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Justizze. Art. 52e BVG

Bundesgericht

Sammelstiftung mit tausenden Anlagestrategien: Individuelle Vorabprüfung der Angemessenheit durch Experten zwingend (Art. 1e BVV 2)

BGE / ATF / DTF
BGE 141 V 416 · ATF 141 V 416 · DTF 141 V 416
Datum
21.05.2015
Geschäftsnummer
BGE 141 V 416
Abteilung
CH_BGE_007
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 1 BVG Art. 52e BVG Art. 53 BVG Art. 62 BVG Art. 1 BVV Art. 1e BVV Art. 1e OPP

Zusammenfassung

Eine Sammelstiftung für die ausserobligatorische berufliche Vorsorge bot ihren Versicherten eine grosse Anzahl individuell wählbarer Anlagestrategien an, wobei pro Vorsorgewerk hunderte bis tausende Varianten möglich waren. Die Zentralschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht (ZBSA) verfügte, dass jede einzelne dieser individuellen Anlagestrategien vorgängig durch einen Experten für berufliche Vorsorge auf ihre Angemessenheit hin überprüft werden müsse. Die Stiftung focht diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht an und erhob anschliessend Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten ans Bundesgericht. Sie argumentierte, eine schematische Prüfung der Grundmodelle oder lediglich der aggressivsten Strategie genüge den gesetzlichen Anforderungen, da eine individuelle Prüfung aller Strategien unverhältnismässig sei.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde der Sammelstiftung ab und bestätigt die Anordnung der Aufsichtsbehörde, jede einzelne angebotene Anlagestrategie vorab auf ihre Angemessenheit prüfen zu lassen. Das Gericht stellt fest, dass die von der Beschwerdeführerin angebotene Menge von Strategien (Angaben zwischen 1'000 und 3'465 je nach Zeitpunkt) das Prinzip der Kollektivität verletzt. Gemäss Art. 1 Abs. 3 BVG und Art. 1e BVV 2 darf eine Vorsorgeeinrichtung nicht so viele Strategien anbieten, dass die Kollektivität praktisch unrealistisch wird; bei Sammelstiftungen gelten fünf bis zehn Strategien pro Vorsorgewerk als Obergrenze. Da hier eine vollständige Individualisierung vorliegt, reicht die Prüfung der vier Grundmodelle nicht aus.

Die Angemessenheitsprüfung gemäss Art. 1 BVV 2 muss im Einzelfall erfolgen, weil der direkte Konnex zwischen Ertrag und Leistungshöhe besteht. Der pauschale Ansatz der Stiftung, nur die "aggressivste" Strategie mit dem höchsten Aktienanteil zu prüfen, ist ungenügend, da nicht generell gesagt werden kann, dass Aktien stets höhere Performance liefern als Obligationen oder Immobilien. Auch die Begrenzung der Einkaufsmöglichkeiten bei Renditen über 2 % verhindert nicht, dass die Angemessenheitsgrenzen überschritten werden, sobald die Einkaufslimite erreicht ist. Die Aufsichtsbehörde stützt sich korrekt auf ihre Kompetenzen nach Art. 62 Abs. 1 und 2 BVG sowie Art. 84 Abs. 2 ZGB, um Massnahmen zur Behebung von Mängeln anzuordnen. Die Pflicht des Experten zur Prüfung ergibt sich aus Art. 52e BVG (bzw. aArt. 53 Abs. 2 BVG). Eine Verletzung der Organisationsautonomie liegt nicht vor, da die Angemessenheitsprüfung eine gesetzliche Pflicht ist.

Regeste

Art. 1e BVV 2; Geltung der Grundsätze der beruflichen Vorsorge auch für Vorsorgeeinrichtungen mit freier Wahl der Anlagestrategien im rein überobligatorischen Bereich. Welche Zahl von Anlagestrategien pro Vorsorgeplan oder Vorsorgewerk eine Vorsorgeeinrichtung im Rahmen von Art. 1e BVV 2 anbieten darf, hat der Bundesrat nicht ziffernmässig festgelegt. Die Verordnungsbestimmung darf aber nicht durch exzessive Auslegung ausgehöhlt und auf diesem Weg der Grundsatz der Kollektivität ausser Kraft gesetzt werden. Sammelstiftungen mit vielen angeschlossenen Vorsorgewerken ist es verwehrt, ein derart grosses Angebot vorzusehen, dass die Kollektivität praktisch nicht mehr realistisch ist (E. 5.3). Auch Vorsorgelösungen mit frei gewählter Anlagestrategie haben die Angemessenheit der Vorsorge einzuhalten. Verlangt die Aufsichtsbehörde eine entsprechende Vorabprüfung jeder einzelnen Strategie durch den Experten, ist dies weder unangemessen noch sonst wie bundesrechtswidrig (E. 6.5). Regeste Art. 1e OPP 2; application des principes de la prévoyance professionnelle aux institutions de prévoyance avec libre choix des stratégies de placement actives uniquement dans le domaine de la prévoyance plus étendue. Le nombre de stratégies de placement que peut offrir une institution de prévoyance dans le cadre d'un même plan de prévoyance ou d'une même oeuvre de prévoyance au sens de l'art. 1e OPP 2 n'a pas été fixé précisément par le Conseil fédéral. Cette disposition réglementaire ne saurait toutefois être vidée de son contenu par le biais d'une interprétation extensive, avec pour effet de rendre inopérant le principe de la collectivité. Il est interdit aux institutions collectives auxquelles de nombreuses oeuvres de prévoyance sont affiliées de prévoir une offre tellement importante que le respect du principe de la collectivité n'apparaît plus réaliste (consid. 5.3). Les solutions de prévoyance avec libre choix de la stratégie de placement doivent également respecter le principe d'adéquation de la prévoyance. Le fait que l'autorité de surveillance exige un examen préalable de chaque stratégie de placement par l'expert en matière de prévoyance professionnelle n'est pas disproportionné ni de toute autre manière contraire au droit fédéral (consid. 6.5). Regesto Art. 1e OPP 2; validità dei principi della previdenza professionale anche per gli istituti di previdenza con libera scelta delle strategie d'investimento nel solo ambito della previdenza sovraobbligatoria. Il numero delle strategie d'investimento che può offrire un istituto di previdenza per ogni piano di previdenza o cassa di previdenza nell'ambito dell'art. 1e OPP 2 non è stato disciplinato in maniera precisa dal Consiglio federale. Questa disposizione regolamentare non può però essere svuotata dal suo contenuto con un'interpretazione estensiva, avente per effetto di rendere inoperante il principio della collettività. È fatto divieto alle fondazioni collettive con molte casse di previdenza affiliate di prevedere un'offerta così grande da rendere irrealistico il rispetto del principio della collettività (consid. 5.3). Anche le soluzioni di previdenza con libera scelta della strategia d'investimento devono rispettare il principio d'adeguatezza della previdenza. Il fatto che l'autorità di vigilanza esiga un esame preliminare di ogni strategia d'investimento ad opera del perito riconosciuto in materia di previdenza professionale non è sproporzionato né tanto meno contrario al diritto federale (consid. 6.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.