherungs-Leistungsverfahren rechnen muss. Dieses Interesse ist privat und nicht vom öffentlichen Interesse oder vom Interesse seines Rechtsvertreters abhängig. Die Verweigerung des Zugangs ist jedoch nur zulässig, wenn der erforderliche Aufwand für die Bereitstellung der Informationen so ausserordentlich ist, dass der ordentliche Geschäftsgang der IV-Stelle nahezu lahmgelegt würde. Ein integraler Zugang zu allen 109 Gutachten wäre unzumutbar, doch genügen für die Zwecke des Beschwerdeführers vermutlich jeweils nur die letzten Seiten der Gutachten oder die entsprechenden Teile der Leistungsentscheide, aus denen hervorgeht, ob eine Arbeitsunfähigkeit von über 40 Prozent bejaht oder verneint wurde. Ob dieser reduzierte Aufwand die IV-Stelle lahmlegt, konnte aufgrund der unvollständigen Aktenlage nicht abschliessend beurteilt werden. Die gesetzliche Grundlage für den Eingriff in die Informationsfreiheit – insbesondere Art. 11 Abs. 3 KV/SO, Art. 21 Abs. 1 und 2 KV/SO sowie die einschlägigen Bestimmungen des Informations- und Datenschutzgesetzes des Kantons Solothurn (§§ 12 ff., 15, 21, 23, 34, 40 InfoDG) – ist an sich nicht zu beanstanden. Das Bundesgericht verwies daher die Sache an das Verwaltungsgericht zurück, damit dieses konkret prüft, ob der erforderliche Aufwand für die anonymisierte Bereitstellung der wesentlichen Informationen den Geschäftsgang der IV-Stelle nahezu lahmlegt. Nur dann darf der Zugang verweigert werden; andernfalls sind die Auskünfte in geeigneter Form zu erteilen. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass ein schutzwürdiges privates Interesse am Zugang zu medizinischen Gutachten besteht, sobald ein Betroffener konkret mit dem Einsatz eines bestimmten Gutachters in seinem eigenen Leistungsverfahren rechnen muss, und weil sie den massgeblichen Aufwandsmaßstab für die Verweigerung des Zugangs präzisiert: nicht jeder hohe, sondern nur ein nahezu lahmlegender Aufwand rechtfertigt die Verweigerung.
Regeste
Art. 9, 16 und 36 BV, Art. 11 Abs. 3 und Art. 21 Abs. 1 und 2 KV/SO, Informations- und Datenschutzgesetz des Kantons Solothurn; Zugang zu Unterlagen der IV-Stelle zu den Ergebnissen externer medizinischer Gutachten über die Arbeitsunfähigkeit von Gesuchstellern für IV-Leistungen. Verfassungs- und gesetzesrechtliche Regelung des Aktenzugangs im Kanton Solothurn. Die Auslegung des kantonalen Gesetzes durch das Verwaltungsgericht ist nicht willkürlich. Insbesondere ist es nicht unhaltbar, zu verlangen, dass das schutzwürdige Interesse am Aktenzugang umso grösser sein muss, je erheblicher der Aufwand für die Zugangsgewährung ausfällt. Die gesetzliche Grundlage für den Grundrechtseingriff ist daher nicht zu beanstanden. Hingegen besteht ein erhebliches Interesse am Aktenzugang. Das kantonale Verfassungsrecht beschränkt den Informationsanspruch nicht auf öffentlich zugängliche Akten und das Gesetz schliesst auch Verwaltungsjustizakten nicht vom Zugangsanspruch aus. Eine Verweigerung des Aktenzugangs kann mithin nur in Betracht fallen, wenn ein so ausserordentlicher Aufwand zu bewältigen wäre, dass der Geschäftsgang der Behörde dadurch erheblich beeinträchtigt bzw. nahezu lahmgelegt würde. Rückweisung der Streitsache an das Verwaltungsgericht zur Prüfung, ob diese Voraussetzung erfüllt ist oder nicht (E. 6-8). Regeste Art. 9, 16 et 36 Cst., art. 11 al. 3 et art. 21 al. 1 et 2 Cst./SO, loi sur l'information et la protection des données du canton de Soleure; accès aux documents de l'Office-AI concernant les résultats d'expertises médicales externes sur l'incapacité de travail de requérants de prestations AI. Réglementation de l'accès au dossier dans la Constitution et la législation du canton de Soleure. L'interprétation de la loi cantonale par le Tribunal administratif n'est pas arbitraire. En particulier il n'est pas insoutenable d'exiger que l'intérêt digne de protection à l'accès au dossier soit d'autant plus important que les moyens (en temps et en argent) à consacrer pour garantir un tel accès sont conséquents. La base légale de l'atteinte aux droits fondamentaux n'est ainsi pas contestable. En revanche, il existe un intérêt considérable à l'accès au dossier. Le droit constitutionnel cantonal ne limite pas le droit à l'information aux documents accessibles au public et la loi n'exclut pas davantage l'accès aux dossiers judiciaires de l'administration. Un tel accès ne peut ainsi être refusé que lorsque les moyens à engager pour le mettre en oeuvre sont si extraordinaires que le fonctionnement de l'autorité serait considérablement entravé voire presque paralysé. Renvoi de la cause au Tribunal administratif pour qu'il examine si cette condition est ou non réalisée (consid. 6-8). Regesto Art. 9, 16 e 36 Cost., art. 11 cpv. 3 e art. 21 cpv. 1 e 2 Cost./SO, legge sull'informazione e sulla protezione dei dati del Canton Soletta; accesso a documenti degli Uffici AI relativi ai risultati di perizie mediche esterne sull'incapacità lavorativa di richiedenti di prestazioni dell'AI. Regolamentazione costituzionale e legislativa dell'accesso agli atti nel Canton Soletta. L'interpretazione della legge cantonale da parte del Tribunale amministrativo non è arbitraria. In particolare non è insostenibile esigere che l'interesse degno di protezione all'accesso agli atti debba essere più importante maggiore è la rilevanza dell'impegno richiesto per concederlo. La base legale per la limitazione del diritto fondamentale non presta il fianco a critiche. Sussiste per contro un rilevante interesse all'accesso agli atti. Il diritto costituzionale cantonale non limita il diritto all'informazione a documenti accessibili al pubblico e la legge non esclude dal diritto d'accesso gli atti della giustizia amministrativa. Un rifiuto dell'accesso agli atti può pertanto entrare in considerazione soltanto qualora i mezzi impiegati comporterebbero un dispendio eccezionale, dimodoché l'andamento degli affari dell'autorità ne sarebbe notevolmente compromesso, rispettivamente quasi paralizzato. Rinvio della causa al Tribunale amministrativo, affinché esamini se questa condizione sia o no adempiuta (consid. 6-8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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