Wasserkraftprojekt Überleitung Lugnez: Keine Neukonzession nötig, aber ganzheitliche Umweltprüfung und Koordinationspflicht mit Bestandsanlagen (Art. 29 ff. GSchG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 II 517 · ATF 142 II 517 · DTF 142 II 517
- Datum
- 12.10.2016
- Geschäftsnummer
- BGE 142 II 517
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 8 BFG Art. 29 GSchG Art. 39a GSchG Art. 43a GSchG Art. 80 GSchG Art. 81 GSchG Art. 83a GSchG Art. 43 WRG
Zusammenfassung
Die Kraftwerke Zervreila AG beantragte beim Kanton Graubünden die Genehmigung für das Projekt "Überleitung Lugnez", welches fünf neue Wasserfassungen im oberen Lugnez vorsieht, um das Wasser durch einen unterirdischen Stollen ins bestehende Ausgleichsbecken Zervreila zu leiten und so die Stromproduktion der bestehenden Kraftwerkszentralen zu erhöhen. Die Umweltverbände WWF, Pro Natura, SFV sowie die Schweizerische Greina-Stiftung erhoben Einsprache gegen dieses Vorhaben. Der Streitpunkt war, ob dieses Projekt als wesentliche Änderung der bestehenden Konzessionen anzusehen ist, was eine Neukonzessionierung der Gesamtanlage erfordert hätte, oder ob es als isoliertes Zusatzprojekt beurteilt werden kann. Zudem wurde diskutiert, inwieweit die Umweltauswirkungen der neuen Fassungen gemeinsam mit den bestehenden Anlagen und deren Sanierungsbedarf (Restwasser, Schwall/Sunk, Geschiebe) zu prüfen sind.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde der Umweltverbände teilweise gut und wies die Sache zur neuen Beurteilung an die Regierung des Kantons Graubünden zurück. Es stellte fest, dass das Projekt "Überleitung Lugnez" zwar keine wesentliche Änderung der bestehenden Konzessionen darstellt, die eine neue Gesamtkonzession erzwingen würde, da das zusätzliche Einzugsgebiet und die Produktionssteigerung im Verhältnis zur bestehenden Anlage untergeordnet sind. Allerdings darf die Umweltverträglichkeit des Projekts nicht isoliert betrachtet werden. Da die neuen Wasserentnahmen mit den bestehenden Anlagen eine betriebliche Einheit bilden und gemeinsame Restwasserstrecken beeinflussen, ist eine ganzheitliche Betrachtung der Umweltauswirkungen zwingend erforderlich.
Besonders relevant ist die Pflicht zur Koordination mit den Sanierungsmassnahmen der Bestandsanlagen. Für die Restwassersanierung nach Art. 80 ff. GSchG, deren Frist bereits abgelaufen ist, besteht ein schutzwürdiges Interesse des Betreibers nicht, die Erweiterung ohne gleichzeitige Sanierung vorzunehmen. Das Gericht betonte, dass bei einer Zusatzkonzession auch die bestehenden Anlagen auf ihre Konformität mit dem Fischereirecht (Art. 7 ff. BGF) und dem Gewässerschutzgesetz überprüft werden müssen. Während für die Sanierung von Schwall/Sunk und Geschiebehaushalt (Art. 39a, 43a GSchG), deren Frist bis 2030 läuft, eine Verschiebung möglich sein kann, muss die Restwassersanierung koordiniert werden. Da die Vorinstanz diese ganzheitliche Prüfung und Koordination unterlassen hatte, war ihr Entscheid fehlerhaft.
