Kindsvater beantragt Betreuungsentschädigung während Mutterschaftsentschädigung der Mutter für dasselbe schwer krankes Neugeborenes: Vorrangregelung für beide Eltern gilt uneingeschränkt (Art. 16g Abs. 1 lit. f EOG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 V 129 · ATF 151 V 129 · DTF 151 V 129
- Datum
- 30.08.2024
- Geschäftsnummer
- BGE 151 V 129
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Die Ausgleichskasse Zürcher Arbeitgeber (AZA) lehnte den Antrag des A. auf Betreuungsentschädigung für seinen am 11. November 2021 geborenen, gesundheitlich schwer beeinträchtigten Sohn ab, weil die Kindsmutter zum selben Zeitpunkt Mutterschaftsentschädigung bezog. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hob diesen Entscheid teilweise auf und verwies die Sache zur Prüfung der übrigen Anspruchsvoraussetzungen zurück. Die AZA erhob daraufhin Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten. Streitig war, ob die Prioritätsregelung in Art. 16g Abs. 1 lit. f EOG, wonach die Mutterschaftsentschädigung den Bezug der Betreuungsentschädigung für dasselbe Kind ausschliesst, auch den Anspruch des Vaters betrifft, wenn die Mutter Mutterschaftsentschädigung bezieht.
Das Bundesgericht hob den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen auf und bestätigte den Einspracheentscheid der Ausgleichskasse Zürcher Arbeitgeber, mit dem der Anspruch des A. auf Betreuungsentschädigung abgelehnt wurde.
Der Ausschluss des Anspruchs auf Betreuungsentschädigung durch Art. 16g Abs. 1 lit. f EOG gilt für beide Eltern, da der klare Wortlaut der Norm – „für dasselbe Kind“ – keine Unterscheidung zwischen Mutter und Vater vornimmt und kein triftiger Grund für eine abweichende Auslegung ersichtlich ist. Die Entstehungsgeschichte der Regelung, insbesondere die Botschaft zum Bundesgesetz über die Verbesserung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung, bestätigt ausdrücklich, dass die Prioritätsregel für beide Eltern gelten soll. Auch systematisch ist die Einordnung der Regelung im Abschnitt zur Mutterschaftsentschädigung nachvollziehbar, da sie an deren Bezug anknüpft. Der Zweck der Mutterschaftsentschädigung – Erholung der Mutter und intensive Betreuung des Neugeborenen in den ersten Monaten – rechtfertigt zudem, dass dieser Anspruch für die erste Phase nach der Geburt ausschliesslich der Mutter zusteht; ein frei aufteilbarer Anspruch auf Betreuungsentschädigung nach Art. 16q Abs. 4 EOG entsteht erst danach. Schliesslich besagt Art. 16n Abs. 2 EOG unmissverständlich, dass pro Krankheitsfall oder Unfall grundsätzlich nur ein Anspruch auf Betreuungsentschädigung entstehen kann; selbst bei gleichzeitiger Geburt eines weiteren Geschwisterkindes in einer Familie mit einem schwer kranken Kind entsteht daher nur ein Anspruch pro Krankheitsfall – hier zugunsten der Mutter für das Neugeborene, nicht zugunsten des Vaters für das bereits erkrankte Kind.
Die entscheidenden Normen sind Art. 16g Abs. 1 lit. f EOG (Vorrang der Mutterschaftsentschädigung), Art. 16n EOG (Anspruchsberechtigung der Eltern), Art. 16n Abs. 1 EOG (Voraussetzungen für den Anspruch), Art. 16n Abs. 2 EOG (ein Anspruch pro Krankheitsfall) und Art. 16s EOG (grundsätzlicher Ausschluss anderer Taggelder während der Betreuungsentschädigung).
Kosten wurden nicht separat geregelt, da es sich um eine Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten handelt und die Kostenfolgen im Regelfall gemäss Bundesgerichtsgesetz geregelt sind.
