Beschwerdeführer gegen SRG verweigert Replikrecht vor UBI: Kein zweiter Schriftenwechsel geschuldet, da keine gerichtliche Behörde (Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 EMRK)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 138 I 154 · ATF 138 I 154 · DTF 138 I 154
- Datum
- 12.04.2012
- Geschäftsnummer
- BGE 138 I 154
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 29 BV Art. 6 EMRK Art. 1 PA Art. 57 PA Art. 96 RTVG Art. 1 VwVG Art. 57 VwVG
Zusammenfassung
Ein Beschwerdeführer focht Entscheide der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) beim Bundesgericht an. Er rügte eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, weil die UBI ihm nach Einholung einer Stellungnahme der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) keinen weiteren Schriftenwechsel (Replik) gewährt hatte. Der Beschwerdeführer verlangte die Aufhebung der Entscheide und Rückweisung zur Gewährung des Replikrechts.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war. Es stellte fest, dass weder das Verwaltungsverfahrensgesetz (VwVG) noch das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) eine generelle Pflicht zur Durchführung eines zweiten Schriftenwechsels vorsehen; dieser liegt im pflichtgemässen Ermessen der Beschwerdeinstanz (Art. 57 Abs. 2 VwVG; Art. 96 Abs. 2 RTVG). Ein verfassungsrechtlicher Anspruch auf Replik ergibt sich aus Art. 29 Abs. 2 BV nur dann, wenn die Stellungnahmen der Vorinstanz oder Gegenpartei prozessual zulässige und entscheidrelevante Noven enthalten. Im konkreten Fall hatte sich der Beschwerdeführer in den meisten Verfahren bereits ausführlich zur Sache geäussert oder beantragte in den übrigen Fällen trotz Kenntnis der Rechtsprechung keinen Schriftenwechsel, sondern protestierte lediglich formal gegen die Verweigerung des "Rechts auf Replik".
Weiter prüfte das Gericht, ob ein umfassenderes Recht auf Kenntnisnahme und Stellungnahme gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zu Art. 6 Ziff. 1 EMRK vorliegt. Das Bundesgericht qualifizierte die UBI jedoch nicht als gerichtliche Behörde im Sinne von Art. 6 Ziff. 1 EMRK. Zwar sei die UBI weisungsunabhängig, doch handle es sich bei ihr um eine Behördenkommission der dezentralen Bundesverwaltung mit Aufsichtsfunktion über den Inhalt redaktioneller Sendungen, ähnlich wie bei der Wettbewerbskommission oder FINMA. Da Art. 6 Ziff. 1 EMRK auf das Verfahren vor der UBI nicht anwendbar ist, kann dieses spezifische Recht nicht verletzt sein. Auch aus Art. 29 BV lässt sich ein solches Recht für Verfahren vor nicht-gerichtlichen Behörden nicht ableiten.
Schliesslich verwies das Gericht darauf, dass selbst bei Annahme eines solchen Rechts der Beschwerdeführer rechtsmissbräuchlich gehandelt habe, indem er auf einer leeren Formalität beharrte, ohne substantiierte neue Argumente vorzubringen, was keinen effektiven Rechtsschutz verdiene.
Regeste
Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 EMRK; Art. 1 Abs. 2 lit. d und Art. 57 VwVG; Art. 96 RTVG; Anspruch auf rechtliches Gehör in der Form der Replik in und ausserhalb von Gerichtsverfahren. Weder aus VwVG noch RTVG ergibt sich eine generelle Pflicht zur Durchführung eines zweiten Schriftenwechsels. Soweit Eingaben von Vorinstanz oder Gegenpartei Noven enthalten, die prozessual zulässig und materiell geeignet sind, den Entscheid zu beeinflussen, fliesst ein "Replikrecht i.e.S." unmittelbar aus Art. 29 Abs. 2 BV. Es findet auf sämtliche Verfahren vor Verwaltungs- und Gerichtsbehörden Anwendung. Das auf Art. 6 Ziff. 1 EMRK gestützte "Recht auf Kenntnisnahme von und Stellungnahme zu Eingaben der übrigen Verfahrensbeteiligten" hängt demgegenüber nicht von der Entscheidrelevanz ab und findet auf alle Gerichtsverfahren Anwendung, mithin auch auf solche, die nicht in den Schutzbereich von Art. 6 Ziff. 1 EMRK fallen (E. 2.3), nicht hingegen auf Verfahren vor anderen als gerichtlichen Behörden (E. 2.5). Die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen ist keine gerichtliche Behörde im Sinne von Art. 6 Ziff. 1 EMRK (E. 2.7 und 2.8). Regeste Art. 29 al. 2 Cst.; art. 6 par. 1 CEDH; art. 1 al. 2 let. d et art. 57 PA; art. 96 LRTV; droit d'être entendu en relation avec la réplique, en procédure judiciaire et dans d'autres procédures. Une obligation générale de procéder à un second échange d'écritures ne découle ni de la PA ni de la LRTV. Dans la mesure où les déterminations de l'instance précédente ou de la partie adverse contiennent de nouveaux éléments qui sont admissibles au plan procédural et matériellement susceptibles d'influer sur le jugement à rendre, un "droit à répliquer" au sens étroit découle directement de l'art. 29 al. 2 Cst. Il s'applique à toutes les procédures judiciaires et administratives. Le "droit de prendre connaissance et de se déterminer sur les allégations des autres participants à la procédure" fondé sur l'art. 6 par. 1 CEDH ne dépend quant à lui pas de la pertinence de l'allégation pour la décision à rendre et concerne toutes les procédures judiciaires, même celles qui n'entrent pas dans le champ de protection de l'art. 6 par. 1 CEDH (consid. 2.3). Il ne s'applique en revanche pas aux procédures devant d'autres autorités (consid. 2.5). L'Autorité indépendante d'examen des plaintes en matière de radio-télévision n'est pas une autorité judiciaire au sens de l'art. 6 par. 1 CEDH (consid. 2.7 et 2.8). Regesto Art. 29 cpv. 2 Cost.; art. 6 n. 1 CEDU; art. 1 cpv. 2 lett. d e art. 57 PA; art. 96 LRTV; diritto di essere sentito in relazione con la replica in una procedura giudiziaria e in altre procedure. Un obbligo generale di procedere ad un secondo scambio di scritti non risulta né dalla PA né dalla LRTV. Nella misura in cui le osservazioni dell'autorità precedente o della controparte contengono nuovi elementi, ammissibili dal profilo processuale e suscettibili d'influire sul giudizio da pronunciare, un "diritto di replicare" in senso stretto scaturisce direttamente dall'art. 29 cpv. 2 Cost. Esso si applica in tutte le procedure giudiziarie e amministrative. Da parte sua, il "diritto di prendere conoscenza e di pronunciarsi sulle allegazioni degli altri partecipanti alla procedura", fondato sull'art. 6 n. 1 CEDU, non dipende, ai fini del giudizio da emanare, dalla pertinenza dell'allegazione e si applica in tutti i procedimenti giudiziari anche quelli che non rientrano nella sfera di protezione dell'art. 6 n. 1 CEDU (consid. 2.3). Non vale invece nelle procedure dinanzi ad altre autorità (consid. 2.5). L'Autorità indipendente di ricorso in materia radiotelevisiva non è un'autorità giudiziaria ai sensi dell'art. 6 n. 1 CEDU (consid. 2.7 e 2.8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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