Regeste
Projekt "Überleitung Lugnez": Konzession für zusätzliche Wasserfassungen für die bestehenden Kraftwerksanlagen (Art. 29 ff. GSchG; Art. 7 ff. BGF; Art. 8 und 10a ff. USG). Das Projekt stellt keine wesentliche Änderung der bestehenden Konzessionen dar, die eine neue Gesamtkonzession erfordern würde (E. 3.1 und 3.2). Dennoch dürfen die Umweltauswirkungen des Projekts nicht isoliert von denjenigen der bestehenden Anlagen beurteilt werden. Eine gesamthafte Betrachtung ist aus umweltrechtlicher Sicht jedenfalls für die Wasserentnahmen im Valsertal und im Lugnez erforderlich, die gemeinsame Restwasserstrecken haben (E. 3.3). Anlässlich der Zusatzkonzession müssen Massnahmen zur Erhaltung und zur Verbesserung der natürlichen Lebensräume geprüft werden; dabei erstreckt sich die Prüfungspflicht auch auf die bestehenden Anlagen (E. 3.4). Ist deren Sanierung umweltrechtlich geboten, muss sie mit dem Konzessions- und Bewilligungsverfahren für die "Überleitung Lugnez" koordiniert werden (E. 3.5). Differenzierung zwischen der Restwassersanierung nach Art. 80 ff. GSchG (E. 3.5.1) und den übrigen Sanierungspflichten (Art. 39a, 43a und 83a GSchG; Art. 10 BGF; E. 3.5.2). Regeste Projet de conduite forcée de Lugnez: concession pour des captages supplémentaires des eaux pour les centrales hydroélectriques existantes (art. 29 ss LEaux; art. 7 ss LFSP; art. 8 et 10a ss LPE). Le projet ne représente pas une modification notable des concessions existantes, laquelle exigerait une nouvelle concession globale (consid. 3.1 et 3.2). Néanmoins, l'impact environnemental du projet ne peut pas être examiné de manière isolée, en faisant abstraction des installations existantes. D'un point de vue environnemental, il est nécessaire de procéder à une appréciation globale au moins pour les prélèvements d'eau dans les vallées de Vals et de Lugnez, lesquels ont des tronçons à débits résiduels communs (consid. 3.3). A l'occasion d'un avenant à la concession, des mesures doivent être examinées pour la conservation et l'amélioration des habitats naturels; le devoir d'examen s'étend aussi aux installations existantes (consid. 3.4). Si l'assainissement de ces dernières se justifie au regard du droit de l'environnement, cette procédure doit être coordonnée avec celle relative à la concession et à l'autorisation de construire une conduite forcée à Lugnez (consid. 3.5). Différenciation entre l'assainissement des débits résiduels selon les art. 80 ss LEaux (consid. 3.5.1) et les autres obligations d'assainissement (art. 39a, 43a et 83a LEaux; art. 10 LFSP; consid. 3.5.2). Regesto Progetto di condotta forzata di Lugnez: concessione per captazioni supplementari delle acque per le centrali idroelettriche esistenti (art. 29 segg. LPAc; art. 7 segg. LFSP; art. 8 e 10a segg. LPAmb). Il progetto non costituisce una modificazione sostanziale delle concessioni esistenti, che esigerebbe una nuova concessione globale (consid. 3.1 e 3.2). Tuttavia, gli effetti del progetto sull'ambiente non possono essere esaminati in modo isolato da quelli degli impianti esistenti. Sotto il profilo del diritto sulla protezione dell'ambiente occorre eseguire una valutazione complessiva in ogni caso per le captazioni delle acque nelle valli di Vals e Lugnez, che hanno tratti di deflussi residuali comuni (consid. 3.3). Nell'ambito della concessione supplementare devono essere esaminate misure per la conservazione e il miglioramento degli spazi vitali naturali; l'obbligo di esame si estende anche agli impianti esistenti (consid. 3.4). Se il loro risanamento è richiesto dal diritto sulla protezione dell'ambiente, esso deve essere coordinato con la procedura di concessione e di autorizzazione della condotta forzata di Lugnez (consid. 3.5). Differenza tra il risanamento del deflusso residuale secondo gli art. 80 segg. LPAc (consid. 3.5.1) e gli altri obblighi di risanamento (art. 39a, 43a e 83a LPAc; art. 10 LFSP; consid. 3.5.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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