Die Entscheidung klärt endgültig, dass die Prioritätsregelung zwischen Mutterschafts- und Betreuungsentschädigung nicht geschlechtsspezifisch ist, sondern für beide Eltern gleichermaßen gilt – ein Grundsatzurteil zur Koordination dieser beiden Leistungen im schweizerischen Sozialversicherungsrecht.
Regeste
Art. 16g Abs. 1 lit. f und Art. 16n-16s EOG; Koordination der Betreuungsentschädigung mit der Mutterschaftsentschädigung. Es besteht kein triftiger Grund für ein Abweichen vom grundsätzlich klaren Wortlaut von Art. 16g Abs. 1 lit. f EOG, wonach der Vorrang des Anspruchs auf Mutterschaftsentschädigung gegenüber dem Anspruch auf Betreuungsentschädigung nach Art. 16n-16s EOG für beide Eltern gilt. Insbesondere stellt dies weder eine Ungleichbehandlung noch eine Diskriminierung des Kindsvaters dar. Ein frei aufteilbarer Anspruch auf Betreuungsentschädigung kann für beide Eltern grundsätzlich erst nach dem Ende des Anspruchs auf Mutterschaftsentschädigung entstehen (E. 5). Ein gleichzeitiger Anspruch auf Mutterschafts- und Betreuungsentschädigung kann bestehen, wenn in derselben Familie, in der ein gesundheitlich schwer beeinträchtigtes Kind lebt, ein weiteres Kind (Geschwister) zur Welt kommt. Es entsteht indessen auch in dieser, vom Gesetzgeber ausdrücklich vorgesehenen Konstellation nur ein Anspruch pro Krankheitsfall (E. 6). Regeste Art. 16g al. 1 let. f et art. 16n-16s LAPG; coordination de l'allocation de prise en charge avec l'allocation de maternité. Il n'y a pas de raison valable de s'écarter du texte en principe clair de l'art. 16g al. 1 let. f LAPG, selon lequel la priorité du droit à l'allocation de maternité sur le droit à l'allocation de prise en charge selon les art. 16n-16s LAPG s'applique aux deux parents. En particulier, cela ne constitue ni une inégalité de traitement ni une discrimination du père de l'enfant. Un droit à l'allocation de prise en charge répartissable librement ne peut en principe naître pour les deux parents qu'après la fin du droit à l'allocation de maternité (consid. 5). Un droit simultané à l'allocation de maternité et à l'allocation de prise en charge peut exister lorsqu'un autre enfant (frère ou soeur) vient au monde dans la même famille où vit un enfant gravement atteint dans sa santé. Toutefois, même dans cette constellation expressément prévue par le législateur, il n'existe qu'un droit par cas de maladie (consid. 6). Regesto Art. 16g cpv. 1 lett. f e art. 16n-16s LIPG; coordinazione tra l'indennità di assistenza e l'indennità di maternità. Non vi è alcun motivo valido per discostarsi dal testo in linea di principio chiaro dell'art. 16g cpv. 1 lett. f LIPG, secondo cui la priorità del diritto all'indennità di maternità rispetto al diritto sull'indennità di assistenza nel senso degli art. 16n-16s LIPG vale per entrambi i genitori. In particolare, questo non costituisce né una disparità di trattamento né una discriminazione nei confronti del padre del bambino. In linea di principio, il diritto all'indennità di assistenza, liberamente divisibile, può sorgere per entrambi i genitori solo dopo la fine del diritto all'indennità di maternità (consid. 5). Il diritto all'indennità di maternità e quello di assistenza possono sussistere contemporaneamente se un altro bambino (fratello o sorella) nasce nella stessa famiglia in cui vive un bambino con gravi problemi di salute. Tuttavia, anche in questa costellazione espressamente prevista dal legislatore, esiste un solo diritto per ogni caso di malattia (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.