Vollstreckung österreichischer Urlaubskassen-Urteile gegen Schweizer Bauunternehmen: Definitive Rechtsöffnung verweigert (Art. 1 Ziff. 1 LugÜ)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 III 28 · ATF 141 III 28 · DTF 141 III 28
- Datum
- 19.11.2014
- Geschäftsnummer
- 5A_249/2014
- Abteilung
- II. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 74 BGG Art. 1 BUAG Art. 4 BUAG Art. 4a BUAG Art. 8 BUAG Art. 14 BUAG Art. 21 BUAG Art. 22 BUAG Art. 23 BUAG Art. 23a BUAG Art. 23b BUAG Art. 25 BUAG Art. 26 BUAG Art. 33d BUAG Art. 33f BUAG Art. 33g BUAG Art. 33h BUAG Art. 29 BV Art. 8 FZA Art. 9 FZA Art. 1 LugÜ Art. 32 LugÜ Art. 80 SchKG
Zusammenfassung
Die BUAK Bauarbeiter-Urlaubs- & Abfertigungskasse (Beschwerdeführerin), eine Körperschaft des österreichischen öffentlichen Rechts, erwirkte vor österreichischen Gerichten Urteile gegen eine Schweizer Baufirma (Beschwerdegegnerin). Diese hatte für in Österreich entsandte Arbeitnehmer Lohnzuschläge an die Kasse nicht entrichtet. Gestützt auf diese ausländischen Titel leitete die Kasse in der Schweiz eine Betreibung ein und beantragte beim Kreisgericht St. Gallen die definitive Rechtsöffnung. Das erstinstanzliche Gericht wies das Begehren ab, ebenso das Kantonsgericht St. Gallen im Berufungsverfahren. Die Kasse erhob Beschwerde in Zivilsachen an das Bundesgericht und machte geltend, die Forderung sei zivilrechtlicher Natur und daher nach dem Lugano-Übereinkommen vollstreckbar; hilfsweise berief sie sich auf das Freizügigkeitsabkommen und die EU-Verordnung zur Koordinierung der Sozialversicherungssysteme.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war. Es qualifizierte die Forderung der österreichischen Urlaubskasse gegen den Arbeitgeber als öffentlich-rechtlich und damit als nicht vollstreckbar nach dem Lugano-Übereinkommen (LugÜ).
Das Gericht prüfte zunächst die Zulässigkeit der Beschwerde in Zivilsachen trotz Unterschreitung des Streitwerts von Fr. 30'000.--. Es bejahte das Vorliegen einer Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung gemäss Art. 74 Abs. 2 lit. a BGG, da die Frage der Vollstreckbarkeit solcher ausländischer öffentlich-rechtlicher Forderungen höchstrichterlich noch nicht geklärt war.
In der Sache stellte das Gericht fest, dass die Tätigkeit der Kasse gegenüber den Arbeitgebern durch hoheitliche Befugnisse geprägt ist. Gemäss dem österreichischen Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungsgesetz (BUAG) erhebt die Kasse Lohnzuschläge, die auch Verwaltungsaufwand decken, legt deren Höhe per Verordnung fest und verfügt über umfassende Kontroll-, Melde- und Auskunftspflichten sowie Sanktionsmöglichkeiten (§§ 1 ff., 21 ff., 25 ff., 32 ff. BUAG). Dieses Verhältnis sei durch Subordination gekennzeichnet, nicht durch Gleichrangigkeit wie bei privatrechtlichen Ansprüchen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Da das LugÜ nur Zivil- und Handelssachen erfasst (Art. 1 Ziff. 1 und 2 LugÜ), scheide eine Vollstreckung nach diesem Übereinkommen aus. Auch subsidiäre staatsvertragliche Grundlagen oder das IPRG halfen nicht weiter.
