UBI unzuständig für individualrechtlichen Persönlichkeitsschutz bei Sendung: Beschwerde SRG gutgeheissen, Entscheid aufgehoben (Art. 58 Abs. 2, 62 Abs. 2, 64 Abs. 3, 65 Abs. 1 aRTVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 134 II 260 · ATF 134 II 260 · DTF 134 II 260
- Datum
- 26.06.2008
- Geschäftsnummer
- BGE 134 II 260
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 93 BV Art. 7 EÜGF Art. 4 RTVG Art. 96 RTVG Art. 6 aRTVG Art. 62 aRTVG Art. 64 aRTVG Art. 65 aRTVG
Zusammenfassung
Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) strahlte am 6. Februar 2007 in der Sendung "Kassensturz" einen Beitrag über Schönheitschirurgen aus, in dem eine Journalistin mit versteckter Kamera Aufnahmen in der Praxis eines bekannten Schönheitschirurgen machte. Ein Dritter beanstandete die Sendung wegen illegaler Filmaufnahmen und unzureichender Recherche bei der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI). Die UBI hiess die Beschwerde gut und stellte fest, dass der Beitrag die Programmbestimmungen verletze, da die Persönlichkeit des Arztes verletzt worden sei. Die SRG erhob daraufhin Beschwerde beim Bundesgericht und begehrte die Aufhebung des Entscheids der UBI sowie die Feststellung, dass keine Verletzung der Programmrechtsbestimmungen vorliege.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde der SRG gut und hebt den angefochtenen Entscheid der UBI auf. Die UBI hat ihre Kompetenz überschritten, indem sie eine Persönlichkeitsverletzung des Schönheitschirurgen feststellte. Gemäss Art. 58 Abs. 2 aRTVG beurteilt die UBI ausschliesslich die Einhaltung rundfunkrechtlicher Regeln; für individuelle Persönlichkeitsverletzungen sind die ordentlichen Zivil- und Strafgerichte zuständig. Dies ergibt sich aus Art. 6 Abs. 1 aRTVG, wonach nur programmrelevante objektive Schutzziele wie Jugendschutz oder Religionsfrieden zur Programmaufsicht gehören, nicht aber individualrechtliche Ansprüche.
Art. 64 Abs. 3 aRTVG, der es der UBI erlaubt, Beschwerden abzulehnen wenn zivil- oder strafrechtliche Rechtsbehelfe offenstehen, begründet keine Kompetenzerweiterung, sondern soll Doppelspurigkeiten vermeiden. Auch Art. 93 Abs. 5 BV verlangt keinen Individualrechtsschutz durch die UBI. Das Europäische Übereinkommen über das grenzüberschreitende Fernsehen (Art. 7 Ziff. 1 EÜGF) verpflichtet zwar zur Achtung der Menschenwürde, begründet aber kein spezielles Verfahren vor der UBI für individuelle Persönlichkeitsverletzungen. Zudem sind Persönlichkeitsrechte höchstpersönlich und nicht übertragbar, weshalb ein Dritter sie nicht vor der UBI geltend machen kann. Ob tatsächlich eine Persönlichkeitsverletzung vorliegt, müssen die zuständigen ordentlichen Gerichte prüfen, falls der direkt Betroffene diese anruft.
Regeste
Art. 93 Abs. 5 BV; Art. 7 Ziff. 1 des Europäischen Übereinkommens über das grenzüberschreitende Fernsehen; Art. 6 Abs. 1, 58 Abs. 2, 62 Abs. 2, 64 Abs. 3 und 65 Abs. 1 aRTVG; Art. 4 Abs. 1 und Art. 96 Abs. 3 RTVG; Aufnahmen mit versteckter Kamera bei einem Schönheitschirurgen; individualrechtlicher Persönlichkeitsschutz. Pflicht der Veranstalter von Radio- und Fernsehsendungen zur Beachtung der Grundrechte und namentlich der Menschenwürde (E. 6.2 und 6.6). Fehlende Kompetenz der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen, Persönlichkeitsverletzungen im Zusammenhang mit einer Radio- oder Fernsehsendung zu beurteilen (E. 6 und 7). Regeste Art. 93 al. 5 Cst.; art. 7 par. 1 de la Convention européenne sur la télévision transfrontière; art. 6 al. 1, 58 al. 2, 62 al. 2, 64 al. 3 et 65 al. 1 aLRTV; art. 4 al. 1 et art. 96 al. 3 LRTV; utilisation d'une caméra cachée lors d'un entretien avec un chirurgien esthétique; droit individuel à la protection de la personnalité. Obligation des diffuseurs de programmes de radio et télévision de respecter les droits fondamentaux, notamment la dignité humaine (consid. 6.2 et 6.6). L'Autorité indépendante d'examen des plaintes en matière de radio-télévision n'est pas compétente pour juger des éventuelles violations de la personnalité en relation avec une émission de radio ou télévision (consid. 6 et 7). Regesto Art. 93 cpv. 5 Cost.; art. 7 n. 1 della Convenzione europea sulla televisione transfrontaliera; art. 6 cpv. 1, 58 cpv. 2, 62 cpv. 2, 64 cpv. 3 e 65 cpv. 1 vLRTV; art. 4 cpv. 1 e art. 96 cpv. 3 LRTV; registrazione di un colloquio con un chirurgo estetico con una telecamera nascosta; diritto individuale alla protezione della personalità. Obbligo dell'emittente di trasmissioni radiotelevisive di rispettare i diritti fondamentali, segnatamente la dignità umana (consid. 6.2 e 6.6). Incompetenza dell'Autorità indipendente di ricorso in materia radiotelevisiva di pronunciarsi su lesioni della personalità in relazione con una trasmissione radiotelevisiva (consid. 6 e 7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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