Dreiecksbetrug: Rechtliches Gehör verletzt, keine Zuständigkeit für Auslandstaten, Adhäsionsprozess zulässig (Art. 146 StGB, Art. 7 aStGB, Art. 129 IPRG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 133 IV 171 · ATF 133 IV 171 · DTF 133 IV 171
- Datum
- 30.05.2007
- Geschäftsnummer
- BGE 133 IV 171
- Abteilung
- CH_BGE_006
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 29 BV Art. 129 IPRG Art. 146 StGB Art. 43 StP/SG Art. 7 aStGB
Zusammenfassung
Der Beschwerdeführer X., österreichischer Staatsbürger mit Wohnsitz in Litauen, wurde vom Kantonsgericht St. Gallen wegen gewerbsmässigen Betrugs und Veruntreuung verurteilt. Er hatte Anleger über Kredite getäuscht, wobei Gelder an eine zypriotische Firma überwiesen wurden. Im Fall J. Inc./K. verfügte ein Getäuschter über fremdes Vermögen, ohne dass dieser als Zeuge befragt wurde. Zudem bestreitet X. die schweizerische Zuständigkeit für Taten, die vollständig im Ausland stattfanden, sowie die örtliche Zuständigkeit des Kreisgerichts Alttoggenburg-Wil für die adhäsionsweise geltend gemachten Zivilforderungen.
Das Bundesgericht heisst die staatsrechtliche Beschwerde teilweise gut und hebt das Urteil bezüglich des Betrugs im Fall J. Inc./K. sowie der Zivilforderungen für die Fälle ohne Inlandsbezug auf. Die übrigen Rügen werden abgewiesen.
Hinsichtlich des Dreiecksbetrugs im Fall J. Inc./K. verletzte das Kantonsgericht das rechtliche Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV), indem es auf die Befragung des Getäuschten K. verzichtete. Da K. über fremdes Vermögen verfügte, war seine Kenntnis entscheidend für die Abgrenzung zwischen Betrug und Diebstahl in mittelbarer Täterschaft. Ohne dessen Einvernahme liess sich die Täuschung nicht hinreichend prüfen.
Für die gewerbsmässig begangenen Betrüge zugunsten der Gruppe um N. und D. fehlt die schweizerische Zuständigkeit nach Art. 7 aStGB. Die Vertragsabschlüsse und Zahlungen fanden in Österreich bzw. Zypern statt, ohne dass Gelder auf Schweizer Konten flossen. Nachträgliche „Vertröstungshandlungen“ aus der Schweiz stellen lediglich Nachtatverhalten dar, da Schaden und Bereicherung bereits mit der Zahlung der Commitment Fee eingetreten waren. Sie begründen keinen Handlungs- oder Erfolgsort in der Schweiz.
Im Zivilpunkt bestätigt das Gericht hingegen grundsätzlich die Zulässigkeit des Adhäsionsprozesses am Strafgerichtsstand. Trotz fehlender ausdrücklicher Regelung in Art. 129 IPRG folgt aus Sinn und Zweck des Instituts, dass der Beschuldigte sich nicht auf den Wohnsitzgerichtsstand berufen kann. Dies gilt auch international, sofern für den Strafpunkt eine Zuständigkeit besteht. Für die Forderungen von B., C. und D. fehlt diese jedoch mangels Inlandsbezugs der Straftat, weshalb die Zivilklagen dort unzulässig sind. Für die übrigen Kläger bleibt die Zuständigkeit des Kreisgerichts Alttoggenburg-Wil bestehen.