Hilfsweise prüfte das Gericht die Vollstreckbarkeit gestützt auf das Freizügigkeitsabkommen (FZA) und die Verordnung (EG) Nr. 883/2004. Es verneinte, dass Urlaubsleistungen unter den abschliessenden Katalog der Zweige der sozialen Sicherheit in Art. 3 Abs. 1 der Verordnung fallen. Der Urlaub sei kein unvorhersehbares Risiko wie Krankheit oder Invalidität. Auch Art. 3 Abs. 2 der Verordnung erweitere den Geltungsbereich nicht. Schliesslich begründe der Gleichbehandlungsgrundsatz in Art. 9 Abs. 1 Anhang I FZA keine ausdrückliche Grundlage für die Vollstreckung ausländischer öffentlich-rechtlicher Urteile im Inland.
Die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV) wegen angeblich unzureichender Begründung der Vorinstanz wurde verworfen, da sich das Kantonsgericht auf die wesentlichen Punkte beschränken durfte.
Die Beschwerdeführerin trägt die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- und hat die Beschwerdegegnerin mit Fr. 2'500.-- zu entschädigen.
Regeste
Art. 80 Abs. 1 SchKG; Art. 1 LugÜ; Entsenderichtlinie (96/71/EG); Freizügigkeitsabkommen; Verordnung (EG) Nr. 883/2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit. Kann definitive Rechtsöffnung gestützt auf ein österreichisches Urteil erteilt werden, in welchem eine Schweizer Gesellschaft zu Zahlungen an die österreichische Urlaubskasse für Bauarbeiter verpflichtet wurde? Begriff der Zivil- und Handelssache im Sinne von Art. 1 LugÜ und Abgrenzung von öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten. Anwendung auf den vorliegenden Fall (E. 3.1). Sachlicher Geltungsbereich der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 und Beurteilung, ob die Leistungen der österreichischen Urlaubskasse darunterfallen (E. 3.2.1-3.2.3). Bedeutung des Gleichbehandlungsgebots gemäss Art. 9 Abs. 1 des Anhangs I des Freizügigkeitsabkommens für die Vollstreckung (E. 3.2.4). Regeste Art. 80 al. 1 LP; art. 1 CL; Directive (96/71/CE) concernant le détachement de travailleurs; Accord sur la libre circulation des personnes; Règlement (CE) n° 883/2004 portant sur la coordination des systèmes de sécurité sociale. La mainlevée définitive peut-elle être prononcée sur la base d'un jugement autrichien, dans lequel une société suisse est reconnue débitrice de la Caisse des congés payés autrichienne pour les ouvriers du bâtiment? Notion d'activité civile et commerciale au sens de l'art. 1 CL et délimitation de cette notion par rapport à celle en matière administrative. Application au cas d'espèce (consid. 3.1). Champ d'application matériel du règlement (CE) n° 883/2004; appréciation du point de savoir si les prestations de la Caisse des congés payés autrichienne en font partie (consid. 3.2.1-3.2.3). Portée, pour l'exécution, du principe de l'égalité de traitement selon l'art. 9 par. 1 de l'Annexe I de l'Accord sur la libre circulation des personnes (consid. 3.2.4). Regesto Art. 80 cpv. 1 LEF; art. 1 CLug; Direttiva (96/71/CE) relativa al distacco dei lavoratori; Accordo sulla libera circolazione delle persone; Regolamento (CE) n. 883/2004 relativo al coordinamento dei sistemi di sicurezza sociale. Il rigetto definitivo dell'opposizione può essere concesso sulla base di una sentenza austriaca, nella quale una società svizzera è stata obbligata ad effettuare dei pagamenti alla cassa austriaca delle ferie retribuite per gli operai edili? Nozione di materia civile e commerciale ai sensi dell'art. 1 CLug e distinzione dalla materia di diritto pubblico. Applicazione al caso di specie (consid. 3.1). Campo di applicazione materiale del Regolamento (CE) n. 883/2004; esame della questione a sapere se esso comprende le prestazioni della cassa austriaca delle ferie retribuite (consid. 3.2.1-3.2.3). Portata, per l'esecuzione, del principio della parità di trattamento dell'art. 9 par. 1 dell'Allegato I dell'Accordo sulla libera circolazione delle persone (consid. 3.2.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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