Justizze.

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Justizze. Art. 4a KVG

Bundesgericht

Polnischer Landarbeiter in der Schweiz: Krankenversicherungspflicht seiner in Polen wohnhaften Familie hängt von Art der polnischen Gesundheitsversicherung ab (Art. 32 VO 883/2004)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 V 52 · ATF 143 V 52 · DTF 143 V 52
Datum
25.11.2016
Geschäftsnummer
9C_224/2016
Abteilung
II. sozialrechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 42 BGG Art. 99 BGG Art. 8 FZA Art. 15 FZA Art. 3 KVG Art. 4a KVG Art. 6 KVG Art. 95a KVG Art. 1 KVV Art. 2 KVV Art. 3 KVV Art. 1 VO Art. 11 VO Art. 32 VO

Zusammenfassung

Ein polnischer Landarbeiter mit Kurzaufenthaltsbewilligung (Ausweis L) war von Mai bis November 2015 in der Schweiz erwerbstätig und bei einer schweizerischen Krankenkasse obligatorisch versichert. Seine Ehefrau und zwei Kinder wohnten währenddessen in Polen. Die Krankenkasse stellte fest, dass auch die Familienangehörigen der schweizerischen obligatorischen Krankenpflegeversicherung unterstehen müssten. Der Beschwerdeführer wandte ein, seine Ehefrau sei in Polen als Arbeitslose registriert und dort gesetzlich krankenversichert, weshalb sie nicht zusätzlich in der Schweiz versichert sein dürfe. Das Versicherungsgericht des Kantons Aargau wies die Beschwerde ab. Vor dem Bundesgericht stritten die Parteien darüber, ob die polnische Gesundheitsversicherung der Ehefrau einen eigenständigen Sachleistungsanspruch begründet, der nach der EU-Verordnung Nr. 883/2004 dem abgeleiteten Anspruch aus der Erwerbstätigkeit des Ehemannes in der Schweiz vorgeht.

Das Bundesgericht hebt den vorinstanzlichen Entscheid auf und verweist die Sache zur erneuten Abklärung an die Krankenkasse zurück, weil der Sachverhalt unvollständig ist.

Die Ehefrau des Beschwerdeführers ist seit dem 10. Juni 2003 als Arbeitslose registriert und seit dem 5. November 2008 der polnischen Gesundheitsversicherung angeschlossen. Es ist jedoch unklar, ob diese Versicherung auf ihrer Registrierung als Arbeitslose beruht – also eine Pflichtversicherung darstellt – oder ob es sich um ein Einwohnersystem handelt, das allein auf dem Wohnsitz in Polen beruht. Diese Unterscheidung ist entscheidend: Falls es sich um eine Pflichtversicherung handelt, begründet die Ehefrau einen eigenständigen Sachleistungsanspruch, der nach Art. 32 Abs. 1 Satz 1 VO 883/2004 dem abgeleiteten Anspruch aus der Erwerbstätigkeit des Ehemannes in der Schweiz vorgeht, sodass die Familienangehörigen nicht der schweizerischen Krankenversicherungspflicht unterstehen. Falls es sich dagegen um ein Einwohnersystem handelt, gilt der abgeleitete Anspruch aus der Schweiz als prioritär, da die Ehefrau in Polen weder erwerbstätig ist noch eine Rente bezieht. Das Formular E109 wurde nicht ausgefüllt retourniert, weshalb die erforderlichen Angaben fehlen. Die Krankenkasse muss daher direkt beim Nationalen Gesundheitsfonds in Polen nachfragen, um den Sachverhalt zu klären.

Die Entscheidung beruht auf Art. 3 Abs. 3 lit. a KVG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 2 lit. f KVV, Art. 3 Abs. 1 und 3 KVG, Art. 4a lit. a KVG, Art. 6 KVG, Art. 95a lit. a KVG, Art. 1 Abs. 1 und 2 lit. d und 2 KVV sowie auf Art. 15 und 8 FZA, Art. 11 Abs. 1 und 3 lit. a und e VO 883/2004, Art. 32 Abs. 1 und 2 VO 883/2004, Art. 1 lit. i Ziff. 1 VO 883/2004 und Art. 3 Abs. 2 KVV. Das Bundesgericht stellt klar, dass die obligatorische Krankenpflegeversicherung der Schweiz nach dem Prinzip der Individualversicherung gestaltet ist und nicht automatisch auf Familienangehörige ausstrahlt.

Dem Beschwerdeführer werden die Gerichtskosten von Fr. 500.– auferlegt und eine Parteientschädigung von Fr. 2800.– zugesprochen. Die Sache wird auch zur Neuverlegung der Parteientschädigung des vorangegangenen Verfahrens an das Versicherungsgericht des Kantons Aargau zurückgewiesen.

Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die konkrete Anwendung der Kollisionsregelung in Art. 32 VO 883/2004 auf den Fall einer in einem EU-Mitgliedstaat registrierten Arbeitslosen klärt und betont, dass die Qualifizierung des nationalen Versicherungssystems entscheidend ist.

Regeste

Art. 11 Abs. 1 und 3 Bst. a und e, Art. 32 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004; Anhang XI der Verordnung (EG) Nr. 883/2004; Art. 3 Abs. 1, 2 und 3 lit. a, Art. 4a lit. a, Art. 6 und 95a lit. a KVG; Art. 1 Abs. 1 und 2 lit. d und f, Art. 2 Abs. 1 lit. c, d und e KVV: Gemeinschaftsrechtliche Kollisionsregeln. Krankenversicherungspflicht von in Polen wohnhaften Familienangehörigen eines in der Schweiz saisonal erwerbstätigen polnischen Staatsbürgers (E. 4-8). Regeste Art. 11 par. 1 et 3 let. a et e, art. 32 du Règlement (CE) n° 883/2004; annexe XI du Règlement (CE) n° 883/2004; art. 3 al. 1, 2 et 3 let. a, art. 4a let. a, art. 6 et 95a let. a LAMal; art. 1 al. 1 et 2 let. d et f, art. 2 al. 1 let. c, d et e OAMal: règle de conflit du droit communautaire. Assujettissement à l'assurance-maladie de membres de la famille résidant en Pologne d'un ressortissant polonais travaillant comme saisonnier en Suisse (consid. 4-8). Regesto Art. 11 n. 1 e 3 lett. a ed e, art. 32 del Regolamento (CE) n. 883/2004; allegato XI del Regolamento (CE) n. 883/2004; art. 3 cpv. 1, 2 e 3 lett. a, art. 4a lett. a, art. 6 e 95a lett. a LAMal; art. 1 cpv. 1 e 2 lett. d ed f, art. 2 cpv. 1 lett. c, d ed e OAMal: norme di conflitto del diritto comunitario. Obbligo d'assicurazione malattia dei membri della famiglia residente in Polonia di un cittadino polacco occupato in Svizzera come stagionale (consid. 4-8).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.