Regeste
Art. 146 StGB (Dreiecksbetrug); Art. 7 aStGB (schweizerische Zuständigkeit im Strafpunkt); Art. 129 IPRG und Art. 30 Abs. 2 BV (Zivilpunkt, Adhäsionsprozess). Schädigt der Getäuschte nicht sich selbst, sondern einen Dritten, setzt die Erfüllung des Betrugstatbestands voraus, dass der Getäuschte für den Vermögenskreis des Geschädigten verantwortlich ist und darüber zumindest in tatsächlicher Hinsicht verfügen kann. Diese Stellung des Getäuschten im Umfeld des Geschädigten ermöglicht die Abgrenzung zum Diebstahl, begangen in mittelbarer Täterschaft (E. 4.3). Im internationalen Verhältnis ist bei mehreren gewerbsmässig verübten Taten für jede einzelne selbständig zu prüfen, ob der Handlungs- oder der Erfolgsort gemäss Art. 7 aStGB in der Schweiz liegt (E. 6.3). Ein arglistiges Bestärken in einem Irrtum nach erfolgter Vermögensverfügung sowie nach Eintritt von Schaden und Bereicherung ist als Nachtatverhalten für die Begründung der Zuständigkeit nicht mehr von Relevanz (E. 6.5). Das IPRG sieht nicht ausdrücklich einen Adhäsionsgerichtsstand vor (E. 9.2). Art. 129 IPRG geht mit Rücksicht auf Art. 30 Abs. 2 BV vom Wohnsitzgerichtsstand aus. Sinn und Zweck des Instituts des Adhäsionsprozesses gebieten, dass sich der einer strafbaren Handlung Beschuldigte nicht auf die Garantie des Wohnsitzgerichtsstands berufen kann. Die adhäsionsweise Geltendmachung von Zivilforderungen am Forum des Strafgerichts ist daher auch im internationalen Verhältnis zulässig (E. 9.4). Regeste Art. 146 CP (escroquerie triangulaire); art. 7 aCP (compétence pénale des autorités suisses); art. 129 LDIP et art. 30 al. 2 Cst. (action civile). Lorsque la dupe porte préjudice non pas à ses propres intérêts mais à ceux d'un tiers, la réalisation de l'escroquerie nécessite que la dupe soit responsable du patrimoine visé et au moins qu'elle puisse en disposer effectivement. Cette position de la dupe dans le cercle du lésé rend possible la distinction avec le vol commis indirectement (consid. 4.3). Sur le plan international, en présence de plusieurs infractions commises par métier, il faut examiner pour chacune d'elles, conformément à l'art. 7 aCP, si l'auteur a agi ou si le résultat s'est produit en Suisse (consid. 6.3). Une exploitation astucieuse de l'erreur, après l'obtention de l'acte de disposition et après que le dommage et l'enrichissement se sont produits, constitue un acte postérieur à l'infraction. Il n'est plus pertinent pour déterminer la compétence (consid. 6.5). La LDIP ne prévoit pas expressément un for pour les parties civiles (consid. 9.2). L'art. 129 LDIP s'en tient au for du domicile, en référence à l'art. 30 al. 2 Cst. Le sens et le but de l'institution de l'action civile jointe justifient que celui qui est accusé d'une infraction pénale ne peut pas invoquer la garantie du for du domicile. L'action civile jointe, introduite au for du tribunal pénal, est ainsi admissible également sur le plan international (consid. 9.4). Regesto Art. 146 CP (truffa triangolare); art. 7 vCP (competenza penale delle autorità svizzere); art. 129 LDIP e art. 30 cpv. 2 Cost. (azione civile, processo in via adesiva). Qualora la persona ingannata compia atti pregiudizievoli non al proprio patrimonio, bensì a quello di un terzo, l'adempimento del reato di truffa presuppone che ella sia responsabile della sfera patrimoniale del danneggiato e abbia su tale patrimonio un potere di disposizione quantomeno di fatto. Questa posizione della persona ingannata nella sfera del danneggiato permette la distinzione con il furto commesso da un autore mediato (consid. 4.3). In ambito internazionale, in presenza di più infrazioni commesse per mestiere, occorre esaminare per ciascuna di esse se, conformemente all'art. 7 vCP, il luogo della commissione del reato o quello in cui si verifica l'evento si trovi in Svizzera (consid. 6.3). In quanto comportamento posteriore al reato, la conferma subdola dell'errore dopo la commissione di atti pregiudizievoli al patrimonio come pure dopo l'insorgenza del danno e la realizzazione del profitto non ha nessuna incidenza sulla determinazione della competenza (consid. 6.5). La LDIP non prevede espressamente nessun foro per l'azione adesiva (consid. 9.2). L'art. 129 tiene conto dell'art. 30 cpv. 2 Cost. relativo al foro del domicilio della parte convenuta. Il senso e lo scopo dell'istituzione del processo in via adesiva impongono che la persona accusata di un reato non possa prevalersi della garanzia del foro di domicilio. È perciò ammissibile anche in presenza di collegamenti internazionali far valere in via adesiva le conclusioni civili al foro del tribunale penale (consid. 9.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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